Wallis
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Im Walliser Parlament hat es vor allem eines: Männer – «wo sind hier die Frauen?»

Das Wallis hat fast nur Männer ins Parlament gewählt. Das will der Kanton ändern. Zu Besuch an einem Anlass in Naters, wo Frauen Tipps erhalten zu Themen wie Umgang mit Medien, Staatskunde – und Mode.

Benjamin Weinmann, Naters / ch media



Es ist kalt und dunkel draussen. «Ra­clette ab 17 Uhr» steht auf einer Kreidetafel vor der Eingangstür des Restaurants Melodie, nahe des Bahnhofs. Die Verlockung, in der warmen Stube Käse zu schmelzen, ist gross.

Doch rund 20 Frauen haben sich für einen Anlass gleich nebenan entschieden, im World Nature Forum. Das Thema: «Unter­repräsentation der Oberwalliser Frauen in der Politik». Geladen hat die parteiübergreifende Gruppe Üpag.

In der Einladung werden die Fakten für das deutschsprachige Oberwallis schonungslos aufgeführt: In den Gemeinderäten beträgt der Frauenanteil 15 Prozent. Nur 5 der 63 Oberwalliser Gemeinden werden von einer Frau präsidiert.

Während bei den Eidgenössischen Wahlen der Frauenanteil im Nationalrat auf rekordhohe 40 Prozent stieg, wählten die Walliser acht Männer in die grosse Kammer. Null Frauen.

«Die Buben interessieren sich mehr für Politik als die Mädchen»

Im Publikum sitzt Rafaela Andermatten aus Stalden. Die 18-jährige Fachfrau Gesundheit ist alleine gekommen und hat neben der pensionierten Lehrerin Beatrice Mathieu aus Brig Platz genommen.

Beide Frauen sind CVP-Wählerinnen. Andermatten ist seit zwei Jahren Mitglied der Jungpartei. Und weshalb kam sie alleine? «Bei uns in Stalden interessieren sich die Buben mehr für Politik als die Mädchen. Ich bin da ein bisschen eine Exotin.»

Ihre Sitznachbarin, die 67-jährige Beatrice Mathieu, ist nicht überrascht: «Viele Frauen müssten sich halt etwas mehr interessieren, es liegt auch an ihnen.» Aber ein Geschlechterproblem habe das Wallis nicht. «Es hat sich viel verändert, seit ich jung war.» Und überhaupt: Mit Marianne Maret habe man im zweiten Wahlgang ja doch noch eine Frau in den Ständerat gewählt.

Maret, die erste Frau, die den Bergkanton in der kleinen Kammer vertritt, hatte kurz nach ihrer Wahl für Empörung bei gewissen Personen gesorgt. Vom lokalen Fernsehmoderator gefragt, was sie am Morgen vor der Wahl getan habe, antwortete sie: «Ich habe das getan, was alle Hausfrauen tun, wenn sie sich langweilen. Ich habe das Haus heraus­geputzt.»

Sowohl Mathieu als auch Andermatten verstehen die Aufregung nicht. Insbesondere die Rentnerin enerviert sich: «Was hätte Frau Maret denn sonst machen sollen? Yoga?» Sie ordnet die Kritik linken Frauen zu. «Die fordern Gleichberechtigung überall, aber ins Militär wollen sie dann doch nicht und später in Rente auch nicht.»

Zudem gäbe es ja durchaus Männer, die zu Hause aufräumen würden. «Aber vielleicht getrauen sie sich nicht, es zu sagen.» Die Stimmung ist gemütlich, der Kreis der Interessierten klein. Kampf- oder Proteststimmung, wie man sie nach der Einladung vielleicht hätte erwarten können, kommt keine auf. Es wird höflich zugehört und bei jedem Referenten geklatscht.

