
Als der FCZ noch ruderte – und Europas Elite das Fürchten lehrte
Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden in der Schweiz zahlreiche Fussballclubs gegründet. Viele der damals entstandenen Vereine pflegten mehrere Sportarten. So konnte man Synergien nutzen und beispielsweise in den kühleren Monaten Fussball spielen und im Sommer die Leichtathletik ausüben. Während etwa der Grasshopper Club und Lausanne-Sport bis heute mehrere Sportarten betreiben, wurde früher beim FC Zürich (FCZ) gerudert – und dies mit beachtlichem Erfolg.
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Auf die Gründung der FCZ-Rudersektion im Jahr 1920 folgten zunächst einige schwierige Jahre. Massgeblich geprägt und gefördert wurden die Ruderer vom Bootsbauer Alf Stämpfli am linken Zürichseeufer, wo auch die meisten bereits etablierten Ruderclubs beheimatet waren. Bald darauf wurde der FCZ offiziell als zehnter Zürcher Ruderclub anerkannt.
1923 gelang im belgischen Lüttich ein erster internationaler Erfolg. Der FCZ-Achter siegte bei der Regatta auf der Maas. Das rund 25 Personen umfassende Team war zuvor in einem 2.-Klasse-Wagen der SBB angereist. Das Achter-Ruderboot hatten sie zwischen den Sitzen im Gang aufgehängt.
Zwischen 1924 und 1972 umfasste das olympische Rudern der Männer sieben Bootsklassen:
• Einer, Skulls (Skiff)
• Zweier, Skulls (Doppelzweier)
• Zweier ohne Steuermann, Riemen
• Zweier mit Steuermann, Riemen
• Vierer ohne Steuermann, Riemen
• Vierer mit Steuermann, Riemen
• Achter mit Steuermann, Riemen
Frauenwettbewerbe wurden erst 1976 ins olympische Ruderprogramm aufgenommen.
Internationale Spitzenleistungen
1934 wechselten die FCZ-Ruderer vom sogenannten orthodoxen Ruderstil mit aufrechtem Körper zum Fairbairn-Stil, den der Brite Steve Fairbairn entwickelt hatte. Dieser Stil war eleganter und weniger kräfteraubend. Der Wechsel zahlte sich aus: In den folgenden Jahren gehörten die Zürcher bei den Schweizer Meisterschaften zu den erfolgreichsten Mannschaften. Auch international machten sie auf sich aufmerksam.
Den sportlichen Höhepunkt markierten die Jahre 1935 und 1936 beim bis heute renommiertesten Ruderwettbewerb der Welt, der Henley Royal Regatta auf der Themse. 1935 gelang den Zürchern der Sieg im Vierer ohne Steuermann und Einer, 1936 verteidigten sie die beiden Titel und siegten auch im Achter. Als erster Verein aus Kontinentaleuropa sicherten sie sich damit den klassischen Hattrick aus Stewards’ Challenge Cup (Vierer ohne Steuermann), Grand Challenge Cup (Achter) und Diamond Challenge Sculls (Einer).
Besonders prägend für diese Erfolge war Ernst Rufli, der die Siege im Einer herausgefahren hatte. Im Jugendalter war er Torhüter des Fussballvereins Blue Stars Zürich, konnte aber auch bereits zahlreiche Ruderrennen für sich entscheiden. An der Henley Royal Regatta schlug er internationale Rudergrössen und gewann den Pokal souverän.
1936 standen die Olympischen Spiele in Berlin an. Ob die Schweiz an den vom NS-Regime propagandistisch instrumentalisierten Wettkämpfen teilnehmen sollte, wurde nicht nur in der Politik, sondern auch in der Presse und in Sportkreisen kontrovers diskutiert. Die Aussicht auf den sportlichen Erfolg einerseits sowie die Angst vor Repressalien vor Ort und diplomatischen Verwicklungen andererseits prägten die Debatte.
Schliesslich entschied man sich für die Teilnahme und entsandte eine mehrheitlich vom FCZ gestellte Ruderabteilung an die Spiele. Ob sich die Ruderer damit schwertaten oder das Politische bewusst oder unbewusst ausklammerten, ist nicht überliefert. Mit dem Vierer mit und ohne Steuermann, dem Achter sowie mit Ernst Rufli im Einer war eine starke Delegation nach Berlin gereist.
Nachdem die Schweizer Delegation die Vorläufe regelrecht dominiert hatte, zeigten sich im Final die wahren Schwierigkeiten. Die Erwartungshaltung der nationalsozialistischen Gastgeber war klar: Die Schweiz durfte nicht gewinnen, Deutschland musste für die Propaganda siegen.
Entsprechend nachteilig fiel die Bahnzuteilung für die Schweizer Ruderer aus. Sie mussten auf der Aussenbahn mit starkem Seitenwind starten. Trotzdem erkämpften sie im Vierer mit und ohne Steuermann jeweils eine Silber- und eine Bronzemedaille hinter Deutschland. Im Achter blieben sie jedoch chancenlos, da die Belastung für Hermann Betschart, Hans und Alex Homberger sowie Karl Schmid mit jeweils drei Rennen schlicht zu hoch war. Ernst Rufli erging es nicht besser: Sein Boot lag ebenfalls auf der unvorteilhaften Aussenbahn und füllte sich während des Rennens mit Wasser.
Ein separater Club
Kurz nach dem olympischen Abenteuer zeigte sich, dass die Ruderer trotz ihren Erfolgen kein sehr gutes Standing im eigenen Club hatten. Der FCZ war finanziell angeschlagen und musste das Letzigrund-Stadion an die Stadt verkaufen. Die Sektionen Leichtathletik, Boxen, Tischtennis, Landhockey und eben auch Rudern verloren an Bedeutung und finanziellen Zuwendungen.
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Im Winter 1936/1937 traten die Ruderer, Boxer und Landhockeyspieler aus dem FCZ aus. Bereits im April 1934 taten dies die Leichtathleten. Daraus sind die bis heute bestehenden Vereine Ruderclub Zürich, Leichtathletikclub Zürich und Boxclub Zürich entstanden. Längerfristig nicht überlebt hat einzig der Landhockeyclub Zürich.
Auch unabhängig vom Fussballclub feierte der Ruderclub Zürich bis in die Gegenwart grosse Erfolge. Somit endete zwar die kurze, aussergewöhnliche Geschichte der Rudersektion des FCZ, nicht aber die ihrer Ruderer.
Weitere vom Blog des Nationalmuseums übernommene Beiträge:
blog.nationalmuseum.ch/2026/09/als-im-fussballverein-noch-gerudert-wurde
