Von der Besetzung bis zur Waffenruhe: Das Leiden der Stadt Oleschky
Oleschky liegt am Südufer des Flusses Dnipro, nur rund neun Kilometer gegenüber liegt die Regionalhauptstadt Cherson der gleichnamigen Oblast. Seit der ukrainischen Rückeroberung Chersons im November 2022 verläuft die Front entlang des Dnipro. Nach ukrainischen Angaben nutzt die russische Armee seitdem Stellungen in Oleschky für Angriffe auf Cherson.
Der Krieg hat die Stadt und ihre Bevölkerung stark geprägt. Lebten vor der russischen Invasion noch rund 24'000 Menschen dort, sind es nach Schätzungen vom Herbst 2026 nur noch etwa 1500 bis 2000. In der gesamten Gemeinde sollen weitere rund 4000 Menschen verblieben sein.
Die humanitäre Lage soll sich in der Kleinstadt im vergangenen Jahr zudem massiv verschlechtert haben. Die EU gab am 1. Oktober ein Statement ab, in dem sie Russland auffordert, das humanitäre Völkerrecht und die internationalen Menschenrechtsnormen in der Region uneingeschränkt einzuhalten und die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen.
Chronologie: Was ist in Oleschky passiert?
2022: Russische Besatzung
Russische Streitkräfte besetzten Oleschky im Frühjahr 2022. Die Stadt blieb auch nach der ukrainischen Rückeroberung von Cherson im November 2022 unter russischer Kontrolle.
Juni 2023: Überschwemmung nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms
Am 6. Juni 2023 wurde der Kachowka-Staudamm zerstört. Die anschliessenden Überschwemmungen trafen Oleschky besonders schwer. Gemäss Human Rights Watch standen rund 90 Prozent der Stadt unter Wasser.
Viele Einwohner mussten sich auf Dächer und in obere Stockwerke retten. Die Versorgung mit Strom, Gas und Wasser brach zusammen. Human Rights Watch dokumentierte zudem Berichte über verzögerte Evakuierungen und Einschränkungen für freiwillige Helfer.
2024–2025: Zunehmende Isolation
Die Kämpfe am linken Dnipro-Ufer und die Nähe zur Front erschwerten die Versorgung der Stadt weiter. Beschädigte Infrastruktur, Minengefahr und Drohnenangriffe schränkten die Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung zunehmend ein.
Auch die medizinische Versorgung und die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten verschlechterten sich. Oleschky entwickelte sich zu einem stark isolierten Frontgebiet.
2026: Humanitäre Krise
Im Laufe des Jahres verschärfte sich die Situation dramatisch. Die UN-Menschenrechtsmission berichtete im Juni von fehlenden Lebensmitteln, medizinischer Unterversorgung und erheblichen Gefahren durch Drohnen und Minen.
Nach Angaben der UN waren in Oleschky und der benachbarten Stadt Hola Prystan im Jahr 2026 bis zum 25. Juni mindestens 29 Zivilisten getötet und 54 verletzt worden.
Die reguläre Versorgung mit Lebensmitteln war zeitweise vollständig unterbrochen. Laut der UN gab es bis zum 24. Juni keine Lebensmittellieferungen nach Oleschky seit dem 26. Mai.
Waffenruhe im Oktober 2026: Humanitäre Hilfe für Oleschky
Am Dienstag, 23. Oktober 2026, wurde eine zeitlich begrenzte Waffenruhe für das Gebiet um Oleschky vereinbart. Sie soll humanitäre Hilfslieferungen und die Evakuierung von Zivilisten ermöglichen. Die Vereinbarung kam mit Unterstützung der US-amerikanischen First Lady Melania Trump zustande. Auch Papst Leo XIV. hatte sich für humanitäre Hilfe eingesetzt.
Die Waffenruhe trat am 27. Oktober in Kraft und ist auf sechs Tage begrenzt. Nach Angaben der ukrainischen und russischen Menschenrechtsbeauftragten wurden die vorgesehenen Evakuierungswege bis zum 29. Oktober von Minen geräumt.
«Ich möchte hervorheben, dass es das erste Mal seit dem Jahr 2022 ist, dass eine Waffenruhe an einem so grossen Frontabschnitt hält», konstatierte der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez in der gemeinsamen Pressekonferenz mit seiner russischen Kollegin Lantratowa in Armjansk.
Nach Angaben der russischen Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa kamen bei der Minenräumung ein russischer Soldat und ein weiterer Mensch ums Leben. An den Vorbereitungen seien US-Bürger beteiligt gewesen. Journalisten aus der Ukraine, Russland und den USA beobachten demnach den Prozess.
Lubinez äusserte auf der Pressekonferenz zudem die Hoffnung, derartige humanitäre Aktionen auch an anderen Frontabschnitten durchführen zu können. Er dankte der First Lady der USA, Melania Trump, auf Englisch gesondert für die Vermittlung der Waffenruhe.
Gemäss der russischen Nachrichtenagentur Interfax erklärte Lanatrowa ebenfalls, dass man einige Dutzend Tonnen an humanitärer Hilfe - Lebensmittel, Hygienemittel, Treibstoff für Notstromer und andere notwendige Dinge an die Stadt übergeben habe.
Evakuierung auf Umwegen
Für Evakuierungswillige seien 25 Busse mit mehr als 750 Plätzen bereitgestellt worden. Begleitet werde die Kolonne von weiteren neun Krankenwagen für den Transport von Bettlägrigen. Haustiere können demnach in Käfigen mitgenommen werden.
Die Evakuierungswilligen müssen jedoch eine ziemlich umständliche Reise auf sich nehmen. Statt die nur wenige Kilometer entfernte Front zu überqueren und so in ukrainisches Gebiet zu gelangen, müssen die Anwohner einen Umweg über Russland und Belarus auf sich nehmen.
Demnach sollen die Anwohner zunächst mit Bussen über die Krim zum Flughafen der Stadt Anapa in der russischen Schwarzmeerregion Krasnodar gebracht werden. Von dort aus ist vorgesehen, sie mit einem russischen Militärtransportflugzeug in die belarussische Stadt Gomel auszufliegen. Die letzte Etappe soll anschliessend mit Bussen von Gomel aus in die Ukraine erfolgen.
Am Nachmittag des 30. Oktober war noch nicht abschliessend bestätigt, wie viele Menschen tatsächlich evakuiert werden konnten. Der ukrainische Regierungschef Serhij Korezkyj nannte im Parlament zwar eine konkrete Zahl, nahm diese aber später wieder zurück.
Die lokale Waffenruhe dauert noch bis am Sonntag, 1. November an. Auch die russische Besatzung von Oleschky bleibt bestehen. (ear mit Material von Keystone-SDA)
