Das sind die grossen Sieger und Verlierer der Midterms
Diesmal hielten die Umfragen, was sie versprachen: Die Republikaner wurden von einer blauen Welle überrollt, der selbst Wahlkampf-Lokomotive Donald Trump nichts entgegenzusetzen hatte. Das Ergebnis: Politkarrieren, die abrupt enden – vor allem auf republikanischer Seite. Gleichzeitig steigen bei den Demokraten neue Politstars auf, die noch von sich reden machen werden. Die Köpfe einer denkwürdigen Wahl.
Vivek Ramaswamy, der Mann ohne Skrupel, scheitert
Es war ein Duell, in dem sich Vivek Ramaswamy für keinen schmutzigen Trick zu schade war. Der republikanische Kandidat für das Gouverneursamt in Ohio liess sogar ein Wahlkampfvideo produzieren, in dem die entfremdete Mutter seiner demokratischen Gegnerin Amy Acton ihre eigene Tochter aufs Übelste schlechtmachte.
Dabei hatte Acton eine traumatische Kindheit erlebt: Im Alter von zwölf Jahren wurde sie von ihrem Stiefvater vergewaltigt und anschliessend ihrer Mutter entzogen. Seither hat sie keinen Kontakt mehr zu ihr. Dennoch setzte Ramaswamy die Mutter für ein polemisches Wahlkampfvideo ein.
Die Wähler in Ohio beendeten nun den Zirkus von Ramaswamy und wählten seine Gegnerin Amy Acton zur Gouverneurin – obwohl Donald Trump den Bundesstaat im Mittleren Westen noch zwei Jahre zuvor mit mehr als elf Prozentpunkten Vorsprung gewonnen hatte. Die Karriere von Trump-Mann Ramaswamy, der noch nie eine Wahl gewann, ist damit wohl vorerst zu Ende.
Jon Ossoff wird endgültig zum neuen Superstar der Demokraten
Der Demokrat Jon Ossoff galt schon seit einiger Zeit als Kandidat, der das gewisse Etwas hat. Tiefe Stimme, makelloses Auftreten, ein schlagkräftiges Wahlkampfteam – Ossoff bringt alles mit, was einen politischen Star ausmacht. Kein Wunder, wird er bereits als möglicher Präsidentschaftskandidat für 2028 gehandelt.
Nun gelang dem erst 39-Jährigen im republikanisch geprägten Georgia ein eindrücklicher Wahlsieg. Vor knapp sechs Jahren musste er noch in einer Stichwahl um den Einzug in den Senat kämpfen. Diesmal setzte er sich deutlich gegen den Republikaner Mike Collins durch, der von Donald Trump persönlich unterstützt wurde.
Mit diesem Erfolg und seinen scharfen Attacken gegen Trump hat sich Ossoff endgültig auch über Georgia hinaus einen Namen gemacht. Falls er bei den Wahlen 2028 tatsächlich antritt – was noch nicht sicher ist –, dürfte Ossof ab heute zu den ganz grossen Favoriten gehören.
Fertig Nepotismus: Ein Debakel für die Graham-Familie
Darline Graham wollte in South Carolina den Senatssitz ihres legendär gewordenen und kürzlich verstorbenen Bruders Lindsey Graham verteidigen. Die Republikanerin verfügte allerdings über kaum politische Erfahrung und verdankte ihren Aufstieg vor allem ihrem berühmten Familiennamen. Nach dem Tod ihres Bruders wurde sie zunächst zur Senatorin ernannt und setzte sich anschliessend in den republikanischen Vorwahlen durch. Diese Strategie ist für die Republikaner nun zum Debakel geworden.
Denn ausgerechnet im erzkonservativen South Carolina verliert Darline Graham einen Senatssitz, den die Republikaner unbedingt gebraucht hätten. Noch vor zwei Jahren hatte Donald Trump den Bundesstaat mit 18 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen.
Für die amerikanischen Polit-Dynastien – von denen es mit den Clintons, Bushs und Kennedys gleich mehrere prominente Beispiele gibt – ist die Niederlage ein schlechtes Omen. Die Politikverdrossenheit ist bei den Wählerinnen und Wählern offenbar so gross, dass ein berühmter Familienname inzwischen sogar zum politischen Manko werden kann.
Abdul El-Sayed schreibt als erster muslimischer Senator Geschichte
Es war eines der gehässigsten Duelle dieser Zwischenwahlen: Der linke Demokrat Abdul El-Sayed trat in Michigan gegen den republikanischen Ex-FBI-Agenten Mike Rogers an. El-Sayed, ein Arzt mit ägyptischen Wurzeln, wurde dabei zur Zielscheibe einer aggressiven Kampagne, in der auch sein muslimischer Glaube eine Rolle spielte.
