«Amerika ist zurück»: So war die Wahlnacht der Demokraten in Texas
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Kurz vor 19 Uhr weiss im Hyatt Regency in Austin noch niemand, wie die Nacht verlaufen wird. Einige Freiwillige begrüssen die Ankommenden. Die Stimmung ist ruhig, der Optimismus verhalten. Man stellt sich aufs Warten ein. Wahrscheinlich wird es lange dauern.
Nicole hätte diesen Abend um nichts in der Welt verpasst. Sie hat ihren Mann und die Kinder zu Hause gelassen. «Wenn ich zu Hause geblieben wäre, hätte ich den Fernseher stundenlang für mich beansprucht», sagt sie lachend. Normalerweise meldet sie sich am Wahltag freiwillig für die Arbeit in einem Wahllokal. Dieses Jahr fehlte ihr dafür die Zeit. Stattdessen ging sie in den vergangenen Tagen von Tür zu Tür. «Die verrückteste Erfahrung meines Lebens, aber nicht die angenehmste. Man trifft manchmal auf wirklich seltsame Leute.»
An diesem Abend will sie hier sein, unter Gleichgesinnten.
Neben ihr ist Carole, die Goodwin und Pooja mitgebracht hat. Die beiden Hunde werden an diesem Abend auf zahlreichen Selfies zu sehen sein und mit den Lokalpolitikern und Rednern um die Rolle der Stars des Abends konkurrieren. Für Carole, die in ihren Siebzigern ist und sich regelmässig ehrenamtlich für die Demokratische Partei engagiert, ist es die erste «Watchparty» – ein Treffen, bei dem man gemeinsam die Resultate verfolgt.
Warum hat sie sich heute Abend dazu entschlossen? «Ich wollte wirklich nicht allein sein. Und ich spüre einen gewissen Optimismus. Etwas Neues für unseren Bundesstaat, für unser Land.»
Über Donald Trump hat sie hingegen eine klare Meinung.
Hinter ihrer Wut bleibt eine Sorge: Werden die Resultate akzeptiert? Sie bezweifelt es. Vorerst wartet Carole wie alle anderen darauf, dass die Bildschirme einen Grund zur Hoffnung liefern. «Gott weiss, wozu dieser widerliche Typ fähig ist.»
Gegen 20.30 Uhr haben die Frühlingsrollen, die Pouletspiesse und ein paar Gläser Weisswein ihre Wirkung getan. Die Gespräche werden lauter und die Temperatur steigt.
Der Konferenzsaal ist inzwischen überfüllt. Freiwillige, Sympathisanten, gewählte Politiker und Journalisten kommen zwischen den wenigen aufgestellten Tischen und den Fernsehkameras kaum noch durch. Auf einer kleinen Bühne in einer Ecke heizen die Verantwortlichen der Demokraten der Menge mit aufmunternden Worten und patriotischen Reden weiter ein.
Bei jedem Resultat zugunsten eines demokratischen Kandidaten wird der Jubel im Saal lauter, ganz gleich, aus welchem Bundesstaat dieser stammt. Die Hoffnung, mit der man bislang vorsichtig umgegangen ist, bestimmt zunehmend die Stimmung. «Ja, es gibt enorm viel Hoffnung. Selbst hier in Austin, Texas – und das ist nun wirklich nicht der linkeste Bundesstaat der Welt. Wir werden gewinnen», sagt Graham voller Überzeugung. «Wir werden die Kontrolle zurückgewinnen.»
Während um sie herum applaudiert wird, sprechen Joleen und Dalia darüber, was auf die Versprechen folgen muss. «Ich hoffe heute Abend, dass die Menschen, die für die Demokraten gestimmt haben, noch vor der nächsten Wahl einen Unterschied feststellen können», fasst eine der beiden zusammen. Was heisst das? «Günstigere Medikamente, bezahlbare Wohnungen und öffentliche Dienstleistungen, die noch funktionieren.»
Joleen fordert auch Klarheit über die Machtausübung in Washington: «Wenn wir im Kongress eine Mehrheit gewinnen, müssen wir dem Verdacht auf Interessenkonflikte nachgehen und klären, wie öffentliche Gelder verwendet werden. Schluss mit der Korruption. Trump und seine Freunde werden Rechenschaft ablegen müssen.»
Es ist noch früh am Abend, als sich auf den überall aufgestellten Fernsehern immer deutlicher abzeichnet, dass die Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus übernehmen könnten. Die Menge springt geschlossen auf.
Nach stundenlangem Warten lassen Deborah und David, ein Lehrerpaar aus Austin, ihrem Optimismus endlich freien Lauf. «Diesmal ist es so weit! Es ist so weit!», ruft Deborah. «Es ist so weit!»
Sie denkt bereits an die öffentlichen Schulen, an Schulen mit Personalmangel und an die Familien, die keine andere Möglichkeit haben. «Sie müssen auf uns zählen können, damit ihre Kinder eine gute Bildung erhalten, unabhängig von ihrem Einkommen.»
Dann machen die Siege in Texas den Abend zu einem historischen Ereignis. Gina Hinojosa gewinnt die Gouverneurswahl gegen Greg Abbott. James Talarico erringt einen Sitz im US-Senat. Texas bekommt damit erstmals seit Ann Richards, die 1995 aus dem Amt schied, wieder eine demokratische Gouverneurin.
Gegen 22 Uhr ist im Hotel von Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Latania schwingt bei jedem Resultat ihre Glocke. «Das ist verrückt! Das ist unglaublich!», ruft sie mit Tränen in den Augen. Um sie herum schreien die Menschen. Sie weinen. Sie fallen sich in die Arme. Die Bildschirme allein reichen nicht mehr: Man schaut sich gegenseitig an, um sich zu vergewissern, dass alle dasselbe sehen.
Neben uns lacht Angelo laut auf: «Ich nehme an, das ist ein ganz normaler Dienstag in Austin.»
David, Deborahs Partner, der an einer Highschool in Austin unter anderem Geschichte unterrichtet, muss sich bereits auf den Heimweg machen. Am nächsten Tag wartet ein 17-jähriger Schüler auf ihn. «Ein Junge mit enormem Potenzial», erzählt er, «aber er kommt nicht zum Unterricht.» Deshalb holt ihn sein Lehrer an manchen Morgen bei seinen Eltern ab, «sogar aus dem Bett», und sorgt dafür, dass er in der Schule ankommt.
Valérie und Julia verlassen den Saal noch immer überwältigt, ihr Schild mit der Aufschrift «Blue Wave» unter dem Arm. Julias Familie hatte sie vorgewarnt: Sie werde mindestens bis 2 Uhr morgens wach bleiben. Sie hatte nicht damit gerechnet, so schnell Gewissheit zu haben. Der Tsunami, auf den sie gehofft hatte, hat ihren Bundesstaat tatsächlich erfasst – und auch den Rest des Landes.
Valérie sucht nach Worten. Sie hat das Texas wiedergefunden, das sie liebt: «Offen, multikulturell, ein bisschen seltsam.» Genau. Das ist unser Texas.»
Dann wird sie erneut von ihren Gefühlen überwältigt:
Draussen ertönen bereits Hupen in der milden Nacht. Auf dem Parkplatz vor dem Eingang treffen wir Joleen und Dalia wieder. Sie sind gerade auf dem Weg zu ihrem Auto, um nach Hause zu fahren. «Eine neue Zukunft liegt vor uns. Amerika ist zurück.»
