Russland
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Manipulierte Wahlen mit Politikern, die sich Putins Partei schämen



Bei den als Stimmungstest für Präsident Wladimir Putin geltenden Kommunal- und Regionalwahlen in Russland hat sich am Sonntag eine geringe Beteiligung abgezeichnet. Kandidaten der Kreml-Partei schämten sich ihrer Parteizugehörigkeit und versuchten diese zu verbergen.

Insgesamt waren 56 Millionen Wähler zur Stimmabgabe in 85 Regionen des Landes aufgerufen – das ist fast die Hälfte der Wahlberechtigten Russlands.

«Heute kämpfen wir dafür, das Monopol von ‹Einiges Russland› zu zerstören»

In der Hauptstadt Moskau lag die Beteiligung am Nachmittag bei nur 17,2 Prozent. Dort hatten den Sommer über zehntausende Anhänger der Opposition gegen den Ausschluss ihrer Kandidaten von der Wahl demonstriert, hunderte Menschen wurden festgenommen.

Nach Angaben des Bürgerportals OWD-Info wurden am Sonntag mindestens 16 Menschen festgenommen, darunter Journalisten, ein Kommunalpolitiker sowie Maria Aljochina, ein prominentes Mitglied der Punkband Pussy Riot.

epa04149304 Nadeschda Tolokonnikowa (L) and Maria Aljochina (R) of the Russian punk band Pussy Riot arrive at a hearing by Green group on Russia and human rights at the EU parliament in Brussels, Belgium,  01 April  2014.  EPA/OLIVIER HOSLET

Das Mitglied der Punkband Pussy Riot, Maria Aljochina, wurde bei einer Demonstration festgenommen. Bild: EPA/EPA

Putins Partei im Stimmungstief

Die Zustimmungswerte der Kreml-Partei Einiges Russland hatten vor der Wahl einen Tiefpunkt erreicht. Offiziell trat am Sonntag in Moskau kein Politiker für diese Partei an; Mitglieder präsentierten sich als unabhängige Kandidaten, weil sie sonst einen Image-Schaden befürchteten.

Putin, der im Fernsehen mit der üblichen sauertöpfischen Miene zu sehen war, sagte bei der Stimmabgabe, wichtig sei «nicht die Quantität, sondern die Qualität» der Kandidaten.

epa07827339 Russian President Vladimir Putin casts his vote at a polling station during Moscow city Duma elections in Moscow, Russia, 08 September 2019. Russians go to polling stations to vote in various regional and municipal elections.  EPA/ALEXEY NIKOLSKY/ SPUTNIK / KREMLIN POOL

Wladimir Putin bei der Abgabe seines Wahlzettels. Bild: EPA

Umfragen hatten für die Kreml-Partei zuletzt massive Verluste vorhergesagt. Gross ist die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage im Land etwa wegen des Mangels an Arbeitsplätzen und wegen niedriger Löhne. Kreml-kritische Medien hatten unter Berufung auf behördennahe Kreise berichtet, dass die Umfragen für die offiziellen Kandidaten des Machtapparats so schlecht gewesen seien, dass keine Konkurrenz zugelassen werden sollte.

Der führende Oppositionspolitiker Alexej Nawalny rief die Moskauer auf, strategisch klug zu wählen und ihre Stimme denjenigen Politikern zu geben, die die besten Aussichten haben, die Kreml-treuen Kandidaten zu schlagen. «Heute kämpfen wir dafür, das Monopol von Einiges Russland zu zerstören», sagte er bei der Stimmabgabe.

Demokratische Fassade hält nicht mehr

Die prominente Anwältin Ljubow Sobol, die von der Wahl ausgeschlossen worden war, sprach bei ihrer Stimmabgabe in Moskau von einer «Beerdigung des Anscheins von demokratischen Wahlen» in Russland. «Natürlich wollen die meisten nicht wählen gehen, weil ihre Kandidaten nicht kandidieren durften», sagte sie.

Gewählt wurden neben Stadträten und Bürgermeistern 16 regionale Gouverneure und die Parlamente in 13 Regionen. In Putins Heimatstadt St. Petersburg fanden nicht nur Stadtrats-, sondern auch Gouverneurswahlen statt. Amtsinhaber Alexander Beglow ist Mitglied bei Einiges Russland, trat offiziell aber als unabhängiger Kandidat an. Auch er wollte nicht mit der immer unpopulärer werdenden Partei in Verbindung gebracht werden.

Gewählt wurde zudem auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Die Abstimmung wird international nicht anerkannt, weil das Gebiet gemäss Völkerrecht zur Ukraine gehört. Die EU und die USA haben gegen Russland wegen der Annexion der Krim Sanktionen verhängt.

Dort konnte die Kreml-Partei Geeintes Russland mit einem triumphalen Sieg rechnen. Die Region erhält so viel Geld aus dem Staatshaushalt wie kein anderes Gebiet in Russland. Das ukrainische Aussenministerium protestierte am Sonntag gegen die Wahl.

Gekaufte Stimmen und falsche Stimmzettel

Mehrere Oppositionsvertreter sprachen von schweren Unregelmässigkeiten in St. Petersburg. So seien Wähler für die Stimmabgabe bezahlt und Urnen mit vorbereiteten Stimmzetteln gefüllt worden. Auch in der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt war die Beteiligung niedrig.

