Social Media
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Rechts ein Instagram-Shoot von Essena O'Neill. Links ein Screenshot aus ihrem Kündigungs-Video.
bild: bild: watson/screenshot

«Mit diesem Foto fing alles an»: Essena O'Neills Manifest – ihre grosse Abrechnung mit Social Media



Essena O'Neills Abrechnung mit Social Media bewegt das Internet: Die Kritik der 18-Jährigen, die Facebook und Co als oberflächlich und falsch brandmarkte, wird (online) heiss diskutiert und hat offenbar einen Nerv getroffen. Warum hat die junge Frau, deren Filme und deren neue Website «Let's Be Game Changers» sehr professionell aussehen, dem Netz den Rücken gekehrt? Hier ihre Antwort – quasi ihr Manifest:

Das Foto wurde an meinem 15. Geburtstag aufgenommen. Ich habe meine Schwester gezwungen, mich zu fotografieren, bevor wir zu meinem Geburtstagsessen gingen. Warum ich ein Foto von mir wollte? Was für eine Frage. Was ich wollte, war alles, was ich damals wusste. Und ich wollte ein «Facebookstar» sein.

Um das zu erreichen, brauchte ich ein neues, «heisses Profilfoto». Ich gab alles, um eines zu bekommen. Ich wollte ein Bild von mir, das so heiss/sexy/like-bar ist, dass es 100+ Likes macht. Ja. Ihr habt richtig gehört. Das war meine Denkweise.

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Ich war besessen von Likes. Nun ja, tatsächlich: Ich war besessen von der Idee, von anderen geliket zu werden. Ich habe es irgendwie geschafft, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich für immer glücklich sein würde, wenn ich ein «Facebookstar» wäre. Ich dachte mir, je mehr Leute mein Foto liken, desto mehr Leute würden mich auch im echten Leben mögen. Ziemlich einfach, oder? Ein «Facebookstar» zu sein hiesse: Jeder mag dich. Mädels wollen deine Freundin sein, die Typen wollen dich daten. Alle reden über dich, schauen dir zu, stalken dich, wollen sein wie du. Das war mein Traum mit 15. Nun ja, zumindest soweit ich mich erinnern kann ... 

Ich wollte so jemand sein. Ich habe sie studiert, ich habe sie beneidet, ich habe sehr viel Energie investiert, einer von ihnen zu sein. Und irgendwie symbolisiert dieses Foto den Beginn vom Ganzen.

Hier also war ich, mit 15, zwinge meine kleine Schwester ein Bild von mir mit diesem freizügigen Outfit – das ich ausserhalb des Hauses nicht getragen hätte – und mit einem massiven Push-up-BH (wir sprechen hier von 2 Körbchengrössen). So ein Foto zu machen, braucht mindestens 30 Minuten: Den richtigen weissen Hintergrund finden, die richtige Pose aussuchen, meine Schwester noch mehr anschreien, weil sie es nicht so macht, wie ich es will. Dieser ganze Prozess des Fotografierens hat nur einen Zweck: Likes zu bekommen. Ich denke, dass ich ganz offensichtlich zu jener Zeit nicht darüber nachgedacht habe. Aber hey, 30 Minuten sich selbst fotografieren und versuchen, sexy auszusehen, macht man nicht, um sich einfach «besser zu fühlen» ... Man macht es, damit andere denken, dass man «gut aussieht».

Aber egal, ich hab's hochgeladen, soweit ich mich erinnern kann mit den Zeilen «Yaaaay es ist mein Geburtstag, Aufmerksamkeit auf mich, schaut auf meine Brüste im Vergleich zu meiner Hüfte und auf mein glückliches Lächeln, ich bin so glücklich hier neben dieser weissen Wand, während ich meine Schwester zwinge, ein Foto von mir zu machen, bitte, bitte, bestätigt meine Existenz und klickt ‹Like›. Ich möchte mich doch nur geschätzt fühlen und meine Erscheinung ist alles, das mir meiner Meinung nach dieses Gefühl von sozialer Akzeptanz gibt.»

Okay, natürlich habe ich das nicht geschrieben. Stellt euch vor, ich hätte es getan? Wäre vielleicht nicht so lustig gewesen ... Hätte definitiv nicht so viele Likes bekommen. 

Essena O'Neill

Ich habe also das Foto hochgeladen und bin mit meiner Familie essen gegangen. Den ganzen Abend über habe ich immer wieder mein pinkes Handy gecheckt, um zu schauen «wie es läuft». Für den Fall, dass ihr nicht auch von Social Media besessen seid: Damit meine ich kontinuierliches Überprüfen, wie viele Likes reinkommen. Ja, das obsessive Überprüfen neuer Fotos war ein ernsthaftes Hobby. Tatsächlich war es für viele Leute in meinem Leben ein ernsthaftes Hobby. Mädchen luden zusammen Bilder rauf, schauten die Fotos an und übernachteten beieinander. Die Leute quatschten in der Schule über Likes mit Lehrern, mit Eltern ... «Sie hat 200 Likes, im Grunde genommen ist sie jetzt ein Model», «Ich kann nicht glauben, dass er nur 4 Likes für das Foto kriegt, wie peinlich», «Schau die nur ihre Fotos an, sie sieht in echt überhaupt nicht so aus», «Sie ist so bemüht», «Sie ist so fake», «Sie ist so langweilig».

