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AfD-Leak: Im Netz kursieren gefälschte Mails

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Die in der Schweiz lebende AfD‑Chefin Alice Weidel muss sich mit den Folgen eines Hackerangriffs auf ihre Partei beschäftigen.Bild: keystone

Das AfD-Leak sorgt rechts und links für rote Köpfe – und ist noch lange nicht ausgestanden

Hunderttausende gestohlene E-Mail-Nachrichten aus der AfD kursieren im Internet. Die deutsche Rechtsaussen-Partei spielt den Fall herunter – doch die Lage ist weit ernster.
24.10.2026, 06:0124.10.2026, 10:38
Annika Leister, Lars Wienand / t-online
Ein Artikel von
t-online

Nachdem Hunderttausende Mails aus dem Maschinenraum der AfD geklaut und veröffentlicht wurden, bemühte sich die Partei nach aussen nach Kräften, den Fall herunterzuspielen. Als «ein paar Gigabyte unwichtiges Zeug» aus «längst nicht mehr genutzten Mail-Konten» bezeichnete zum Beispiel Hannes Gnauck, AfD-Schatzmeister und Mitglied im Bundesvorstand, das Leak am Dienstag.

Intern aber ist die Lage eine andere als Gnauck und andere Spitzenfunktionäre behaupten: Die Leitungen in der AfD-Geschäftsstelle glühen. Dort müssen nicht nur die Fragen von Journalisten, sondern auch von besorgten oder verärgerten Parteimitgliedern beantwortet werden.

Wo ist das Problem?

Bei der AfD-Führung versuchte man nach Bekanntwerden des Leaks, sich überhaupt einen Überblick darüber zu verschaffen, wie gross das Problem wirklich ist.

Ablesbar ist das auch an einer E-Mail, die der AfD-Geschäftsführer Hans-Holger Malcomess am Dienstag an alle Mitglieder und Förderer der AfD verschickte. Sie liegt dem deutschen Medienpartner von watson, T-Online, vor. Darin heisst es: Vor «wenigen Wochen» sei es zu einem Hackerangriff auf einen technischen Hosting-Dienstleister der Partei gekommen, «bei dem zwei Dutzend Postfächer kompromittiert wurden».

Ein Teil dieser Daten sei nun veröffentlicht worden. Dabei handele es sich um Schriftverkehr von drei alten E-Mail-Adressen des AfD-Bundesverbands, drei E-Mail-Adressen der AfD Nordrhein-Westfalen, zwei E-Mail-Adressen der AfD Mecklenburg-Vorpommern sowie zwei E-Mail-Adressen des AfD-Fanshops. Besonders betroffen sei der Landesverband NRW. Malcomess schreibt weiter: Man befinde sich «weiterhin in der Auswertung der kopierten Daten, weshalb zum aktuellen Zeitpunkt noch keine abschliessende Einschätzung mitgeteilt werden kann».

Für die AfD ist das Leak allerdings schon jetzt ein Problem. Und zwar ein doppeltes. Erstens stellt sich mit Blick auf den Datenschutz und die IT-Sicherheit die Frage, ob die Parteizentrale Fehler gemacht hat, die noch Konsequenzen für sie haben könnten. Zweitens bergen die Mails, die nun in Massen an die Öffentlichkeit geraten, für sie einigen parteiinternen Sprengstoff.

Warum kursieren Fakes zum AfD-Leak?

Hitler, Vergewaltigungen: Fakes mit hoher Reichweite

Auch für die öffentliche Debatte stellt sich jetzt ein Problem: Denn noch bevor der riesige Datensatz von Journalisten und Experten umfassend ausgewertet werden konnte, kursierten schon Screenshots vermeintlich skandalöser E‑Mails von AfD-Funktionären. Die sollen angeblich aus dem Leak stammen, sind darin aber gar nicht zu finden. Diese Screenshots wurden am Dienstag und am Mittwoch auf den grossen Social-Media-Plattformen häufig geteilt – teils auch verbunden mit der Aufforderung nach einem Verbot der Partei.

So bekam Johannes Wagner, Bundestagsabgeordneter der Grünen, auf Instagram 140'000 Likes für einen Beitrag mit drei vermeintlichen Zitaten. «Die Enthüllungen um die AfD-E-Mails zeigen und belegen unfassbare Aussagen», kommentierte Wagner. Nur: Die «Enthüllungen» hatte noch kein Medium verifiziert. Wagner war offenbar hereingefallen auf frei erfundene Mails, die seit Dienstag kursieren.