Das Innenministerium betonte, dass der Wahltag ruhig verlaufen sei. Zwar seien mehr als 300 Verstösse gemeldet worden. Dies werde jedoch keinen Einfluss auf das Wahlergebnis haben, teilte das Ministerium mit.

Auch die Beobachter der Menschenrechtsorganisation Golos berichteten von hunderten Manipulationsversuchen und Behinderungen ihrer Arbeit. Der Pressesprecher von Golos sei ohne Angaben von Gründen festgenommen worden, teilte die Organisation mit.

Vorwürfe gab es von offizieller Seite gegen die US-Internetriesen Google und Facebook. Sie sollen sich mit Agitation am Wahltag in Russlands innere Angelegenheiten eingemischt haben, wie die Medienaufsicht Roskomnadsor mitteilte. Eine Kommission im Parlament werde prüfen, ob ausländische Kräfte so versuchten, die Wahl zu beeinflussen. Auch die Videoplattform Youtube werde untersucht. (sda/afp/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Fernrohr 09.09.2019 08:15
    Highlight Highlight Schaue ich die Parteienlandschaft in Russland an, graut mir auch. Werden nicht bald 'normale' Parteien zugelassen, wird die Nachfolge schwierig. Auch Putin lebt nicht ewig, aber das rechte Gesocks ist nicht tot zu kriegen.
  • rodolofo 09.09.2019 04:59
    Highlight Highlight Auf lange Sicht haben Lügen immer kurze Beine.
    Gerade den Russischen Profi-Lügnern rund um Putin glaubt heute kein Schwein mehr auch nur ein einziges Wort!
    Auch den Profi-Lügnern im Westen, allen voran Trump, Johnson und Salvini wird es ähnlich ergehen, wie Putin, sobald sie ihren Zenit und damit ihre grösste Verführungskraft überschritten haben!
    Ich freue mich schon wie ein kleines Kind auf die Zeit NACH den letzten "Starken Männern"!
    Noch will das Militärkopf-Patriarchat nicht einsehen, dass es verschwinden und aussterben wird, weil nur so die Evolution des Lebens weitergehen kann!
    • Atheist1109 09.09.2019 08:50
      Highlight Highlight Hey rodolfo;) du läufst ja zur Höchstform auf!
      Das ist mal ne Utopie nach meinem Geschmack.
      Hoffe nur wir sind nicht wieder 40-200 Jahre zu früh😉✌️
  • Hakuna!Matata 09.09.2019 00:07
    Highlight Highlight Wäre spannend ob es sich tatsächlich um Manipulationen auf FB, Google und Youtube handelt. Oder einfach nur um normale Partei- oder Kandidatenwerbung wie es in jedem anderen offenen und demokratischen Land der Fall ist. Wir werdens wohl nie erfahren...
  • Aniki 09.09.2019 00:07
    Highlight Highlight Die Troll-Mutter der Welt verbietet sich ausländische Einmischung in ihre Wahlen 😂😭

    • rodolofo 09.09.2019 05:02
      Highlight Highlight Und dass wir über sie lachen, ist ihre schlimmste Pein!
      Wir sollten doch Angst haben vor dem "Bösen Iwan", dem Feind aus dem Osten!
  • Coffeetime 09.09.2019 00:04
    Highlight Highlight Spielt doch keine Rolle, ob 17%, 70% oder keiner wählen geht.... Putin wird nicht abtreten und seine Freunde bleiben an der Macht, leider.
  • Basti Spiesser 08.09.2019 23:12
    Highlight Highlight Es wird nicht in "allen 85 Regionen" Russlands gewählt. Sondern nur in 32 Regionen.
    Man konsultiere die Seite der russischen Wahlbehörde, und es steht sogar auf Wikipedia. Wenn schon die einfachsten Fakten verdreht werden...
  • fritzfisch 08.09.2019 22:57
    Highlight Highlight Naja, so funktioniert das halt in einer diktatur, nichts neues.
    • rodolofo 09.09.2019 05:06
      Highlight Highlight Bei uns haben wir mehr Auswahl bei KandidatInnen.
      Aber ohne Geld läuft auch hier bei uns rein gar nichts.
      Das wissen auch "Kasachstan-Markwalder" und "Dubai-Maudet"...
  • Basti Spiesser 08.09.2019 22:54
    Highlight Highlight Also Putin füllt die Stimmzettel selber aus, aber die Wahlbeteiligung ist trotzdem so tief? Jeder der gegen ihn ist, muss Repressionen befürchten und doch will keiner der Kandidaten mit seiner Partei in Verbindung gebracht werden? Irgendwie widersprüchlich...
    • rodolofo 09.09.2019 05:11
      Highlight Highlight Ist doch logisch:
      Ausser Putin selbst und den 17%, die er selber ausgefüllt hat (ich nehme an, dass er diese Schreibarbeit delegiert hat an seine Troll-Fabriken) wählt GAR NIEMAND mehr!
      Die effektive Wahlbeteiligung liegt also bei 0.00000001%.

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