Schweiz

Graubünden will die Olympischen Spiele 2026 – wird «Partner» Zürich zum Spielverderber?

Publiziert: 11.10.16, 07:40 Aktualisiert: 11.10.16, 08:34

Die Bündner Regierung will einmal mehr Olympische Winterspiele in die Schweiz holen. Wichtigster Partner der Kandidatur ist Zürich. Im dortigen Stadtrat brennt das Olympische Feuer allerdings auf Sparflamme. Ein Sitzungsprotokoll zeigt, wie klein die Lust auf einen weiteren Grossanlass ist.

Die Bündner Regierung gibt nicht auf: Vier Jahre nach dem Nein zu Olympischen Winterspielen soll das Volk erneut über eine Kandidatur abstimmen. Der Urnengang findet am 12. Februar 2017 statt. Die Spiele wären für 2026 angesetzt.

Für 2022 hat's nicht gereicht, aber Graubünden gibt nicht auf. Bild: Keystone

Ende September legte die Regierung an einer Medienkonferenz in Chur das Grobkonzept vor: Wettkämpfe sollen nicht nur im Kanton Graubünden stattfinden, sondern auch in Einsiedeln SZ, Engelberg OW – und in der Stadt und der Region Zürich. Aus Mangel an Bergen sollen hier alle Eis-Disziplinen ausgetragen werden, also Eishockey, Eiskunstlauf und Eisschnellauf.

Eröffnungsfeier im Letzigrund

Auch abseits der Eisbahn haben die Bündner Grosses vor mit Zürich: Die Eröffnungs- und Schlussfeier würde nicht nur vor dem malerischen Bergpanorama von St.Moritz stattfinden, sondern auch im Stadion Letzigrund. Die Promotoren schreiben von «dezentralen Feiern».

In Zürich sind ausserdem Medaillen-Übergaben geplant sowie ein Olympisches Dorf für 2000 Leute. Zudem soll die Region 17'500 Zimmer zur Verfügung stellen. Auch das Haupt-Medienzentrum, von dem aus Journalisten aus aller Welt berichten, soll in Zürich stationiert werden.

Die Bündner Regierung bezeichnet Zürich zwar als «Partner». Gemeinsam entworfen wurden die Pläne aber nicht. Das olympische Feuer brennt an der Limmat denn auch deutlich sparsamer als in Chur.

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Keine neuen Sportanlagen

Nach mehreren Gesprächen mit Bündner Regierungsvertretern zeigt sich die Zürcher Kantonsregierung «grundsätzlich offen», wie ein Sprecher sagte. Die Kandidatur sei realistisch. Man sei sich aber noch nicht im Klaren, was die Kandidatur konkret bedeute. Für detaillierte Aussagen sei es deshalb zu früh.

Noch weniger Euphorie gibt es beim Zürcher Stadtrat. Ein Protokoll aus einer Stadtratssitzung vom September zeigt, wie klein die Begeisterung über einen weiteren Grossanlass ist.

Der Stadtrat sei zwar grundsätzlich bereit, sich in Winterspiele einbinden zu lassen. Danach folgt jedoch eine Liste von Absagen: Der Stadtrat will keine neuen Sportanlagen bauen, keine Tätigkeit als Host City und nicht im Organisationskomitee sitzen.

Zudem will die Stadt keine finanziellen Garantien übernehmen – im Gegenteil. Das Stadion und die Sportanlagen würde die Stadt Zürich nur gegen Entschädigung zur Verfügung stellen.

Sechseläutenplatz soll frei bleiben

Was die Pläne für den Sechseläutenplatz als «Medal Plaza» betrifft, sieht der Stadtrat zudem ein Problem: Wird die Volksinitiative «Für einen freien Sechseläutenplatz» im kommenden Jahr angenommen, dürfte es auf dem grössten Zürcher Platz zeitlich eng werden.

Die Initiative verlangt, dass der Platz aus Valser Quarzit an mindestens 300 Tagen pro Jahr frei bleibt. Langjährige Mieter wie das Sechseläuten, das Zurich Film Festival und der Zirkus Knie dürften aber auf «ihrem» Platz beharren. Eishockeyspieler und Eiskunstläuferinnen müssten wohl woanders aufs Podest stehen.

Spielverderber Zürich?