Donald Trump nannte ihn fast nur noch bei seinem zweiten Vornamen «Mohamed» – womöglich, um antimuslimische Ressentiments zu schüren. Zudem beschimpfte der Präsident den Demokraten als «Dschihadisten».
Trotz aller Widerstände verteidigte El-Sayed nun den Senatssitz in Michigan, den die Demokraten seit Jahrzehnten halten. Und das, obwohl er mit seinen kontroversen Positionen zu Israel und der Migrationspolizei ICE viele konservative Wähler gegen sich aufgebracht hatte.
El-Sayeds Wahlsieg hat auch eine historische Bedeutung. Der 41-Jährige wird der erste Muslim im US-Senat sein. In den nächsten Monaten und Jahren dürfte er zu einer der lautesten und provokantesten Stimmen gegen Donald Trump werden.
Donald Trumps Nimbus bei den Wählern verblasst
Was war der US-Präsident stolz auf seine Macht! Wer von ihm eine öffentliche Wahlempfehlung erhält, sei praktisch schon gewählt, erzählte er jahrelang rauf und runter. Tatsächlich hatte Trumps Wort bei der MAGA-Basis der Republikaner lange einen starken Effekt und verhalf zahlreichen radikalen Politikern ins Amt. Das scheint nun allerdings vorbei.
Denn bei den Wahlen vom Dienstag scheiterten auffällig viele Trump-Kandidaten deutlich, während zentristische Republikaner sich vereinzelt behaupten konnten. Für den US-Präsidenten ist das ein ganz schlechtes Zeichen. In den letzten zwei Jahren seiner Präsidentschaft machen ihn diese Midterms endgültig zur «lame duck», zur lahmen Ente ohne grosse Entscheidungsmacht.
Das Unmögliche wird möglich: James Talarico macht Texas blau
Texas ist der Staat der Republikaner. Das war in den letzten Jahrzehnten eine Binse, fast so wie dass der Himmel blau ist. Doch nun hat der demokratische Theologiestudent James Talarico das Unmögliche möglich gemacht und den Südstaat für die Demokraten gewonnen – und wie! Denn Talarico war der polarisierende Politiker im texanischen Wahlkampf. Ohne scharf zurückzuschiessen, hielt Talarico alle Angriffe der Republikaner aus und versicherte, ein Konsenskandidat für alle Texaner zu sein.
Diese Strategie ist offenbar perfekt aufgegangen. Nicht nur gewann Talarico seine Wahl, in seinem Windschatten gelang es der Demokratin Gina Hinojosa sogar, das Gouverneursamt in Texas zu gewinnen. In Texas erleben die Republikaner deshalb den Super-Gau, während die Demokraten einen einmaligen Erfolg feiern können.
Der bisherige republikanische Senator aus Texas, John Cornyn, hat den Demokraten bereits gratuliert.
Selbst die stählerne Susan Collins wird weggespült
Susan Collins galt lange als politische Überlebenskünstlerin. Die Republikanerin gewann selbst in einem Bundesstaat, der bei Präsidentschaftswahlen zuverlässig demokratisch stimmt, immer wieder ihren Senatssitz. Noch 2020 trotzte sie einem deutlichen Rückstand in den Umfragen und sicherte sich am Wahltag ihre Wiederwahl mit fast neun Prozent Vorsprung. Doch diesmal konnte sich nicht einmal mehr die Stehauf-Frau aus Maine retten.
In einem knappen Rennen unterlag sie dem Demokraten Troy Jackson.
Der frühere Präsident des Senats von Maine war erst Ende Juli für den skandalumwitterten Graham Platner eingesprungen, der sich nach Vorwürfen sexueller Übergriffe aus dem Rennen zurückgezogen hatte. Jackson blieben damit gerade einmal rund 100 Tage, um gegen die seit fast drei Jahrzehnten amtierende Senatorin anzutreten. Dass er Collins dennoch schlagen konnte, macht ihre Niederlage umso bemerkenswerter.
Cait Conley schlägt in New York zurück
Donald Trumps Republikaner verloren an allen Fronten – manchmal selbst dort, wo sie sich betont konziliant gaben. Das zeigt sich etwa im Bundesstaat New York, wo die Demokratin Cait Conley den republikanischen Kongressabgeordneten Mike Lawler aus dem Amt drängt. Lawler hatte sich immer wieder als pragmatischer Republikaner präsentiert, der auch mit Demokraten zusammenarbeitete, wenn es seinen Wählern nützte. Doch selbst diese Strategie reichte nicht aus, um sich gegen die demokratische Flutwelle zu behaupten.
Für Conley ist der Sieg ein bemerkenswerter Erfolg. Sie eroberte einen Sitz, den die Republikaner trotz der demokratischen Neigung des Wahlkreises zweimal hatten verteidigen können. Ihre Wahl zeigt, wie weit die Unzufriedenheit mit Trump inzwischen über dessen Kern-Anhängerschaft hinausreicht. (schweizheute.ch)
