Ich date (unwissentlich) eine WhatsApp-Gruppe
Ich habe Freunde, die es bereits eine Red Flag finden, wenn sein Handy beim ersten Date auf dem Tisch liegt.
Ich bin da nicht so streng.
Und finde es darum nicht schlimm, dass Lukas als Erstes sein Telefon auf den Tresen legt.
Ich platziere mein Handy neben seines. Mit Display nach unten.
Lukas kenne ich von Bumble. Unser Chat war kein Feuerwerk, aber auch kein Trauerspiel. Er war einfach ganz gut. Meine Freundinnen sagen, ich soll mal einem ganz guten Chat eine Chance geben. Oft seien diese Typen im real life dann voll die positive Überraschung.
Lukas hat ein Start-up in irgendwas mit Recycling und Nachhaltigkeit. Ist doch ganz gut.
Auch optisch finde ich Lukas ganz gut.
Ich bin also bereit, aus vielen «ganz guts» ein Caps-Lock-SUPER entstehen zu lassen.
Geil also, dass das Date sehr schnell besser läuft als ganz gut.
Moment, ist sein Handy ein Spickzettel!?
Lukas ist witzig. Er stellt ultra überraschende Fragen. Und er fragt bei Antworten nach. Lukas redet viel mehr über mich als über sich. Und Lukas schaut, dass mein Glas immer voll ist.
Bevor wir uns hingesetzt haben, hat er mir die Türe aufgehalten (machen nicht viele) und er hat mir den Barhocker an den richtigen Ort geschoben (macht fast keiner).
Dann hat Lukas meine Jacke aufgehängt.
Lukas fragt, wo ich zuletzt hingereist bin, wo ich als nächstes hin will und was für Destinationen auf meiner Bucket-Liste stehen.
Während ich antworte, leuchtet sein Handy permanent. Immerhin vibrieren tut's nicht. Aber Lukas ist dennoch ganz kirre. Er ist sehr busy mit mir Zuhören, Nachfragen. Und fast theatralisch Lachen und alles Zusammenfassen, was ich sage.
Dazwischen aber starrt Lukas ständig aufs Handy. Er gibt sich sehr viel Mühe, möglichst unauffällig darauf zu blinzeln, als wäre es ein Spickzettel.
Lukas scheint eine nicht ganz gute Blase zu haben. Er muss ständig aufs WC. Das Handy nimmt er fix mit.
Nach dem zweiten Bier bestellt er ein Wasser.
«Wegen der Blase?», frage ich und lache. «Nein nein, aber zwei Biere reichen. Ich bin nicht so der grosse Trinker.»
Vernünftig sei das, sage ich.
Derweil bestelle ich den dritten Moscow Mule. Macht Lukas nichts aus. Trinkfeste Frauen findet er sexy.
Hihi. Hehe. Hihi.
Lukas findet alles gut, was ich gut finde.
Derweil leuchtet sein Handy permanent weiter. Immer wieder schaut Lukas darauf, liest etwas, legt das Handy hin und ist wieder ganz bei mir.
Es ist … irgendwie schräg. Lukas ist sehr bei mir. Und Lukas ist sehr bei seinem Handy.
Ich schlage vor, dass wir die Geräte weglegen.
Lukas wird bleich.
«NEIN!», ruft er.
«Wieso?» frage ich.
Lukas druckst rum.
«Darf ich mal?», frage ich und greife nach seinem Handy.
Unsere Hände berühren sich auf dem Telefon. Wir schauen beide drauf. Und erstarren.
Da ist ein WhatsApp-Chat offen. Also eine Gruppe. Sie heisst Operation Emma.
Der Chat ist nicht nur offen. Es läuft ein Call.
EIN FUCKING CALL.
Ich überlege kurz, was das mit mir macht.
Ist Lukas ein Creep? Ein Frauenhändler? Werden mir heute noch Organe entnommen?
Ich bücke mich zum Handy.
«Hoi zäme», sage ich. «Wer ist alles da?»
Es melden sich Rebi, Lukas' beste Freundin, Lisa, Lukas' Schwester, Ivo, Lukas' bester Freund, und Tobi, ebenfalls Lukas' bester Freund.
«Emma», erklärt Rebi, «du bist Lukas erstes Date nach 22 Jahren Beziehung. Er hatte Panik, wollte absagen, war unglaublich nervös.»
Ich lächle.
Ivo doppelt nach: «Ok, das war eventuell eine Scheissidee, aber wir konnten ihn nicht hängen lassen. Nicht bei dir.»
Och.
Lukas schaut mich mit verängstigten Augen an. «Haben sie dir geraten, nur zwei Bier zu bestellen?», frage ich.
«Ja!»
Ich lache und bestelle ihm ein drittes.
Dann erfahre ich, dass sie ihm auch Fragen geschickt haben, die er mir stellen soll. Und sie haben geschrieben, dass er öfters lachen soll. Dass er unbedingt Türen aufhalten und Barhocker zurechtrücken soll.
Ich sage, ich brauche eine Minute alleine mit Lukas. Dann legen wir auf. Und trinken sein drittes Bier und meinen dritten Drink.
Und endlich jetzt sehe ich Lukas. Ich sehe ihn so richtig. Er ist nicht ganz gut. Er ist wahnsinnig charmant, spitzbübisch, herzlich.
Und heiss.
Ich nehme sein Handy und starte einen Videoanruf.
«Hat Lukas jetzt wirklich 22 Jahre lang dieselbe Frau geküsst?»
«JA!», sagen sie unisono.
«Sollte er mal eine andere küssen?»
«JAAAAA!»
Ich lege das Handy so hin, dass sie frontale Sicht auf uns haben.
«Darf ich?», frage ich Lukas, während ich mich ihm nähere.
«Ja, bitte!», sagt er.
Rebi, Ivo, Lisa und Tobi jubeln.
Dann küsse ich Lukas.
Und höre nie mehr auf.
Scheisse, der küsst krass.
Ich will nie mehr aufhören, mit Lukas zu knutschen.
Irgendwann nimmt er das Handy, dreht es mit Display nach unten auf den Tresen. Aus der Ferne hören wir es immer noch aus dem Gerät rausjubeln.
Wir knutschen aber weiter. So lange, bis wir aus der Bar geschossen werden.
Ich will aber weiterknutschen. Also lade ich Lukas explizit zu mir nach Hause zum Knutschen ein.
Wir knutschen bis kurz vor vier Uhr wirklich nur rum.
Keine Klamotten vom Leib reissen. Kein Gefummel. Kein Petting.
Um 4.01 Uhr kann ich nicht mehr.
Um 4.02 Uhr sind wir nackt.
Sex haben wir aber erst kurz vor 5 Uhr.
Bis er um 7 Uhr los muss, um irgendwas mit Recycling und Nachhaltigkeit zu machen, machen wir weiter herum.
Gegen 19 Uhr heute wird er fertig sein mit irgendetwas zu Recycling und Nachhaltigkeit.
Dann treffen wir uns wieder …
*Joke, Leute!
