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Literatur: Nobelpreisträgerin Alexijewitsch sammelt «den Alltag der Gefühle»



Die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch liebt es, zuzuhören. Doch manches, das die Weissrussin über menschliche Schicksale erfährt, wünscht sie sich nie gehört zu haben, sagte sie vor der Literaturnobelpreis-Verleihung.

Die 67-jährige Swetlana Alexijewitsch sieht sich selbst als Sammlerin der Geschichten des «kleinen Menschen». «In meinen Büchern erzählt er seine eigene kleine Geschichte und damit zugleich auch die grosse Geschichte», sagte sie am Montagabend in der traditionellen Nobelrede vor der Verleihung des Preises am Donnerstag in Stockholm.

«Ich sammle den Alltag von Gefühlen, Gedanken, Worten», erklärte die Weissrussin. Sie liebe es, Menschen zuzuhören. «Ich liebe die einzelne menschliche Stimme. Das ist meine grösste Liebe und Leidenschaft.»

Die gelernte Journalistin bekam den Nobelpreis «für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt».

Ihre Methode, die sie den «Roman in Stimmen» nennt, wandte sie erstmals 1983 in dem Buch «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» an. Mit Interviews dokumentierte sie darin das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Ihr jüngstes Werk «Secondhand-Zeit» (2013) ist eine Sammlung von Stimmen über erschütternde Erfahrungen.

Kritik an Putins Russland

Angesichts dessen, was ihr in den Interviews erzählt wurde, sei sie oft «erschüttert und entsetzt vom Menschen, begeistert und angewidert» gewesen. Manchmal habe sie vergessen wollen, was sie gehört habe - und zurückkehren wollen «in die Zeit, da ich noch unwissend war», sagte sie in ihrer Rede am Montag, in der sie auch aus ihren Notizbüchern zwischen 1980 und 1997 zitierte.

Seit dem Ende der Sowjetherrschaft hätten sich die Hoffnungen der Menschen auf ein besseres und friedliches Leben nicht erfüllt. «Ich bin so kühn zu sagen, dass wir die Chance verpasst haben, die wir in den 90er Jahren hatten», sagte sie.

«Die Frage, was für ein Land wir wollen, ein starkes oder ein menschenwürdiges, in dem jeder gut leben kann, wurde zugunsten der ersten Antwort entschieden: Ein starkes Land. Es herrscht wieder eine Zeit der Stärke. Russen kämpfen gegen Ukrainer. Gegen Brüder», sagte sie.

Die Preisträgerin ist eine der schärfsten literarischen Kritikerinnen des weissrussischen Regimes und von Russlands Präsident Wladimir Putin.

Auf die Zeit der Hoffnung sei eine Zeit der Angst gefolgt, erklärte sie am Montag. «Die Zeit dreht sich zurück... Eine Second-Hand», sagte Alexijewitsch. «Heute bin ich nicht mehr sicher, ob ich die Geschichte des »roten« Menschen zu Ende geschrieben habe...» (sda/dpa)

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