Trump will mit Grüsel-Fleisch die Midterms gewinnen
Es ist sehr selten, dass ein Roman einen entscheidenden Einfluss auf die Politik hat. Im Jahr 1906 ist dies Upton Sinclair mit «The Jungle» gelungen. Darin werden die haarsträubenden hygienischen Bedingungen in den Schlachthöfen von Chicago geschildert. Theodore Roosevelt, der damalige US-Präsident, war darob so schockiert, dass er umgehend die Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) ins Leben rief.
Der aktuelle Präsident beschreitet den umgekehrten Weg. Donald Trump hat kürzlich den Import von 300’000 Tonnen Rindfleisch erlaubt, ein Entscheid, den Paul Krugman in seiner Kolumne auf Substack wie folgt auf den Punkt bringt: «Es handelt sich um die charakteristische Kombination von roher Korruption und roher Inkompetenz.»
Zunächst zum Fleisch. Eric Schlosser, ein bekannter Ernährungsspezialist und Autor des Bestsellers «Fast Food Nation», führt dazu in einer Gastkolumne in der «New York Times» aus, es handle sich dabei nicht um frische Ware wie Steaks und Filets. «Es sind kleine Stücke von tiefgefrorenem Fleisch, die möglicherweise seit Jahren eingelagert worden sind. Es ist die Quintessenz dessen, was wir industrielles Fleisch nennen», so Schlosser. «Dieses Fleisch wird importiert und vermischt mit Zehntausenden von anderen Fleischstücken aus den verschiedensten Ländern. Gebraucht wird es vorwiegend zur Herstellung von Fast-Food-Hamburgern.»
Genaues weiss man nicht, doch wahrscheinlich stammt der grösste Teil dieses minderwertigen Rindfleisches aus Brasilien. Dabei geniesst gerade brasilianisches Rindfleisch einen zweifelhaften Ruf. Im Jahr 2017 ereignete sich dort einer der schlimmsten Lebensmittelskandale der jüngeren Zeit. Damals wurden rund 200 Schlachthöfe von Polizeikräften gestürmt, weil korrupte Lebensmittelinspektoren es zugelassen hatten, dass verdorbenes Fleisch an Spitäler und Schulen verkauft werden durfte.
Die EU hat zudem soeben den Import von Rindfleisch aus Brasilien aufgehoben. Grund: Es besteht der Verdacht, dass Missbrauch mit Antibiotika vorliegt. Möglicherweise wird nun ein Teil davon in die USA verschifft. Wie ist das möglich?
Einerseits spielt die von Krugman erwähnte Inkompetenz eine Rolle. Trump mag Experten nicht. Er umgibt sich mit Leuten, die ihm blind folgen, Fachkenntnisse sind dabei eher zweitrangig. Deshalb war die Erlaubnis, Rindfleisch zu importieren, auch nicht das Ergebnis eines standardisierten Prozesses, der in Absprache mit der FDA erfolgt ist. Trump hat mehr oder weniger allein und aus dem Bauch entschieden, denn er glaubt, damit ein wirksames Mittel gefunden zu haben, wenigstens einen Teil des Erschwinglichkeitsproblems gelöst zu haben.
Nach dem Benzinpreis ist der Preis für Rindfleisch der wohl wichtigste. Amerikanerinnen und Amerikaner verzehren Unmengen davon, und Rindfleisch ist in den letzten Monaten massiv teurer geworden. Mit dem billigen Fleisch erhofft sich der Präsident, wenigstens dieses Problem in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig vertraut er darauf, dass sein Kunstgriff unbemerkt bleibt. Gehacktes Rindfleisch wird, wie erwähnt, mehrfach gemischt. Wer will da noch erkennen, woher es stammt? Zumal es, wie Schlosser ausführt, keine Deklarationspflicht gibt, welche die Herkunft des Fleisches ersichtlich macht.
Soweit zur Inkompetenz. Nun zur Korruption.
JBS ist ein brasilianischer Fleischverarbeiter, und zwar nicht irgendeiner, sondern der weltweit grösste. Dies in einem Bereich, in dem ein Oligopol herrscht. Vier Konzerne beherrschen de facto den Markt.
JBS geniesst keinen guten Ruf. Joesley Batista, dessen Familie den Konzern beherrscht, war lange Zeit Persona non grata in Washington. Er brüstet sich damit, mindestens drei brasilianische Präsidenten bestochen zu haben. Zudem besass er beste Beziehungen zu Nicolas Maduro, dem ehemaligen Diktator von Venezuela. Auch mit China kann er gut. Als er noch Senator war, verurteilte der aktuelle Aussenminister Marco Rubio deshalb die «kriminellen Geschäftspraktiken» von JBS.
Batista ist jedoch auch mit Melania Trump befreundet und hat deshalb Zugang zum Weissen Haus. Als er auch noch fünf Millionen Dollar für die Eröffnungszeremonie zur zweiten Amtszeit spendete, hatte er Trumps Gunst endgültig gewonnen. Er durfte – was ihm zuvor versagt war – sein Unternehmen auch an der New Yorker Börse kotieren.
Trump will die Zwischenwahlen nicht nur mit Grüsel-Fleisch gewinnen. Heute beginnt in Dallas (Texas) die Trumpolosoa, eine zweitägige Wahlkonvention der Grand Old Party (GOP). Es handelt sich dabei um eine gigantische Wahlkampf-Rally à la Trump. Der Präsident wird nicht nur einmal, sondern gleich zweimal sprechen. Und selbstverständlich wird dabei kräftig abgezockt. Wer teilnehmen will, muss 25’000 Dollar hinblättern, und für ein Foto mit Trump dürfen es auch 80’000 Dollar sein.
Als Grund für diesen aussergewöhnlichen Event – normalerweise findet er nur in Jahren statt, in denen auch der Präsident gewählt wird – führt Trump an, er müsse seine Basis dazu bewegen, auch dann zur Urne zu gehen, wenn er nicht auf dem Wahlzettel stehe. Ob diese Rechnung aufgehen wird, ist fraglich. Trump befindet sich bekanntlich in einem historischen Umfragetief. Zudem identifizieren sich erstmals seit langer Zeit wieder mehr Amerikanerinnen und Amerikaner mit den Demokraten.
Selbst in den Reihen der GOP gibt es daher grosse Zweifel, ob es angesichts dieser Umstände sinnvoll sei, auf die Karte Trump zu setzen. So erklärt Whit Ayers, ein Umfragespezialist der Republikaner, im «Wall Street Journal»: «Zweifellos besitzt der Präsident die einzigartige Gabe, die MAGA-Wähler zu motivieren. Aber das reicht nicht, um in den Swing-Bezirken und den Swing-Staaten zu punkten. Wenn die Zustimmung für die Arbeit des Präsidenten bei 38 Prozent liegt, dann macht es keinen Sinn, die Wahlen zu nationalisieren.»
