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Hilfe, die Schamanen sind los – und treiben in der Schweiz ihr Unwesen

Der vermeintliche Schamane Chief Dancing Thunder ist auf Trauma-Therapien spezialisiert und führt in Zürich ein Seminar durch.



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Indianerhäuptling Chief Dancing Thunder.

Esoterische Ideen zeichnen sich dadurch aus, dass alle alten spirituellen Traditionen und Heilsverfahren als äussert sanft und wirksam gepriesen werden. Vor allem aber stehen sie im Ruf, der menschlichen Natur gerecht zu werden. Im Gegensatz zu den auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Hilfsmitteln basierenden modernen Methoden.

Bei den esoterischen Heilmethoden und den komplementären Therapien sind angeblich immer spirituelle Energien im Spiel. Oft auch Geistwesen und göttliche Kräfte, die Geistheiler auf die Patienten übertragen.

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Teaching mit Dancing Thunder. Video: YouTube/New Earth Project

Prototypen dieser naturverbundenen Heiler, die altes Wissen und heilerische Traditionen verkörpern, sind die Schamanen. Der Neo-Schamanismus ist ein erfolgreicher Zweig der modernen Esoterik. Die New-Age-Bewegung holte die verbliebenen Schamanen aus der Versenkung und zerrte sie ins Rampenlicht. Und der Erfolgsautor Carols Castaneda hauchte ihnen mit seinen unsäglichen Schinken neues Leben ein. Und plötzlich tauchten Tausende von Schamanen auf, die sich Chief oder Häuptling nennen.

Schamanen finden sich in vielen Weltgegenden, in denen indigene Völker oder Stämme leben oder lebten. Dort sind angeblich noch das geheime spirituelle Wissen und die Naturmedizin lebendig. Von Sibirien bis Südamerika sind die Schamanen mit den vermeintlich übersinnlichen Kräften zu finden und werden von westlichen Esoterikern als Heilige verehrt.

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Dancing Thunder an der Trommel. Video: YouTube/BlueDiamondBears

Beliebte Schamanen sind auch Nachkommen der Indianer in Nordamerika. Die Mythen über die indianischen Stämme faszinieren die wohlstandsgesättigten Menschen im Westen. Die Sehnsucht nach einem naturnahen Leben lässt sich in der Sommerhitze in den klimatisierten Geländefahrzeugen bestens kultivieren.

Ein in esoterischen Kreisen bekannter Schamane ist Chief Dancing Thunder. Der Amerikaner tingelt auf Einladung seiner weiblichen Fans – Männer sind bei den Ritualen eine Minderheit – durch die westliche Welt und hält Seminare ab. Er gibt vor, Häuptling des Indianerstamms der Susquehannock zu sein. Sein bürgerlicher Name Ralph Oquendo ist weit weniger spektakulär. Doch der Stamm, dem er angeblich angehört, ist im 18. Jahrhundert ausgestorben.

Trauma-Therapie der gefährlichen Art

Chief Dancing Thunder hat sich auf die Trauma-Therapie spezialisiert. Vor wenigen Wochen führte er ein dreitägiges Seminar im Seminarhaus Naturoase in Feldkirchen-Westerham, Deutschland, zu diesem Thema durch.

In der Ankündigung stand: «Aus schamanischer Perspektive sind wir spirituelle Wesen in einem materiellen Körper. Trauma wird im persönlichen Bewusstsein erlebt. Das Ungleichgewicht, das durch ein Trauma entsteht, resultiert aus einer Abtrennung von der eigenen Gesamtheit. (…) Schamanische Heilung ist ein sehr kraftvoller Weg, um positive Veränderungen und andauernde Heilung zu erreichen. Indem wir in einen Heilzustand unseres höheren Selbst und unseres Geistes kommen, können Energien verändert werden. Deshalb ist das Ziel von schamanischer Heilung kein erneutes Erleben des Traumas oder den Schwerpunkt auf das Trauma selbst zu legen, sondern vielmehr schamanische Künste zu benutzen, um kompetent und sicher das Trauma aufzulösen.»

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Dancing Thunder bei einem indianischen Ritual.

Der angebliche Chief dazu: «Dieses Teaching ist der Ausgangspunkt für ein Verständnis für wahre Medizin. Jeder Teilnehmer erfährt selbst die Zusammenhänge von Wahrnehmung und Heilung.»

Das ist gefährlicher Schwachsinn. Traumata sind schwere psychische Erkrankungen, die sehr gut erforscht sind. Die belastenden Prägungen sind so tief verankert, dass es lange Therapien braucht, um sie zu verarbeiten. Das ist aus Hunderttausenden von Fällen bekannt.

Traumata lassen sich nicht löschen

«Löschen» lässt sich ein Trauma nicht, sondern nur ein Stück weit verarbeiten. Patienten müssen lernen, damit zu leben. Wer sich obskuren Heilern anvertraut, muss hingegen mit einer Retraumatisierung rechnen.

In der Schweiz verbietet das Gesundheitsgesetz, dass Geistheiler oder Schamanen Heilung versprechen. Dies ist nur Fachkräften erlaubt, die entsprechende Ausbildungen absolviert haben.

Solche «Plastik-Schamanen», von denen es Tausende gibt, sind Scharlatane. Sie haben weder das «geheime Wissen» – falls es dies überhaupt gibt –, noch besitzen sie besondere Heilkräfte.

Ausgeprägter schamanischer Geschäftssinn

Was sie aber sehr wohl besitzen, ist ein ausgeprägter Geschäftssinn. So kostet ein zweitägiges Seminar, das Chief Dancing Thunder Anfang Oktober in Zürich durchführt, 350 Franken.

Dass es Scharlatane gibt, ist das Eine. Dass es immer wieder Leute gibt, die auf sie hereinfallen, das Andere.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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