Social Media erst ab 16? – «Sollten uns nicht auf dieses Alter festlegen»
Die exklusive Umfrage, die watson gemeinsam mit dem Institut Demoscope durchgeführt hat, zeigt: Eine grosse Mehrheit der Menschen (87 Prozent) sieht Handlungsbedarf, wenn es um die Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen geht.
Anfang 2026 haben mehrere Kinder- und Jugendschutzorganisationen strengere Regulierungen für digitale Plattformen und besseren Schutz von Kinderrechten im digitalen Raum gefordert – Adressat war Bundesrat und Medienminister Albert Rösti. Diese Forderung unterstützte auch Pro Juventute. watson hat die Resultate der Umfrage Anne-Florence Débois, Verantwortliche für Politik und Medien bei Pro Juventute, vorgelegt.
Frau Débois, die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen eine breite Unterstützung für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Was sagen Ihnen diese Zahlen?
Anne-Florence Débois: Sie sind eindeutig und zeigen, dass grosser Bedarf für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen herrscht. Dafür braucht es aber eine differenziertere Herangehensweise als ein einfaches Verbot. Soziale Netzwerke sind nicht nur ein Risiko. Für manche Jugendliche können sie ein Ort der Unterstützung sein, an dem sie Kontakte knüpfen und Gemeinschaften bilden können. Wir müssen die Risiken minimieren und gleichzeitig den Jugendlichen ermöglichen, von den Chancen der digitalen Welt zu profitieren.
Die Befragten gaben vor allem den Schutz der psychischen Gesundheit von Jugendlichen als Argument für ein Verbot an. Was halten Sie davon?
Seit 2024 haben wir zwei Studien durchgeführt, um zu verstehen, wie stark Kinder und Jugendliche unter Stress stehen und wie sich dies auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. Dabei zeigte sich, dass Jugendliche unterschiedliche Strategien haben, um sich besser zu fühlen: Manche hören Musik oder treiben Sport. Und andere haben das Bedürfnis, durch den Feed zu scrollen, um ihre Ängste zu lindern. Die Realität ist nuanciert: Wir konnten keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen sozialen Medien und psychischen Problemen herstellen. Sie können zwar eine Rolle spielen, aber wir waren überrascht, dass diese Problematik weniger zentral war als gedacht.
Und doch tragen soziale Medien – zumindest teilweise – eine Mitschuld an psychischen Problemen junger Menschen. Warum ist das so?
Algorithmen haben eine direkte Auswirkung auf Jugendliche: Sie versetzen sie in eine Blase, in der bestimmte Inhalte wiederholt werden. Je nach Thema können die Folgen dramatisch sein: Ich denke dabei insbesondere an Feeds, die mit Selbstmordgedanken oder depressiven Zuständen zu tun haben. Diese können bereits bestehende Probleme verstärken. Wenn ein junges Mädchen etwa mit Essstörungen zu kämpfen hat und ihr immer wieder dieselben Inhalte angezeigt werden, wird ihr das nicht helfen, aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen. Jugendliche müssen sich aber auch an Erwachsene wenden können, wenn sie in den sozialen Netzwerken auf etwas stossen, das ihnen Unbehagen bereitet.
Etwa 40 Prozent der Befragten in unserer Umfrage waren der Meinung, dass Jugendliche erst ab 16 Jahren Zugang zu sozialen Netzwerken erhalten sollten. Ist das das ideale Alter?
Nicht unbedingt. 16 Jahre ist ein symbolisches Alter. Es ist das Alter der sexuellen Mündigkeit und anderer neuer Freiheiten. Diese Altersgrenze wird regelmässig herangezogen, um Jugendliche zu definieren, die zwar noch minderjährig sind, aber bereits einen gewissen Reifegrad erreicht haben. Man sollte sich jedoch nicht zu sehr auf dieses Alter fixieren, denn jeder Jugendliche reift in seinem eigenen Tempo. Wichtig ist, dass in den Familien klare Regeln und Rahmenbedingungen für die Nutzung digitaler Medien festgelegt werden. In unseren Workshops zu digitalen Kompetenzen für Eltern sensibilisieren wir sie dafür, darauf zu achten, dass ihr Teenager genügend Reife und Selbstständigkeit erworben hat, um soziale Netzwerke zu nutzen.
