Konflikt droht auszuufern: Jetzt geht es für Saudi-Arabien um alles
Die Huthis haben ihre Angriffe auf Saudi-Arabien in den vergangenen Tagen massiv ausgeweitet. Mehrfach trafen Raketen den internationalen Flughafen der Hauptstadt Riad. Am Dienstagabend wurde auch die Zentrale des staatlichen Ölkonzerns Aramco in Dhahran getroffen. Dort brach ein Feuer aus, verletzt wurde nach Behördenangaben niemand. Doch die Attacken zeigen, wie verwundbar das Königreich trotz seiner hochgerüsteten Armee ist.
Besonders schwer war der Angriff auf den Flughafen von Riad am vergangenen Samstag. Mindestens zwölf Menschen kamen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Weitere Angriffe folgten. Am Mittwoch drohten die vom Iran unterstützten Huthis erneut mit Attacken auf saudische Flughäfen und Ölanlagen.
Saudi-Arabien steht damit vor einem Problem, das es seit Jahren nicht lösen kann: Wie lässt sich die Miliz im Nachbarland Jemen stoppen, ohne einen neuen, langwierigen Krieg zu riskieren?
Huthis rücken auf Grossstadt vor
Denn während die Huthis saudische Ziele angreifen, spitzt sich auch die Lage im Jemen zu. Besonders umkämpft ist die Grossstadt Taiz. Die Huthis haben wichtige Zufahrtswege abgeschnitten und sind nach Angaben militärischer Quellen bis auf rund 25 Kilometer an die Stadt herangerückt. Die mit Saudi-Arabien verbündeten Regierungstruppen versuchen, den Vormarsch aufzuhalten.
Für die international anerkannte Regierung wäre der Verlust von Taiz ein schwerer Rückschlag. Die drittgrösste Stadt des Landes liegt an wichtigen Verkehrswegen zwischen dem Landesinneren und der Küste am Roten Meer. Wer die Region kontrolliert, gewinnt auch Einfluss auf die Zugänge zur strategisch wichtigen Meerenge Bab al-Mandab.
Dort hatten die von Saudi-Arabien unterstützten Truppen zuletzt selbst Gelände zurückerobert. Die Meerenge verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und ist eine wichtige Route für den Welthandel. Ihre Bedeutung hat durch den Krieg mit dem Iran und die Störungen in der Strasse von Hormus noch zugenommen.
Für die Menschen in Taiz verschlechtert sich die Lage unterdessen weiter. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gelangen kaum noch Hilfsgüter in die Stadt. Lebensmittel und Wasser werden teurer. Nach Angaben der jemenitischen Regierung sind bereits rund 80'000 Menschen vor den jüngsten Kämpfen geflohen.
Saudi-Arabien droht ein neuer langer Krieg
Das Königreich unterstützt seit 2015 militärisch den Kampf gegen die Huthis. Trotz seiner modernen Kampfjets und Luftabwehrsysteme gelang es Riad jedoch nie, die Miliz entscheidend zu besiegen. Eine 2022 vermittelte Waffenruhe brachte zwischenzeitlich eine deutliche Beruhigung, doch inzwischen wird wieder an mehreren Fronten gekämpft.
Saudi-Arabien reagiert bereits mit Luftangriffen auf Gebiete unter Kontrolle der Huthis, darunter Einrichtungen der Energieversorgung in Sanaa und Hodeida. Die Miliz wiederum droht mit weiteren Angriffen auf saudische Städte.
Nach Einschätzung des früheren US-Botschafters in Saudi-Arabien, Michael Ratney, muss Riad militärischen Druck ausüben, zugleich aber verhindern, dass der Konflikt ausser Kontrolle gerät. Der Nahostexperte Ahmed Nagi von der International Crisis Group beschreibt die Strategie beider Seiten gegenüber der Nachrichtenagentur AP so: «Die Huthis setzen auf Druck, die Saudis auf Zeit.»
Doch die Zeit könnte für Saudi-Arabien teuer werden. Kronprinz Mohammed bin Salman will das Königreich zu einem internationalen Wirtschafts- und Tourismusstandort ausbauen. Angriffe auf Flughäfen und Ölanlagen gefährden diese Pläne. Hinzu kommen die Kosten der Luftabwehr und einer möglichen grösseren Militäroffensive.
Auch der internationale Sport ist inzwischen betroffen. Das für kommende Woche geplante Tennis-Showturnier Six Kings Slam mit Stars wie Alexander Zverev, Novak Djokovic und Carlos Alcaraz wurde auf Ende Dezember verschoben. Die Veranstalter begründeten ihre Entscheidung mit organisatorischen und logistischen Problemen.
Entscheidung könnte folgenschwer sein
Auch die Fifa und der saudische E-Sport-Verband haben die für den 16. bis 25. Oktober in Dschidda geplanten FIFAe Finals verschoben. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Zudem wurden drei Spiele der saudischen Fussballliga verlegt, darunter eine Partie von Cristiano Ronaldos Klub Al-Nassr.
Ob Riad den Krieg weiter ausweitet oder erneut auf Verhandlungen setzt, dürfte deshalb entscheidend für die kommenden Monate sein. Die Huthis haben bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert, verlangen dafür aber ein Ende der saudischen Angriffe und der Blockade.
Für Saudi-Arabien zeichnet sich damit eine schwierige Entscheidung ab: Ein grösserer Militäreinsatz könnte die Huthis zurückdrängen, aber auch einen weiteren jahrelangen Krieg auslösen. Verhandlungen könnten die Angriffe beenden, würden der Miliz jedoch erheblichen politischen Einfluss sichern. Einen einfachen Ausweg gibt es für Riad nicht.