Wird Zürich zum Spielverderber? Die Bündner Regierung will sich den Enthusiasmus nicht nehmen lassen. Dass der Zürcher Stadtrat keine aktive Rolle spielen wolle, sei bekannt, sagte Volkswirtschaftsdirektor Jon Domenic Parolini (BDP) bereits bei der Medienkonferenz Ende September. Gespräche über die Einbettung Zürichs seien aber im Gang.

Das Komitee zeigte sich bereits flexibel: Das Olympische Dorf soll neu nicht mehr in der Stadt Zürich gebaut werden, sondern in einer Agglomerationsgemeinde. Wo genau, ist unklar und soll erst entschieden werden, wenn die Kandidatur geglückt ist.

Ihre Chancen im Nominierungsverfahren bezeichnet die Bündner Regierung als intakt – trotz leicht unwilligem Haupt-Partner.

Als nächstes wird im Dezember das Bündner Kantonsparlament das Konzept behandeln. Es gibt wenig Zweifel daran, dass es abgesegnet wird, denn der Anstoss für die Kandidatur kam aus dem Parlament. Bürgerliche Exponenten erhoffen sich davon vor allem einen kräftigen wirtschaftlichen Schub für den Gebirgskanton. (sda)

Einfach aufgegeben: Die Stadionruinen der Olympischen Spiele von Athen 2004

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naja, mir - 16.4.2016
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  • dergraf 15.10.2016 16:10
    Highlight Nein zu diesem mafiösen Gigantismus!
    Seit Samaranch's Präsidentschaft ging's mit dem Gigantismus der OS und korruptem Verhalten der Funktionäre so richtig los.
    Ob wir die Anlagen haben oder nicht. Es spielt keine Rolle. Die Kosten darf die Allgemeinheit tragen - die Milliarden verschwinden in den Taschen einer korrupten Riege. Ob diese nun vom Olympischen Komitee oder von der FIFA kommt spielt keine Rolle. In Rio wurden Spiele zulasten der armen Bevölkerung in einem bankrotten Staat ausgetragen. Sotschi war ein weiterer Höhepunkt der zulasten der Bevölkerung ging.
    NEIN zu OS in der Schweiz!
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  • dergraf 15.10.2016 15:58
    Highlight Die Idee der Olympischen Spiele ist seit Samaranch's Präsidentschaft noch vollkommen pervertiert.
    Gigantismus und finanzielle Desaster der Austragungsorte, Bauruinen wohin man schaut.
    Nein, solchen Schwachsinn - dazu zählen auch FIFA-Spiele - dienen schlicht und einfach nur noch der Bereicherung einer Mafia-Gilde von sogenannten Sportfunktionären.
    Die letzten Spiele zeigen einmal mehr dass die Bevölkerung die Verlierer sind. Armenviertel wurden abgerissen - Ersatz für alle gab's nicht.
    Deshalb müssen und dürfen wir den Wahnsinn nicht noch mitmachen und unterstützen.
    NEIN zu einer CH-Olympiade!
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  • zsalizäme 11.10.2016 10:27
    Highlight Ich behaupte jetzt mal, dass die Schweiz einen solchen Anlass ohne neue Infrastruktur stemmen könnte. Ski-Pisten haben wir genug, Eishockey Stadien und Eishallen auch, Auch Langlauf-Loipen hätte es zur genüge. Eine Bobbahn besteht auch und eine Skisprung-Schanze ebenfalls. Man müsste diese Spiele einfach als Land organisieren und nicht als Kanton. Natürlich wäre der Organisationsaufwand trotzdem noch immens.
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  • WolfCayne 11.10.2016 10:10
    Highlight Bürgerliche die den Volkswillen nicht akzeptieren wenns die eigenen Interessen tangiert...
    Die Orientierung an Zürich ist eher schlecht für den Standort Graubünden, schon zuviele wohnen und arbeiten dort. Bessere Verbindung nach ZH bei top Reisezeit von 1h20 bis Chur? Ab Chur dauerts aber da wird ein Ausbau schwierig, da Gebirge und kontraproduktiv, da Landschaft verbaut wird.
    Es geht sowieso nur um ökonomische Interessen kaum um den Sport.
    Man könnte ja auch mit Tirol zusammenarbeiten und vielleicht sogar mehrsprachig etwas erreichen. Die Reise St. Moritz-Innsbruck ist kürzer als nach Zürich.
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    • atomschlaf 11.10.2016 14:48
      Highlight Ob der Volkswille angesichts der mittlerweile schlechteren Wirtschaftslage wohl immer noch derselbe ist?