Jede Familie geht unterschiedlich mit digitalen Medien um. Was bedeutet das für eine staatliche Regulierung?
Manche Familien gehen sehr selbstverständlich mit diesen Fragen um und haben bereits klare Regeln. Anderen bereitet es grössere Schwierigkeiten, die digitale Nutzung ihrer Kinder zu begleiten. Es gibt auch Situationen, in denen Kinder schon sehr früh ein eigenes Smartphone besitzen und soziale Netzwerke ohne Begleitung intensiv nutzen. Dass eine Regulierung der Plattformen notwendig ist, zeigt sich vor allem in diesen Fällen. Die Verantwortung ist eine gemeinsame, und sie liegt bei den Plattformen, den Familien und der Schule.
Welche Massnahmen wünschen Sie sich konkret?
Wir fordern insbesondere, dass die Plattformen so gestaltet werden, dass sie für Kinder sicher sind. Das heisst, dass es ein Verbot der Datenerfassung bei Minderjährigen und der auf sie zugeschnittenen personalisierten Werbung gibt. Ausserdem müssen die Algorithmen, die auf eine längere Verweildauer ausgerichtet sind, angepasst und schädliche Inhalte besser reguliert werden.
Was meinen Sie mit schädlichen Inhalten genau?
Dabei kann es sich um gewalttätige Inhalte, schockierende Szenen, Darstellungen selbstverletzenden Verhaltens oder auch um Inhalte im Zusammenhang mit Essstörungen handeln. Das ist angesichts KI-manipulierter Fotos besonders wichtig. Diese Inhalte müssen gemeldet und rasch gelöscht werden können. Wir fordern ausserdem, dass die Plattformen mit den Behörden zusammenarbeiten, wenn potenziell illegale Inhalte vorliegen, wie zum Beispiel sexualisierte Gewalt oder Hate Speech.
Auf Instagram werden häufig perfekte Körper inszeniert. Diese Inhalte wären gemäss Ihrer Definition wohl weder schädlich noch illegal, dennoch könnten sie gefährliche Verhaltensweisen begünstigen. Man kann einer Influencerin oder einem Influencer aber nicht verbieten, in Bademode zu posieren … Was tun?
Man muss ein Gleichgewicht finden. Bestimmte Inhalte sind für Minderjährige eindeutig ungeeignet und müssen besser moderiert werden. Bei anderen, wie zum Beispiel einem Foto im Badeanzug, geht es weniger um den Inhalt selbst als vielmehr darum, wie die Plattformen ihn bewerben. Da kommt ihre Verantwortung ins Spiel. Ebenso wichtig ist jedoch die Förderung der digitalen Bildung: Jugendliche, Eltern und die Schule müssen diese Mechanismen und ihre Risiken verstehen. Wir müssen die Jugendlichen nicht nur schützen, wir müssen sie auch sensibilisieren.
Sind sich die Plattformen der Mechanismen, die sie einsetzen, voll und ganz bewusst?
Wir wissen, dass sie kommerzielle Ziele verfolgen. Ihr Geschäftsmodell basiert darauf, die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer zu gewinnen. Gerade weil wir wissen, wie sie funktionieren, ist eine angemessene Gesetzgebung notwendig. Der Digital Services Act der Europäischen Union ist ein interessantes Beispiel: Er schreibt strengere Auflagen vor als die derzeit in der Schweiz geltenden. Unser Land ist bei der Plattformregulierung ins Hintertreffen geraten.
In den USA kündigte Meta nach einem Gerichtsverfahren neue Massnahmen an, wie beispielsweise Nutzungszeitbeschränkungen oder nächtliche Einschränkungen für Jugendliche. Dreht sich der Wind?
Das sind erste kleine Schritte in die richtige Richtung. Wir müssen aber mit verbindlichen, konsequenten und wirksamen Massnahmen für die Plattformen weiter voranschreiten. Diese Frage muss politisch diskutiert werden, und die Kantone müssen eine echte Kontrolle dieser Unternehmen gewährleisten. Es geht um den Schutz unserer Kinder und Jugendlichen. Dies erfordert einen strukturierten und nachhaltigen Ansatz.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