Praxistipps, die für beide Geschlechter gelten

Der Stargast des Abends, Brigitte Hauser-Süess, Beraterin im Verteidigungsdepartement, spricht in ihrem Referat über den Umgang mit Medien. Hauser-Süess weiss, wovon sie spricht. Sie war selbst einst Politikerin, dann Sprecherin im Departement von Ruth Metzler, später Informationschefin und engste Mitarbeiterin von Eveline Widmer-Schlumpf.

Sie unterstützte Doris Leuthard in ihrem Präsidialjahr, und zuletzt galt sie als Strippenzieherin bei der Wahl ihrer Freundin Viola Amherd in den Bundesrat. Kein Wunder gilt sie als «die Frau, die Bundesrätinnen macht».

Hauser-Süess gibt einen nüchternen Vortrag mit generellen Praxis- tipps, die für beide Geschlechter gelten. Keinen Kugelschreiber in der Hand halten, wenn man öffentlich auftritt. Nur über das sprechen, was man versteht. Und so reden, dass man es versteht. Zum Schluss dann doch noch ein Ratschlag, der sich nur an die Frauen richtet: «Vorsicht bei Jupes. Die rutschen beim Sitzen rauf, dann fängt man an zu zupfen. Und: Nicht zu kurze Röcke. ­Sowieso.»

Es ist die passende Überleitung für den nächsten Referenten, Dario Seiler vom lokalen Modehaus Seiler, einem über 100-jährigen Briger Familienbetrieb. Das Thema: «Passend gekleidet.» Zusammen mit seiner Angestellten Sheila gibt er den Anwesenden eine Übersicht zu modischen Definitionen und den dazugehörigen «No-Gos», wie zum Beispiel Casual (keine freizügigen Décolletés!) oder Business (Absatzhöhe maximal 7 Zentimeter!). Gute Beispiele haben die beiden Referenten am Kleiderständer hängen, den sie mit auf die Bühne gebracht haben.

Modetipps nur für Politikerinnen? In städtisch-liberalen Kreisen dürfte wohl nur schon der Titel des Modereferats für einen feministischen Aufschrei sorgen. Nicht in Naters an diesem Abend. Der Ärger über die männliche Dominanz scheint hier inexistent. Charlotte Salzmann vom Organisationskomitee und sogenannte Grossratsuppleantin der Oberwalliser CVP, erklärt das mit dem zurückhaltenden Charakter vieler Einwohner.

«In den Walliser Tälern kennt jeder praktisch jeden. Viele Frauen haben Angst, sich zu exponieren und zu einer Partei Stellung zu nehmen.» Doch ist es wirklich nur die soziale Kontrolle? «Das konservative Familienbild, wonach Männer politisieren und die Frauen sich um die Familie kümmern, ist hier sicher noch präsenter als anderswo», sagt Salzmann. «Leider.»

Der einzige Moment der Empörung

Dann aber doch noch. Es ist bereits kurz vor 21 Uhr, das letzte Referat an diesem Abend. Der ehemalige Walliser Grossrat Markus Truffer liefert mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation Grundwissen zur Staatskunde. Die Schweiz hat zwei Kammern im Parlament.

Das macht die Legislative, das die Exekutive. Et cetera. Truffer klickt und es erscheint eine neue Slide. Zu sehen sind die Nationalräte des Wallis. Acht an der Zahl. Nur Männer.