      Da darf man durchaus nochmals abstimmen lassen!

      Was Ausbauten angeht, hätte z.B. die Julierstrasse von Thusis bis St. Moritz noch an vielen Stellen erhebliches Ausbaupotential. Wenn ich da sehe, was die Italos damals im Vorfeld der Ski-WM von Tirano nach Bormio gebaut haben...
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  • Steven86 11.10.2016 09:25
    Highlight Sinn macht, wenn die ganze Schweiz mit macht. Curling in Biel, Skispringen in Einsiedeln, Bob in St.Moritz, Eishockey in Zürich etc. So müsste mann nichts neues Bauen, vielleicht das einte oder andere renovieren.
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  • Amboss 11.10.2016 08:49
    Highlight Wenn man das liest, muss man sagen: Die Idee ist gestorben.
    Und das ist kein Unglück.
    Olympische Spiele kosten viel und bringen quasi gar nichts. Zudem finden sie genau in der Zeit statt, in welcher in den Bergen sowieso Hochsaison herrscht.
    Der Mehrwert für Hotels und Tourismusbetrieben ist also gering.
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  • Picker 11.10.2016 08:08
    Highlight Seit ich gesehen habe, wie heruntergekommen viele der ehemaligen Olympia-Destinationen heute aussehen, widert mich der ganze Zirkus nur noch an.
    Ich schaue ich mir aus diesem Grund auch keine Olympia-Übertragungen mehr an (dasselbe gilt für die Fussball EM/WM).

    Unser Planet ist schon mehr als genug gebeutelt, da würde ich von Orgas wie dem IOC oder der FIFA etc. erwarten, dass sie ihre generellen Strategien einmal gründlich überdenken.

    Vorschlag: Fixe/Gleiche Austragungsorte für Sommer und Winterspiele, EM und WM (können von mir aus immer noch 4 verschiedene Standorte sein).
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    • atomschlaf 11.10.2016 09:26
      Highlight Genau deswegen würde das Konzept mit den auf verschiedene Orte verteilten Spielen eben Sinn machen. Die bestehende Infrastruktur kann bestmöglich genutzt werden statt irgendwo neue Sportanlagen aus dem Boden zu stampfen, die später niemand mehr nutzt.
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    • c_meier 11.10.2016 12:10
      Highlight @ Picker
      Das ist ja genau das Konzept, dass fast nichts gebaut werden muss.
      Eishockey-Stadien hat es in Davos/Zürich/Kloten, Skisprung-Schanzen in Einsiedeln/Engelberg, Bobbahn und Skipisten in St.Moritz usw. All diese Stadien und Bauten sind schon vorhanden und mit jährlichen Weltcups oder Trainings gesichert.
      Einzig ein temporäres Stadion für Eisschnellauf müsste irgendwo im Kt. ZH gebaut werden, aber wer ein Schwingstadion für 50'000 Leute für ein Wochenende auf der grünen Wiese baut und wieder bis aufs letzte Steinchen abbaut, sollte auch das locker schaffen
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    • Picker 11.10.2016 17:15
      Highlight Dies mag vielleicht für 2026 gelten.

      Ich sprach mit meinem Kommentar das ganze System am, nicht nur den einen Event. Dieses müsste man grundlegend überdenken.

      Bis jetzt sieht es nicht so aus, als ob sich die Herren vom IOC, Fifa etc. auch nur einen Hauch für Nachhaltigkeit interessieren.
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    • atomschlaf 11.10.2016 17:36
      Highlight @Picker: Nun, wenn die Schweiz bzw. Graubünden mit Zürich die Winterspiele 2026 durchführen, könnte man diese auch wiederholt hier stattfinden lassen.
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    • Lami23 11.10.2016 17:41
      Highlight Natürlich interessiert die das nicht. Nachhaltigkeit und schnelles Geld lässt sich nicht vereinbaren, somit wird es wohl für viele nie richtig interessant werden.
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