Eine Nacht lang Gott
Eins vorab: Bevor ich hier laut anfange zu denken, muss ich sagen, dass uns viele aktuelle Fälle jegliche Gedankenspiele mit dem Dornröschenschlaf versaut haben. Ihretwegen wissen wir von viel zu vielen Menschen (mostly men) schon viel zu gut, was sie tatsächlich tun, wenn jemand anders (mostly not men) nichts von der Welt rundherum mitbekommt. Aber dahin will ich heut gar nicht. Sondern:
Unfreiwillige Meinungslosigkeit
Manchmal habe ich zu Dingen keine Meinung, weil mir irgendwie beide Seiten einleuchten, auch wenn diese Seiten recht gegenteilig sind. Zum Beispiel Schönheitseingriffe, da denke ich: Eigentlich schade, dass man nicht eher lernt, sich selbst zu akzeptieren und anstelle dessen meint, sich optisch optimieren zu müssen. Aber ich denke auch: Wenn's jemandem danach wirklich besser geht: irgendwie doch auch gut. Weil Hauptsache es geht gut. Denn wenn es einem gut geht, hat man weniger das Bedürfnis, doof zu anderen zu sein, weil: Selbstwert okay. Und Selbstwert ist der Schlüssel zum Glück (wenn man es jetzt mal so ganz vereinfacht zusammenfasst).
Ich glaube, diese meine geistige Flexibilität – die man durchaus auch als rückgratlose Unentschlossenheit bezeichnen könnte, nenn es, wie du möchtest – kommt von meinem Dasein als Scheidungskind. Ich glaub nämlich, Scheidungskindsein macht fast unerträglich empathisch, weil los: Die Einheit der Eltern zerbricht plötzlich in zwei Teile und diese zwei Teile sind zumindest phasenweise ganz unterschiedlicher Meinung. Und wie soll man denn als Kind zwischen Mutter und Vater und deren Meinungen entscheiden? Das ist anstrengend. Viel anstrengender, als einfach für beide Seiten ein bisschen Verständnis zu haben. So empfand ich das zumindest immer. Und jetzt habe ich den Salat.
Wenn man nämlich nur schon mal meine vergangenen paar Nachtschicht-Geschichten durchklickt, merkt man, was ein Zuviel an Empathie zur Folge hat: Ich kann mich nicht entscheiden. Viel zu lange überlege ich hin und her. Den bösen Freund hatte ich am Anfang und am Ende der 10'000 Zeichen. Denn lange wusste ich nicht: Ist der böse Freund wirklich böse oder kann er gar nicht so viel dafür, weil ja auch jemand zu ihm böse war, so dass er böse wurde? Und muss ich als Zeugin dieser Tragik das nun aufräumen oder darf ich einfach weg?
Die Katze hat noch immer keine Katzenklappe mit Beuteerkennung, weil ich nicht weiss, ob ich lieber weiter ihre Mäuse einfangen oder das Risiko eingehen soll, dass sie nicht mehr nachhause kommt, weil sie beleidigt ist, dass ich ihre Beute nicht wertschätze.
Und was, gopfridstutz, ist mit Lindsay Clancy? Darf ich sie jetzt innerlich supporten oder tue ich dann diesem seltsamen Ehemann Unrecht, der vielleicht das Schlimmste durchmachen musste, was man sich vorstellen kann? Oder ist er einfach der hinterhältigste Mensch der Welt und hat keinen meiner nächtlichen Gedanken verdient?
Wie gesagt: Ich weiss es nicht. Weder vor noch nach 10'000 Zeichen getipptem Hin und Her.
Das ist nicht immer von grosser Bedeutung, aber manchmal im Leben muss man einfach entscheiden, um weitermachen und vorwärtsgehen zu können, weil Dinge nicht immer gleich bleiben können. Und nicht immer passiert von alleine etwas, manchmal muss man selber.
Ein Gedankenspiel als Entscheidungshilfe
Ich wende in diesen Situationen immer dasselbe Gedankenspiel an, einen kleinen Trick, den ich immer auch Freundinnen, Bekannten und Kindern weitergebe, wenn sie nicht wissen, was sie tun und denken und überhaupt wollen sollen. Ich frage: Wie würdest du die Figuren auf dem Schachbrett des Lebens umstellen, dass alles weitergehen und wieder schöner sein könnte? Und dafür stelle man sich vor, alle fallen in den Dornröschenschlaf. Alle ausser dir. Und dann hast du eine Nacht lang Zeit, alle dahin zu organisieren, wo du sie gern hättest, ohne dass irgendjemand wüsste, dass du das gewesen bist. Also ein bisschen wie Gott (von dem ich, sollte er das hier lesen, recht toll fände, er würde von ein paar versteckten Schachzügen auch wieder mal Gebrauch machen … Lindsay Clancy sich plötzlich an alles erinnern und die Menschen um Christa Pike merken lassen, dass es nun reicht, zum Beispiel. Oder sich ganz unverhofft in einer Fernsehsendung zeigen und zwar in allen Farben und Formen und sagen, dass er/sie/es für alle da ist und die Idee nicht ist, sich deswegen die Köpfe einzuschlagen. Und das Darknet, huch, plötzlich ist es unzugänglich, aber die Strippenzieher-Daten alphabetisch abgelegt und jemand Integres räumt jetzt auf, verrückt).
Und für sich selbst merkt man so plötzlich: oh. Wenn ich im Dunkel der Nacht agieren könnte, würd ich vielleicht woanders wohnen. Ich hätte vielleicht die eine Bekanntschaft schon aus meinem Leben aussortiert (und ihr dafür eine ganz tolle Wohnung organisiert, weit weg von mir). Ich hätte das Muttermal schon kontrollieren lassen und wüsste, ob alles gut ist oder eben nicht, und dem einen Freund hätte ich gesagt, dass er zu viel trinkt (eine Therapeutin hätt ich ihm auch schon gefunden).
Das wohlige Gefühl, das man hat, wenn man sein fertiges Werk begutachtet – Titel: «The World As It Could Be (Wenn ich nicht immer so lang rumüberlegen würde)» – verleiht einem dann vielleicht den nötigen Schwung, alles dafür Nötige in die Wege zu leiten, weil man sieht, was man eigentlich wollen würde, ungeachtet aller Meinungen und Hindernisse rundherum.
(Dieser Text ist jetzt mal nicht 10’000 Zeichen lang, denn es gibt ja nichts zu entscheiden. Nur sich vorzustellen, wie die Welt besser wäre. Und was dafür nötig ist.)
♥️ Tschüss für hüt
