Schulden abbauen: «Da kann sich Frankreich ein Vorbild an der Schweiz nehmen»
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Am Wochenende kam es in Frankreich zu schweren Ausschreitungen. Die Demonstrationen vom Samstag, die als Protest gegen die hohen Lebenskosten begonnen hatten, mündeten in mehreren Städten des Landes in Gewalt und Plünderungen. Das Bild des brennenden Rathauses von Limoges ist zum Symbol dieses Chaos geworden.
Die Politik, allen voran Emmanuel Macron, verurteilte die Ausschreitungen weitgehend. Die ursprünglichen Anliegen der Demonstrierenden stellte auch Macron nicht infrage. Doch hinter den Fragen zur Kaufkraft und Lebenskosten verbirgt sich ein grundlegenderes Problem: die Finanzen eines Staates, der bereits hoch verschuldet ist.
Die Kreditwürdigkeit Frankreichs wird am Freitag durch die Ratingagentur «Moody's» erneut überprüft. Die Agentur hat in den vergangenen Jahren immer wieder angedroht, Frankreich als weniger kreditwürdig und stabil einzustufen.
Im Zuge der Unruhen sorgen sich auch die Finanzmärkte um die politische Stabilität Frankreichs. Ein Analyst des Wirtschaftsforschungsinstituts «Rexecode» verglich die Situation am Montag gegenüber der französischen Zeitung «Le Parisien» mit einem «Benzinkanister, der ins Feuer des Staatsdefizits geworfen wird».
Das französische Paradox
Die Staatsverschuldung beträgt mittlerweile fast 3600 Milliarden Euro. Das entspricht 119 Prozent des französischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Sie sei in den vergangenen Jahren gestiegen, erklärt Dominic Rohner, Wirtschaftsprofessor an der Universität Lausanne.
Dazu kommen beträchtliche Staatsausgaben. 2025 machten sie mehr als 57 Prozent des BIP aus, sieben Prozentpunkte mehr als im Durchschnitt der OECD-Länder. Damit werden unter anderem öffentliche Dienstleistungen, Renten und die soziale Absicherung finanziert.
«Anders als in gewissen angelsächsischen Ländern ist der Sozialstaat hier stark ausgeprägt», hält der Professor fest. Der Staat setze einen grossen Teil seiner Mittel ein, um seine Bevölkerung abzusichern. Die zunehmende Armut könne er aber nicht eindämmen:
Genau darin liegt das französische Paradox. Gleichzeitig schrumpft der finanzielle Spielraum des Staates für weitere Massnahmen. «Das ist ein Teufelskreis. Irgendwann muss man gegensteuern», fordert Rohner.
Um aus der Haushaltskrise zu finden, müsse Frankreich seine Verschuldung schneller in den Griff bekommen, so Rohner. «Je früher es gelingt, den Anstieg der Verschuldung zu bremsen, desto leichter wird die Last», sagt er. Dafür könne man sich ein Vorbild an der Schweizer Schuldenbremse nehmen.
Auch sonst will der Ökonom keine Kürzungen in Bildung, Forschung oder Sozialhilfe. Vielmehr brauche es Reformen, zum Beispiel ein duales Bildungssystem mit Hochschulbildung und Berufslehre ‒ nach Schweizer Vorbild.
Die internationale Lage verstärkt die Probleme
Die internationale Lage verschärft die Situation zusätzlich. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten und der Ölpreisschock treiben die Energiepreise in die Höhe und belasten die Kaufkraft. Hinzu kommen strukturelle Probleme: Die Bevölkerung wird älter, die Renten werden schwerer finanzierbar.
Gleichzeitig wird die Kreditaufnahme immer teurer. In mehreren grossen Volkswirtschaften steigen die Zinsen – auch Frankreich bleibt davon nicht verschont. Dominic Rohner spricht von Zinskosten für die Staatsschulden in Höhe von rund 65 Milliarden Euro. «Das ist eine enorme Geldsumme, die für die Bekämpfung der Armut oder die Förderung von Bildung und Wohnraum eingesetzt werden könnte.»
Je teurer die Finanzierung der Staatsschulden wird, desto weniger Mittel stehen dem Staat für andere Prioritäten zur Verfügung. Und je stärker die Investoren daran zweifeln, dass Frankreich seine Staatsfinanzen wieder in Ordnung bringen kann, desto höhere Zinsen können sie für Kredite verlangen.
Das Beispiel Griechenland
Droht Frankreich eine Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit und möglicherweise sogar ein Zahlungsausfall wie einst Griechenland in den 2000er-Jahren? Diese Befürchtung äussert zumindest der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger von 2008, Paul Krugman. In einem Blogbeitrag vom 8. Oktober schreibt Krugman, dass es für Frankreich kein Zurück mehr gebe.
Doch damit nicht genug. Wie BFM Business berichtet, haben Investoren nach den Plünderungen vom vergangenen Wochenende begonnen, ihre französischen Anleihen, deren Zinssatz für zehnjährige Anleihen bei fast 5 % liegt, massenhaft zu verkaufen.
Keine Voraussetzungen für einen «Bürgerkrieg»
Dominic Rohner hat ein Buch veröffentlicht, in dem er sich mit den Zusammenhängen von Wirtschaft, Institutionen und Gewalt beschäftigt. Das im März 2026 bei EPFL Press erschienene Buch La formule de la paix nennt drei Voraussetzungen für einen «Staat im Frieden»:
- eine funktionierende Demokratie
- eine starke Wirtschaft, die Chancen eröffnet
- und einen ausreichend starken Staat, der die Sicherheit seiner Bürger gewährleisten kann.
Rohner forscht unter anderem zu Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo oder Sierra Leone. Dort können schwache Institutionen und fehlende wirtschaftliche Perspektiven die Entstehung bewaffneter Gruppen begünstigen, welche die staatliche Autorität infrage stellen. Mit europäischen Ländern lassen sie sich aber nur begrenzt vergleichen:
In Frankreich hat sich die Lage zugespitzt: Manche sehen das Land schon kurz vor einem Bürgerkrieg. Der Ökonom sieht das jedoch anders: «Ich sehe die Voraussetzungen dafür in Frankreich nicht als gegeben an.»
Die Präsidentschaftswahlen 2027 rücken näher
Erschwerend könnten sich die anstehenden Präsidentschaftswahlen auf die Situation auswirken. Sollten die französischen Wahlberechtigten zu Marine Le Pen oder Jean-Luc Mélenchon tendieren, sieht Rohner darin ein weiteres Risiko für das Land. «Die wirtschaftswissenschaftliche Forschung zeigt, dass populistische Parteien mit ihren vereinfachenden Rezepten die Wirtschaft eher schwächen könnten», erklärt er.
Aber ist das überhaupt möglich? Emmanuel Macron hat dies bei der Rentenreform am eigenen Leib erfahren. Bei seiner Reform von 2023, die trotz heftiger Proteste auf der Strasse und in der Nationalversammlung verabschiedet wurde, wurden mehrere Bestimmungen bis 2028 ausgesetzt.
