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Exil-Deutsche im Kaufrausch während eines Heimaturlaubs – oder so. Shutterstock.com

Briefe von der Heimatfront (15)

Briefe von der Heimatfront

Die DDR ist wieder da!



Vor kurzem hatte ich die Ehre, in Frankfurt Gäste aus der Schweiz zu beherbergen – genauer gesagt: schon etwas reifere Exil- und Kolonialdeutsche, die es mal wieder ins Mutterland gezogen hatte. Sie wirkten kraftvoll, gesund, durch ihr Leben in der Schweiz insgesamt gepäppelt und wie leuchtend vor Behagen – und doch war etwas Hungriges in ihren Augen, eine seltsam flackernde Gier, ein ungestilltes, namenloses Verlangen. Ich schob es auf die Höhenluft bzw. senilen Medikamentenmissbrauch und widmete mich meinen Gastgeberpflichten: Nach Austausch der üblichen Höflichkeitsfloskeln sollte das gemeinsame Wochenende geplant werden. Wie gross aber war meine Überraschung, als die an sich kultur- und museumsversessenen Eheleute unisono und in fast teenagerhaftem Überschwang einen bis dato unerhörten Wunsch formulierten: «Wir wollen shoppen! SHOPPEN!» 

Acht Stunden lang schleppten mich die beiden durch die Fachgeschäfte: Tee, Bier, eine spezielle Terrarienerde, Malerpapier, orthopädische Einlagen, Gartenmöbel, Steaks, Bündnerfleisch im Angebot – nichts war vor der enthemmten Kauflust der beiden sicher. Es war, als hätten zwei Vampire nach jahrhundertelangem Schlaf bemerkt, dass auf dem Gelände ihrer Gruft zwischenzeitlich eine Blutbank errichtet wurde. Am Sonntagabend reisten die beiden ab. Nicht eine Ausstellung war durchschritten, nicht ein Konzert durchschlummert worden, und doch wirkten sie glücklich; satt wie zwei Landstreicher, die den Generalschlüssel für eine Schuhfabrik gefunden hatten. 

Die mittlerweile höchsten Preise der Welt, mittelalterliche Ladenschlusszeiten sowie eine völlig rätselhafte, geradezu minimalistische Einkaufspolitik im Einzelhandel haben dafür gesorgt, dass man für das gute Geld, das man in der Schweiz verdient, praktisch nichts mehr kaufen kann. Ähnlich wie in der ehemaligen DDR ist für die menschlichen Grundbedürfnisse gesorgt, aber alles darüber hinausgehende ist unerreichbar, Ziel jahrelangen Sparens oder Objekt von Geheimverhandlungen. Inmitten des voll entwickelten Kapitalismus ist die Versorgungslage eine realsozialistische. Care-Pakete an deutsche Verwandte voll mit elementaren Luxusartikeln machen mittlerweile 90 Prozent des deutsch-schweizerischen Postaufkommens aus. Kinder schmuggeln kleine Päckchen französischer Butter in ihren Nintendos über die Grenze. Mäntel und Jacken, deren Innenfutter vollständig durch Pasta ersetzt wurde, sind von der Grenzpolizei gut dokumentiert. Der Mindestlohn wird die Preisspirale zu immer noch wilderen Umdrehungen treiben. Bald werden die Butterfahrten ins EU-Grenzland von den Anwohnern gefürchtet werden wie ehedem die Wikinger: «Die Schweizer kommen! Verrammelt die Discounter, versteckt Eure Sonderangebote!» Dann allerdings wird es zu spät sein.

Leo Fischer

Der ehemalige Chefredaktor vom Satiremagazin «Titanic» schreibt jede Woche einen «Brief von der Heimatfront». Er liefert den deutschen Invasoren in der Schweiz Schlachtpläne, wie sie die deutsche Dominanz in den Universitäten oder dem Gesundheitswesen noch stärker durchsetzen und festigen können. Er wird aber auch seinen Landsleuten mit ordentlich Humor grob aufs Dach hauen.

Mehr von Leo Fischer gibt's bei Titanic.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Chaose 03.05.2014 09:22
    Highlight Highlight So treffend, dass es wiederholt werden muss: "Die mittlerweile höchsten Preise der Welt, mittelalterliche Ladenschlusszeiten sowie eine minimalistische Einkaufspolitik im Einzelhandel haben dafür gesorgt, dass man in der Schweiz praktisch nichts mehr kaufen kann."

Briefe von der Heimatfront

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