Wer diese Beiträge mit welcher Motivation zuerst in Umlauf gebracht hat, konnte T-Online noch nicht zurückverfolgen. Von AfD-Unterstützern werden die Fakes genutzt, um die Glaubwürdigkeit des gesamten Leaks infrage zu stellen. Die ersten tatsächlich echten Belege von Mails, die grosse Aufmerksamkeit bekamen, hatte am späten Montagabend «International Cyber Digest» veröffentlicht, ein Portal für Cybersicherheitsnachrichten. Die Screenshots, die danach auftauchten, sind stark an diese Optik angelehnt.

Eine dieser Fälschungen trug am Mittwoch auch im Landtag von Baden-Württemberg der Vorsitzende des Innenausschusses vor, Bastian Schneider (CDU). Als Beleg für seine Aussage, die AfD dulde «braunen Schmutz» in ihren Reihen, nutzte der CDU-Abgeordnete eine der gefälschten E-Mails. Ein AfD-Politiker, unterstellte Schneider, habe geschrieben: «Die Geburtstage grosser deutscher Männer wie Adolf Hitler» gehörten zur deutschen Geschichte und «sollten nicht tabuisiert werden». Über den Vorfall berichtete zuerst die «Junge Freiheit».

Der betroffene Andreas Keith, AfD-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, stellte klar: Er habe die ihm zugeschriebene Aussage nicht getroffen. Es handele sich um den Versuch, ihm persönlich zu schaden. «Adolf Hitler war ohne jeden Zweifel ein Verbrecher», so Keith. Die Mail mit dem Wortlaut findet sich auch nicht im Datensatz.

In einem zweiten Fall wurde Christer Cremer, Vorsitzender der AfD Köln, untergeschoben, Äusserungen eines anderen AfD-Mitglieds in einer E‑Mail stark verharmlost zu haben. In der Mail hiess es, der Mann habe den Hitlergruss gezeigt und davon gesprochen, «fremde Frauen» zu vergewaltigen. Er «spreche doch nur aus, was viele denken», wurde Cremer fälschlicherweise zitiert. Tatsächlich hat Cremer an dem Datum der Mail eine Nachricht geschrieben – allerdings mit einem anderen Wortlaut. Er lieferte belastendes Beweismaterial gegen den Parteikollegen. In weiteren E‑Mails im Leak forcierte er den Parteiausschluss des Mannes.

Ein dritter Beitrag stellt eine Mail eines Hotelbetreibers im sächsischen Oybin völlig überspitzt dar. Der Mann erlebt jetzt Anfeindungen für eine unterstützende Nachricht, die er bereits 2016 an die damalige AfD-Chefin Frauke Petry zum Waffeneinsatz an der Grenze geschrieben hatte – aber in ganz anderem Wortlaut als dargestellt.

Welche Daten aber stecken tatsächlich im Leak?

Warum ist das Leak für die AfD gefährlich?

Tausende Namen, Adressen, Nummern von AfD-Mitgliedern

Bereits nachweisbar ist, dass mit dem Mailverkehr zum Teil Listen mit Tausenden von sensiblen Daten veröffentlicht wurden – zum Beispiel eine Liste von mehr als 3000 AfD-Mitgliedern in NRW, inklusive Vor- und Nachnamen, Privatadressen und Telefonnummern. Das Versenden solch sensibler Datenschutz-Pakete per Mail ist eigentlich aus der Berliner AfD-Zentrale untersagt. Die Partei nutzt dafür eigentlich ein eigenes Tool, den sogenannten Parteimanager. Immer wieder aber kommt es dennoch dazu.

Nun birgt das Risiken für die eigenen Mitglieder. Wer heimlich Mitglied in der AfD ist, dessen Mitgliedschaft könnte nun gegen dessen Willen öffentlich werden. Wer etwa Beamter ist, für den könnte diese Enthüllung womöglich auch beruflich Probleme nach sich ziehen. Die AfD wird schliesslich vom Verfassungsschutz in einigen Bundesländern als «gesichert rechtsextreme Bestrebung» eingestuft. Im schlimmsten Fall könnten Betroffene zur Zielscheibe von Linksextremisten werden.