Aus der ersten Reihe entfährt es einer Zuhörerin: «Und wo sind hier die Frauen?» – «Eben», sagt ihre Kollegin leise zu ihr. Da ist er, der Moment der Empörung. Es bleibt der einzige an diesem Abend. (bzbasel.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Loeffel 29.11.2019 12:25
    Highlight Highlight Das Wallis ist der Vatikan der Schweiz. Somit überrascht die Frauenquote nicht wirklich 🤪
  • tinu77 29.11.2019 09:36
    Highlight Highlight Die fähigen Walliser Politikerinnen engagieren sich lieber in Bern als in diesem doch ziemlich bedeutungslosen Kantonsparlament.
  • landre 29.11.2019 09:24
    Highlight Highlight Wallis ist markant von Patriarchiat geprägt. Archaisch aber offensichtlich leider immer noch Tatsache. Trotzdem, man darf optimistisch bleiben, denn so wie andere südliche Kantone, ist auch das ehrwürdige Wallis in manchen Aspekten in einer gewissen aber aufholbaren Verspätung zum Rest der CH Welt.
  • Linus Luchs 29.11.2019 09:22
    Highlight Highlight An dieser Veranstaltung offenbar ist passiert, was fast immer passiert, wenn es um die Untervertretung von Frauen in Machtpositionen geht. Den Frauen wird Tipps gegeben, was sie tun oder lassen sollen. Das ist die falsche Blickrichtung! Es sind die Männer, die dafür sorgen, dass Frauen von Machtpositionen ferngehalten werden. Die strukturelle Unterdrückung geht vor allem von Männern aus. Und deshalb muss der Fokus auf ihnen liegen. Nicht die Frauen müssen sich männlichen Vorgaben anpassen, sondern die Männer müssen ihr Mindset ändern und Frauen als absolut gleichwertig begreifen und behandeln.
    • zaphod67 29.11.2019 10:07
      Highlight Highlight Das ist eine Sichtweise. Eine andere wäre die, dass Frauen eben nur dann gewählt werden können, wenn sie sich auch zur Wahl stellen. Aber diese Erkenntnis ist Ihnen wohl zu langweilig, ideologische Kampfparolen zu posaunen ist viel spannender.
    • René Gruber 29.11.2019 10:54
      Highlight Highlight Ja immer sind die bösen Männer dran schuld. Dieses Argument würde ich jetzt vielleicht in der Arbeitswelt gelten lassen. Aber in der Politik? Meines Wissens gibt es in der Bevölkerung mehr Frauen als Männer, wenn also die Frauen auch mehrheitlich Frauen wählen würden und sich von den Frauen prozentual auch in etwa gleich viel zur Wahl stellen würden, dann würde das mit der Frauenquote doch deutlich anders aussehen oder? Und die Männer können da nicht bestimmen, da jeder Mann auch nur eine Stimme hat. Warum also solls an den Männern liegen?
  • ChlyklassSFI 29.11.2019 08:46
    Highlight Highlight Diese Tipps sind doch komisch.
  • JackMac 29.11.2019 08:25
    Highlight Highlight Amherd dänk!
  • Menel 29.11.2019 08:13
    Highlight Highlight «Die fordern Gleichberechtigung überall, aber ins Militär wollen sie dann doch nicht und später in Rente auch nicht.»

    ...und schon wieder diese einseitige Sichtweise; wieso bedeutet für viele; Gleichberechtigung = alles wies die Männer haben und machen?

    Wieso nicht Militär für alle freiwillig und Rentenalter von Männern senken? Witwerrente einführen und einen gescheiten Vaterschaftsurlaub/Elternzeit.
    • SeboZh 29.11.2019 08:41
      Highlight Highlight Weil wir immer älter werden und das system dann noch früher kollabieren würde. Ansonsten bin ich mit deiner sichtweise komplett einverstanden
    • w'ever 29.11.2019 08:58
      Highlight Highlight gleichberechtigung heisst halt auch für mich gleiche rechte und pflichten, auch wenn dass mit der schwangerschaft ein wenig schwierig ist ;)
    • Roman h 29.11.2019 09:00
      Highlight Highlight Wieso Militär nicht für alle freiwillig?
      Eventuell weil das Volk darüber abgestummen hat und man es nicht freiwillig machen will.
      Wieso Rentenalter erhöhen und nicht senken?
      Wenn das Geld jetzt schon nicht reicht kann man es ja schlecht erhöhen, das haben zum Beispiel die Griechen gemacht und das Resultat kennen wir ja.
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