Ich erinnere mich sehr gut an den Abend dieses Fotos … Es war das erste Mal, dass ich viele Likes und viele Kommentare bekam. Ältere Typen kommentierten. Sogar heisse Typen von meiner Schule. Coole Girls klickten Like, sogar solche, die auf Facebook populär waren. Ich fühlte mich zugehörig. Das bedeutete, endlich Teil von dieser Welt zu sein von der ich träumte. Ich erinnere mich wie ich damals nach Hause ging und darüber nachdachte wie krass es ist, dass ich mehr als 50 Likes in nur wenigen Stunden erhielt. ‹Kannst du das glauben? Diese Leute mögen mich!!›

Ich glaube ich muss ein bisschen ausholen, damit ihr versteht, woher ich diese Idee von Likes = Glück hatte. Wann fing ich damit an, Social-Media-Stars anzuhimmeln? Als ich 12 war, also 2008. Es gab da dieses eine Mädchen, nennen wir sie Katy. Sie ging auf dieselbe Schule und war 2 Jahre älter als ich. Katy, ach, sie war das populärste, coolste, lustigste Mädchen, das ich je gesehen hatte. Sie war alles, was ich sein wollte, gemocht von allen, selbstbewusst, sportlich, ihr Haar immer perfekt geglättet mit Extensions (sie hatte natürlich gelocktes Haar wie ich) und ja, alle Jungs auf ihrer Stufe (eigentlich die ganze Schule) spassten mit ihr rum. Katy war die Art von Mädchen die alle liebten. Sie lachte mit den Lehrern, sie surfte, sie gewann den ersten Platz im Cross-Country, sie war im Fussball, Captain, und ich glaube sogar, sie spielte auch Gitarre. Sie hatte einen hinreissenden Freund. Er war auch Surfer, plante aussergewöhnliche Dates für sie. Sie schossen hinreissende Fotos zusammen. Er holte sie von der Schule ab mit seinem Auto … währenddessen hatte ich noch nicht mal einen Jungen geküsst. Katy hatte ein grosses Haus, einen teuren ersten Wagen; ihre Familie war offensichtlich wohlhabend, während meine zu kämpfen hatte, mit der Scheidung und finanziell. Auf jeden Fall, ich wusste all das, weil sie grossartige Fotos schoss. Es war, als würde ich alles über sie und ihr perfektes Leben wissen.

Essena über: Warum Social Media kacke ist

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Vimeo/Essena O'Neill

Ich wollte alles, was sie online darstellte: Sie war immer glücklich, gebräunt, mit engen Freundinnen, gemocht von allen … und natürlich war sie berühmt auf Facebook. Alle redeten über sie. Und ich mit 12? War nicht existent. Ich fühlte mich wie ein Nichts, verglichen mit ihr. Ich dachte ich sei langweilig, lahm und sonderbar. Seit 11 stiess ich meine Eltern weg, ich hasste sie dafür, dass ihre Ehe gescheitert war. Meine engen Freunde waren nicht berühmt … also lehnte ich auch die ab. Niemand kannte meinen Namen. Alle kannten Katys Namen. Ich erinnere mich an Bikini-Fotos von ihr, ihr Top perfekt ausgefüllt, lächelnd, sie küsst ihren hinreissenden Freund. Sie war alles was ich nicht war. Mit 12 hatte ich keinen Freund, alle Jungs mobbten mich wegen meiner Grösse. Niemand begehrte mich. Und ich dachte, ‹warum sollten sie auch?›. Alle begehrten Katy. Ich beneidete sie. Ich konnte nicht verstehen warum sie es so leicht hatte. Wie kann das fair sein? Ich träumte davon, wie es ist, wie sie zu sein, auch nur für einen Tag. Ich dachte wirklich, sie sei das Traummädchen mit dem Traumleben. ‹Wenn ich so populär, dünn, sportlich, gebräunt, hübsch, berühmt wie sie bin … dann bin ich glücklich.›

So, reden wir über die 12 Jahre alte Essena. Ich war nicht cool. Und damit meine ich, niemand, der cool war, mochte mich, nur ein paar Lehrer und meine nicht so coolen Freunde. 

Mit 12 war ich 1.73 Meter gross. Um das klar zu machen, ich war gut einen Kopf grösser als ALLE ANDEREN JUNGS und natürlich alle Mädchen auf meiner Stufe und sogar auf der Stufe über uns. Das war das, wofür ich bekannt war mit 12. «Dieses wirklich grosse Mädchen.» «Yeah, das wirklich grosse, grösser als alle anderen.» «Sie sieht aus als wäre sie in einer Klasse drei Jahre über uns.» «Du tust mir leid, es muss schwer sein, so gross zu sein» … Und wie könnte ich vergessen, «Gi-gantor», das war der Spitzname, den ich am wenigsten mochte. Ich erinnere mich, dass mein erster Schwarm mich so nannte. Ich weinte den ganzen Mittag allein auf der Toilette. 