Auch AfD-Mitglieder ärgern sich vor diesem Hintergrund darüber, dass die Partei das Problem kleinredet. Mitnichten handele es sich um einen kleinen Leak – und auch nicht nur um lang stillgelegte Postfächer, wie beispielsweise Gnauck behauptet, hiess es am Mittwoch aus Kreisen der Partei. Zahlreiche Parteimitglieder seien jetzt geoutet.

Zudem wurden zahlreiche E‑Mails zu sensiblen und teils hochumstrittenen parteiinternen Vorgängen veröffentlicht. Betroffen ist unter anderem die gesammelte Korrespondenz zu zahlreichen Parteiausschluss- wie Parteiordnungsverfahren – Hinweisgeber auf weitere Verfehlungen, die vermutlich gerne anonym geblieben wären, inklusive. Die besonders prominenten Fälle Björn Höcke und Matthias Helferich sind hier nur Beispiele.

Bei weitem nicht nur Journalisten durchforsten deswegen gerade die verfügbaren Dateien, sondern auch AfD-Mitglieder selbst. Man könne nun «bei der Gegenseite mitlesen», so formulierte es ein Mitglied am Mittwoch. Nicht nur für Landesvorstände könnte das unbequem werden, sondern auch intern für weitere Friktionen sorgen – zum Beispiel in Landesverbänden wie Nordrhein-Westfalen, wo man in einem Lagerkampf mit harten Bandagen gegeneinander kämpft.

Wie konnte das passieren?

Einfallstor für Hacker war eine Wahlkampf-Website

Fraglich ist ausserdem, ob die Partei aus Sicht des Datenschutzes mit dem Leak korrekt umgegangen ist. Die Hackerin Lilith Wittmann hat rekonstruiert, wie die Hacker vermutlich in das System der AfD eingedrungen sind. Dafür hat sie auch mit Mitarbeitern aus dem Umfeld der für die AfD tätigen Dienstleistungsunternehmen gesprochen, sagte sie T-Online.

In ihrem Blog beschreibt sie es detaillierter: Das Einfallstor für den Hack war demnach eine unzureichend geschützte Wordpress-Instanz unter der URL wahlkampf.afd.de. Auf dieser Homepage stellt die Partei Material für Mitglieder und Unterstützer zur Verfügung, darunter Vorlagen für Flyer und Grafiken für die sozialen Medien. Von dort aus verschafften sich die Hacker laut Wittmann Zugriff auf die Mailverwaltung, änderten E-Mail-Passwörter von AfD-Funktionären und leiteten 300 Gigabyte an Daten aus.

Der Hack sei bereits am 9. September, also vor anderthalb Monaten, bemerkt worden, berichtet Wittmann unter Berufung auf Angaben aus dem Umfeld des Hostingdienstleisters. Die AfD selbst teilte in einer Pressemitteilung am Dienstag mit, dass es «Ende September 2026» zu dem Hackerangriff gekommen sei.

AfD meldete Vorfall spät

Mit der Meldung bei den Behörden hat die Partei sich dann allerdings offensichtlich Zeit gelassen. Dabei muss die zuständige Landesdatenschutzbeauftragte – in diesem Fall die für Bundesparteien zuständige Berliner Datenschutzbeauftragte – eigentlich innerhalb von 72 Stunden informiert werden, nachdem betroffene Institutionen von einem Datenleck erfahren haben.

So aber lief es bei der AfD nicht. Ein Sprecher der Berliner Datenschutzbeauftragten teilte T-Online mit: «Die AfD hat uns den Datenschutzvorfall am Dienstagabend gegen 19 Uhr gemeldet.» Mindestens zweieinhalb Wochen also, nachdem die AfD selbst von dem Problem erfahren hat. Womöglich auch noch wesentlich länger.

Das dürfte für die Behörde ein Grund für weitere Prüfungen sein, auch wenn man allgemein formuliert: «Wir prüfen bei jeder Datenschutzverletzung, ob die Meldung an uns fristgerecht erfolgte», so der Sprecher weiter.

Schon jetzt ist klar: Für die AfD ist das Datenleak noch nicht ausgestanden. Zumal die Auswertungen noch laufen.

Quellen

(dsc/t-online)

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