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Dümpelte ohne Mannschaft und ohne Treibstoff auf offenem Meer: Das Handelsschiff «Ezadeen» mit 450 Flüchtlingen an Bord.
Dümpelte ohne Mannschaft und ohne Treibstoff auf offenem Meer: Das Handelsschiff «Ezadeen» mit 450 Flüchtlingen an Bord.Bild: keystone
Neue Masche von Schleuserbanden

«Geisterschiffe» könnten im Winter zum Regelfall werden

02.01.2015, 18:2002.01.2015, 18:32

Gleich zwei Mal innerhalb weniger Tage hat Italiens Küstenwache im Mittelmeer einen führungslosen Frachter mit Hunderten Flüchtlingen in Sicherheit gebracht. Experten vermuten ein neues System der Schlepperbanden.

Entdeckt wurde das manövrierunfähige Flüchtlingsboot «Ezadeen» am Donnerstagabend von einem Flugzeug, das nach Angaben der Küstenwache Kontakt zur Besatzung des Frachters aufnehmen wollte. Die Crew antwortet aber nicht.

Maövrierunfähig wegen fehlendem Treibstoff

Einer Passagierin gelang es schliesslich, die Küstenwache per Funk darüber zu informieren, dass die Besatzung von Bord gegangen sei. «Wir sind allein, hier ist niemand, helfen Sie uns», sagte die Frau laut Küstenwache-Sprecher Filippo Marini.

Die italienischen Einsatzkräfte gelangten am Freitag per Helikopter auf den fast 50-jährigen Frachter mit etwa 450 Migranten an Bord. Die Experten brachten das Schiff unter Kontrolle. Zuvor war der führungslose Frachter, dem der Treibstoff ausgegangen war, manövrierunfähig auf die süditalienische Küste zugesteuert.

Die unter der Flagge Sierra Leones fahrende «Ezadeen», die üblicherweise für Viehtransporte eingesetzt wird, sollte in den Hafen der kalabrischen Stadt Corigliano Calabro geschleppt werden, wo sie in der Nacht zum Samstag erwartet wurde. Ausgangspunkt der Fahrt mit den Flüchtlingen unbekannter Herkunft war ein türkischer Hafen gewesen, wie die Küstenwache mitteilte.

Mehr Gewinn mit grossen Schiffen

Bereits am Mittwoch hatten die Behörden den Frachter «Blue Sky M» mit knapp 800 Menschen an Bord auf hoher See gestoppt und an Land begleitet. watson-Leser Rocco Zippo hat ein Foto des «Geisterschiffs» geschickt. 

Die «Blue Sky M» im Hafen von Gallipoli
Die «Blue Sky M» im Hafen von GallipoliBild: watson-Leser Rocco zippo

Die meisten dieser Flüchtlinge auf der «Blue Sky M» waren aus Syrien gekommen. Das Phänomen der «Geisterschiffe» im Mittelmeer, die ohne Besatzung und vollgepfercht mit Flüchtlingen ihrem Schicksal überlassen werden, zeigt nach Ansicht der EU-Grenzschutzagentur Frontex einen «neuen Grad der Grausamkeit».

«Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters», sagte Frontex-Mediensprecherin Ewa Moncure in Warschau. Der Schmuggel von Flüchtlingen sei ein «Multimillionengeschäft».

Dass Schlepper nun statt kleineren Booten vereinzelt ältere Handelsschiffe mit besserer Seetauglichkeit einsetzten, sei wohl ein Versuch, ihr kriminelles Geschäft auch während des Winters zu betreiben, sagte ein Sprecher des deutschen Innenministeriums. Die Gewinnspannen mit grösseren Schiffen seien «enorm».

Die deutsche Regierung sieht keinen direkten Zusammenhang des neuen Phänomens mit der seit November 2014 im Einsatz stehenden europäischen Grenzsicherung «Triton». Das beschriebene Phänomen erfordere gegenwärtig keinen Strategiewechsel in der europäischen Asylpolitik.

Bei dem «Triton»-Einsatz, an dem als Schengen-Mitglied auch die Schweiz beteiligt ist, wurden laut deutschem Innenministerium seit November 2014 etwa 13'000 Migranten aus Seenot gerettet. Zudem seien 53 Schlepper festgenommen worden.

«Triton» dient vor allem der Grenzsicherung in Küstennähe und hat weniger Mittel zur Verfügung als die vorangegangen Mission «Mare Nostrum» des italienischen Militärs. Diese hatte auch Flüchtlingsboote weiter draussen auf dem Meer aufspüren können.

Tausende Tote

«Das ist der dritte Fall, den wir in den vergangenen Wochen registriert haben, bei dem ein Schiff mit Hunderten Menschen an Bord seinem Schicksal überlassen wurde», sagte Giovanni Pettorino von der Küstenwache der italienischen Nachrichtenagentur Adnkronos. Die Menschenschmuggler hätten wegen der hohen Einnahmen durch die Fahrpreise keine Skrupel, das Schiff mit Autopilot zu programmieren und zu verlassen.

Im vergangenen Jahr waren mehr als 170'000 illegale Einwanderer an der italienische Küste gelandet, die meisten kamen aus Syrien und Eritrea. Mindestens 3400 Flüchtlinge ertranken nach UNO-Angaben bei der gefährlichen Überfahrt nach Europa. (sda/dpa/reu/afp)

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