Ihr müsst verstehen, dass ich mich nicht nur gross fühlte. Ich fühlte mich schwer. Kennt ihr diese süssen, schlaksigen, grossen Mädchen? So war ich nicht. Ich war nie natürlich schlank oder ‹winzig›. Meine Freunde und meine Familie sagten mir, ich sei ‹kräftig›. «Essena, du bist einfach kräftig gebaut, schöne starke Beine.» Mit 12 war das Wort ‹kräftig› so ziemlich das Synonym für ‹Du bist quasi mollig und kaum muskulös. Kein Typ wird dich jemals mögen, weil du ein Riese bist mit riesigen Beinen.› So sah ich meinen Körper. Ich war nicht winzig und süss. Ich war schwer und streberhaft.  

Ah ja, ich war besessen davon, gute Noten zu haben. Aber ich hatte eine Zeit, in der ich das Lernen einfach sehr genoss. Ich liebte die Schule. In der Primarschule war ich ein selbsternannter Streber. Das war überhaupt nicht schlimm, aber damals dachte ich, es sei lächerlich. Niemand, der populär, cool oder heiss war an meiner Schule liebte Lernen … Aber wenn ich an meine Social-Media-Einflüsse von damals zurückdenke, all meine Lieblingssängerinnen, Youtuber, Schauspielerinnen … Niemand sagte, lernen sei cool. In meiner Erinnerung war es überhaupt nicht cool, sich um die Schule zu kümmern. Gute Noten waren dafür da, andere zu beeindrucken, nicht dich selbst zu freuen. 

Ich änderte alles an mir, die Freude am Lernen, das Kreativsein als Kind. Ich wollte so verzweifelt Anerkennung. Also tat ich, was ich tun musste. Ich bekam blanke A-Noten und tat, als würde es mich nicht kümmern, trug Makeup, zog mich älter an, versuchte, sexy zu sein, laut, sarkastisch … Ich sah die Anerkennung, die Katy bekam und wollte sie unbedingt auch. So unbedingt. Und ich bekam sie. Ich hatte Erfolg. Katy schien die perfekte Person zu sein, also wurde ich wie sie. 

Ich realisiere das gerade, während ich es zum ersten Mal niederschreibe. Als sie 2012 abschloss, war ich sie. Ich wurde Katy 2.0. Ich war die perfekte Person auf dem Bildschirm. Bis zur 11. Klasse (2013, zwei Jahre nach diesem Bild), war ich berühmter auf Social Media als alle anderen in meiner Stadt. Ich war immer noch eine A-Schülerin, ich hatte enge populäre Freunde, die heissen Typen in meiner Umgebung fragten mich, ob ich mit ihnen ausgehen wolle. Jeder in der Schule wusste, wer ich war. Eigentlich wussten die meisten Leute in meiner kleinen Stadt, wer ich war. Ich hatte den perfekten Body. Ich hatte das perfekte Haar. Ich schminkte mich perfekt. Ich war immer gebräunt. Ich war sportlich, ohne dafür zu arbeiten (das war der neuste Trend). Über mich wurde getuschelt. Ich hatte all die Anerkennung, die ich immer wollte. Und mehr. Und … noch nie in meinem Leben fühlte ich mich so miserabel wie damals. 

Ich lebte ein Paradox von Selbstliebe und Selbsthass. Was meine ich mit Selbstliebe? Ich mochte mich, was meinen Körper, mein Haar, mein Makeup betraf, wie heiss der Typ war, mit dem ich quatschte, wie glücklich ich auf Fotos aussah, wie viele Leute meine Fotos mochten … Meine ganze Idee von Selbstwert baute auf dieser Social-Media-Erscheinung auf. Mein Selbstwert mass sich an sozialer Anerkennung.

Ich hatte all diese Qualitäten, die ich an Katy beneidete. Aber niemand hatte mir jemals gesagt, dass Dinge, die auf etwas so Wackligem wie Popularität und Aussehen basieren, dich so … leer fühlen lassen. Unsicher, einsam, hasserfüllt, eifersüchtig …

Leute sagten mir, ich sei heiss. Also musste ich heiss bleiben. Leute sagten mir, ich sei lustig. Also blieb ich sarkastisch und ‹lustig› auf Kosten anderer. Leute sagten mir, ich sei so inspirierend online, also behielt ich das bei. Ich war so besessen davon, gemocht zu werden. Also wurde ich besessen von mir selbst, narzisstisch. Und lasst mich euch das sagen, das macht einen unglaublich, unglaublich einsam. 

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(Übersetzung: phi/dwi)

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