Versicherungsinsider warnen: Folgt die nächste Finanzkrise wegen Klima-Risiken?
Eine Gruppe von Führungspersonen aus der europäischen und der britischen Versicherungsindustrie warnt in einem anonymen Brief an führende Regierungsvertreter und Investoren vor einer bevorstehenden Krise in der Versicherungswirtschaft. Viele Gebäudeeigentümer könnten schon bald nicht mehr in der Lage sein, ihr Eigentum zu versichern – im schlimmsten Fall könnte dies eine Pleitewelle und dann eine Finanzkrise auslösen.
Hintergrund sind die wachsenden Klimarisiken durch Hochwasser, Waldbrände oder Stürme, die viele Häuser schon bald unversicherbar machen könnten.
Der Brief wird über das Portal «Inside Track» verbreitet. Das Portal ermöglicht Insidern bestimmter Branchen oder von grossen Unternehmen, in Form von anonymen Briefen an die Öffentlichkeit zu gehen und Hinweise zu problematischen oder gar schädlichen Praktiken zu geben. Ziel ist es laut «Inside Track» dabei nicht, einzelne Unternehmen oder Branchen zu boykottieren oder schlechtzureden, sondern vielmehr denjenigen, die etwas verändern wollen, eine Stimme zu geben.
Versicherungsbranche «zutiefst besorgt» über Klimawandel
Der nun veröffentlichte Brief der Versicherungsbranche trägt den Titel «Ein Warnruf» und wurde auf Englisch, Deutsch und Französisch veröffentlicht. «Als erfahrene Fachleute in unserem Feld sind wir zutiefst besorgt über die bedrohliche Geschwindigkeit, mit der die physischen Klima- und Umweltrisiken zunehmen», heisst es darin. Dies werde für Regierungen und Versicherungskunden «weitreichende Folgen» haben. Die meisten von ihnen wüssten darüber aber kaum Bescheid.
Derzeit bewältige die Versicherungsbranche die steigenden Klimarisiken für Gebäudeeigentümer durch drei Schritte: Erstens würden Versicherungsprämien erhöht, bis sie für viele Eigentümer unbezahlbar würden; zweitens würden bestimmte Schäden, wie Waldbrandschäden, aus Gebäudeversicherungen ganz ausgeschlossen; drittens zögen sich Versicherer aus bestimmten Regionen und Bereichen zurück, wie etwa aus Versicherungen für landwirtschaftliche Betriebe.
Laut den Insidern hat diese Entwicklung bereits begonnen – und werde sich nun beschleunigen. Die Folge werde sein, dass immer mehr Gebäude nicht mehr versichert werden können. Im schlimmsten Fall könnte es zu einer Finanzkrise führen, wenn – wie bereits 2008/09 in der Finanzkrise – eine grosse Zahl an Eigentümern ihre Kredite nicht mehr bedienen können.
Aber auch wenn dieses Extremszenario nicht eintritt, könnten die wirtschaftlichen Verwerfungen erheblich sein: Versicherer könnten pleitegehen, aber auch Pensionsfonds, die in diesen Branchen investiert sind, drohen finanzielle Risiken. «Unsere Branche unternimmt heute nicht genug, um diese Anleger im Rahmen ihrer Möglichkeiten mittelfristig abzusichern.»
Bestimmte Eigentümer besonders betroffen
Konkret nennen die Insider folgende Gruppen, die am härtesten von dieser Entwicklung getroffen sein dürften:
- Eigentümer in Küsten- und Bergregionen
- Eigentümer in Waldbrand- und Hochwasserregionen
- Eigentümer, die ihre Versicherungsbeiträge schon heute nur schwer bezahlen können
- Landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen entlang dieser Wertschöpfungskette
- Wirtschaftszweige, die von Natur und Umwelt abhängig sind, also Tourismus oder Schifffahrt
Für diese Gruppen sind steigende Versicherungsprämien aktuell unausweichlich, was die Inflation und höhere Lebenshaltungskosten anheizen dürfte.
Versicherungsbranche spricht kaum über diese Entwicklung
Auch wenn innerhalb der Versicherungsbranche bekannt ist, dass sich europäische Gesellschaften auf diesem Pfad befinden, wird nach Ansicht der Insider zu wenig getan, um darauf aufmerksam zu machen. Im Gegenteil: Angestellte in Versicherungsunternehmen seien oft angehalten, Risikoprognosen kleinzurechnen. «Anpassungen an Risikomodellen unterliegen häufig wirtschaftlichen Erwägungen, insbesondere dann, wenn höhere Schätzungen künftiger physischer Risiken die Rentabilität schmälern oder Marktanteile kosten könnten.»
Die Insider rufen politische Entscheidungsträger und Aufsichtsräte von Versicherungsunternehmen dazu auf, sich diesen Fakten zu stellen und auf langfristiges Denken umzustellen. Zudem sollten sich Regierungen darauf vorbereiten, dass ein Teil der Klimaschäden nicht mehr nur von Versicherern bezahlt werden kann, sondern stattdessen die Allgemeinheit einspringen muss. Zudem müssten die Bemühungen verstärkt werden, Treibhausgasemissionen zu senken, um so die Klimafolgen zu begrenzen.
Ahrtal-Katastrophe löste deutsche Debatte aus
In Deutschland läuft schon länger eine Debatte um genau dieses Thema. Angestossen wurde sie durch die Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021, die nach Angaben der Versicherungsbranche insgesamt Versicherungskosten von 8,75 Milliarden Euro zur Folge hatte. Damit sind aber nur jene Werte erfasst, die durch eine Elementarversicherung versichert waren; viele Eigentümer gingen leer aus, weil sie keine solche Versicherung hatten. Der Staat zahlte zusätzlich 3,7 Milliarden Euro an Hilfen für die Flutopfer aus.
Seitdem fordern insbesondere die Bundesländer, dass Elementarschäden als Pflichtversicherung für Gebäudeeigentümer eingeführt werden. Anders bewertet das die Versicherungsbranche: Zum Jahrestag der Katastrophe schrieb der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV): «Deutschland muss schneller in Prävention und Klimafolgenanpassung investieren. Die nächste Extremwetterkatastrophe wartet nicht, bis Schutzmassnahmen geplant, genehmigt und gebaut sind.» Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, eine Pflichtversicherung für Elementarschäden einzuführen.
Aus Sicht des GDV würde eine Elementarpflichtversicherung aber nicht ausreichen. Es brauche auch klimaangepasstes Bauen und Objektschutz. Zudem sollte in bestimmten Risikogebieten überhaupt nicht mehr gebaut werden.

