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Deutscher General sticht mit «Analyse» zum Ukraine-Krieg in Wespennest

Deutscher General sticht mit seiner «Analyse» zum Ukraine-Krieg in ein Wespennest

Der Generalinspekteur der deutschen Bundeswehr warnt vor einer zweiten russischen Front in Europa. Internationale Experten zeigen sich irritiert.
16.09.2022, 08:4716.09.2022, 11:15
Martin Küper / t-online
Ein Artikel von
t-online

Mit Äusserungen zum Ukraine-Krieg zieht der Generalinspekteur der Bundeswehr internationale Kritik auf sich. In einem «Focus»-Interview spricht sich Eberhard Zorn gegen weitere Waffenlieferungen der Bundesrepublik an die Ukraine aus und warnt davor, dass Russland in Europa einen weiteren Krieg vom Zaun brechen könnte. In der Vorabmeldung des Interviews, das am Samstag erscheinen soll, nennt Zorn auch mögliche russische Angriffsziele.

«Kaliningrad, die Ostsee, die finnische Grenze, Georgien, Moldau… es gibt viele Möglichkeiten», so Zorn. «Die Fähigkeiten hätte Putin. Auch wenn etwa 60 Prozent seiner Landstreitkräfte im Ukraine-Krieg gebunden sind, verfügen die Landstreitkräfte sowie vor allem die russische Marine und Luftwaffe noch über ungebundene Kapazitäten. Würde Putin eine Generalmobilmachung anordnen, hätte er auch keine Personalprobleme.»

In den jüngsten Geländegewinnen der Ukrainer will Zorn dagegen «keine echte Gegenoffensive» erkennen, sondern allenfalls «Gegenstösse, mit denen man Orte oder einzelne Frontabschnitte zurückgewinnen kann».

«Eine erschreckend dürftige Analyse»

Eine englische Version der Vorabmeldung kursierte am Donnerstag auch auf Twitter und löste dort viel Widerspruch gegen die Äusserungen des Bundeswehrgenerals aus. «Eine erschreckend dürftige Analyse der russischen Fähigkeiten, die leider beispielhaft für viele Entscheidungsträger in Deutschland steht», schrieb der frühere Kommandeur der US-Truppen in Europa, Ben Hodges. Und weiter:

«Finnland allein würde die russischen Truppen schlagen. Litauen und Polen würden Kaliningrad innerhalb von einer Woche komplett einnehmen und die russische Marine versteckt sich hinter der Krim, obwohl die Ukraine nicht mal eine Marine hat.»
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screenshot: twitter

«Wirklich bizarr»

Der britische Kriegsforscher und Experte für die russische Armee, Rob Lee, nennt die Äusserungen Zorns «wirklich bizarr» und rechnet vor, wie begrenzt die Kräfte des Kreml tatsächlich sind.

«Russland hatte schon im April etwa 85 Prozent seiner Kampfeinheiten im Feld, inklusive Marine und Luftlandetruppen. Diese Einheiten haben schwere Verluste erlitten, die russische Armee ist seitdem auf Freiwillige und Reservisten angewiesen», schreibt Lee auf Twitter.

«Der allergrösste Teil der russischen Truppen steht für Aktionen ausserhalb der Ukraine also gar nicht zur Verfügung.» Die Äusserung Zorns sei auch politisch nicht logisch, so Lee: «Warum sollte Russland 40 Prozent seiner Streitkräfte zurückhalten, während die Ukraine an zwei Fronten angreift?»

Ähnlich reagierte der Militärexperte Gustav Gressel vom «European Council on Foreign Relations» auf das Zorn-Interview. «Das Vertrauen in Deutschland ist ohnehin nicht sehr gross, um es vorsichtig auszudrücken», schrieb Gressel auf Twitter. «Ich verstehe nicht, warum die Deutschen es noch schlimmer machen.»

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screenshot: twitter

Ukrainer befreien 150'000 Menschen

Nach monatelangen Vorbereitungen hat die ukrainische Armee kürzlich Offensiven bei Cherson in der Südukraine und bei Charkiw im Nordosten des Landes gestartet. In der Region Charkiw haben die Ukrainer dabei nach eigenen Angaben innerhalb weniger Tage 300 Orte und etwa 150'000 Menschen von der russischen Besatzung befreit.

Auch aus dem Süden meldet Kiew Gebietsgewinne, wenn auch langsamer als im Nordosten. In Vorbereitung auf die ukrainischen Angriffe hatte die russische Armee ihre Kräfte im Süden verstärkt und dabei ihre Linien bei Charkiw geschwächt. In den befreiten Gebieten gibt es schon jetzt viele Hinweise auf russische Kriegsverbrechen.

Und die deutschen Waffenlieferungen?

Die jüngsten Erfolge der Ukrainer haben auch die Debatte über deutsche Waffenlieferungen neu angeheizt. Gerade jetzt sei dringender denn je geboten, die Ukraine mit Kampfpanzern wie dem Leopard 2, gepanzerten Truppentransportern und Schützenpanzern wie dem Marder zu beliefern, argumentieren Befürworter wie die FDP-Rüstungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Am Donnerstag kündigte die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) die Lieferung weiterer Mehrfachraketenwerfer und Truppentransporter an die Ukraine an.

Quellen

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