Achtung, hier fliegen die Fetzen! «Marvel’s Wolverine» im Test
Logan hatte als schnetzelnder, maskierter Wolverine die Schnauze voll und sich aus Gründen von der Mutantengruppe Team X verabschiedet. Doch zur Ruhe kommt der Wüterich nicht. Drei Jahre nach seinem selbst gewählten Exil kehrt Logan zur Gruppe zurück, um seine alte Familie zu unterstützen, Rechnungen zu begleichen und die Welt vor einer ganz üblen Zukunft zu bewahren. Denn der Industriemogul Trask entführt nicht nur reihenweise Mutanten, sondern werkelt in seinen Laboren auch an Maschinen und futuristischen Waffen, die die Welt aus den Angeln heben können. So weit, so gut und in der Comic-Welt ein ganz normaler Tagesablauf.
Es wird und bleibt blutig
Schon in den ersten Spielminuten macht uns «Marvel’s Wolverine» klar, wie der Hase läuft und wo der Hase hinlaufen wird. Mit grosser Wut, vollem Körpereinsatz und seinen bekannten Adamantium-Klauen kämpft und schnetzelt sich Logan durch Horden von Gegnern, die todesmutig in den Zweikampf ziehen und dann regelrecht auseinandergenommen werden. Das Blut spritzt, der Boden wird vollgesaut und Körperteile fliegen schon mal wild durch die Luft. Es wird geschrien, gestöhnt und immer wieder wird aufs Neue die rote Farbe ausgepackt.
Sind alle Schergen innerhalb eines bestimmten Abschnitts erledigt, wird die Reise in der Schlauchwelt fortgesetzt, bis wieder ein Kampf darauf wartet, die Augen des Actionfans zu erfreuen. Dabei darf Logan durchaus auch mal in bestimmten Arealen herumschleichen und die Feinde hinterrücks fies aufschlitzen, doch der innere Wolverine kann dann gar nicht anders, als aus der Deckung zu springen und die Gegner frontal auseinanderzunehmen. Schliesslich wird auch brav Druck aufgebaut, sprich Wut angesammelt, die auf Knopfdruck losgelassen wird und Logan noch aggressiver in Szene setzen lässt.
Auch wenn die Action saftig und unterhaltsam inszeniert wurde und wir mit der Zeit weitere abgefahrene Spezialattacken freischalten können, geht dem Spiel öfters die Puste aus. Denn nüchtern betrachtet schnetzeln wir uns während ca. 15 Stunden mit unseren Klauen durch die immer gleichen Gegnerhorden. Zwar unterscheiden die sich äusserlich immer wieder mal und auch grössere Brocken warten auf uns, doch die Struktur bleibt immer gleich und unsere Waffe ebenso.
Ein bisschen Tiefe für die Hauptfigur
Immer wieder schaltet das Spiel ein paar Gänge zurück, um uns ein bisschen mehr Charaktertiefe zu schenken und auch, um seine simple Struktur zu verbergen. Es gibt ruhigere Szenen, wo wir spazieren dürfen, aufgedrückte, unlogische Schleichabschnitte fürs Gemüt, Spring- und Kletter-Passagen für das «Spider-Man»-Feeling, klitzekleine, ziemlich freche Rätsel und auch mal einen ordentlichen Bossgegner, der sich von der Masse abhebt. Wir unterhalten uns mit Figuren, führen seichte Dialoge und dürfen auch sogar ein bisschen romantisch werden. Obendrauf gibt es gut platzierte Insidergags und Referenzen für die Marvel-Fans zu entdecken.
Und weil wir eine bewegte Vergangenheit hinter uns haben, muss halt auch diese verarbeitet, sprich neu durchlitten werden, damit die Figur ein paar Konturen mehr erhält. Ja, Logan hat einiges durchgemacht und muss sich auch in freiwilligen Albtraumpassagen allerlei Geistern der Vergangenheit stellen. Aber wie man es auch drehen und wenden mag, erst wenn die Klauen ausgefahren werden und geschrien wird, fühlen wir uns bei diesem Charakter erst richtig zu Hause.
Wunderschön!
«Marvel’s Wolverine» sieht jederzeit einfach nur wunderschön aus. Egal ob man in der rauen Natur unterwegs ist, ein poliertes Hightech-Büro durchsucht oder sich in einer riesigen Stadt bewegt, wir werden mit einer Grafikpracht verwöhnt, die uns zum Innehalten verführt. In der Natur starren wir auf die Bäume und die herrlichen Lichtverhältnisse, während wir in Arealen mit vielen Menschen staunen, was da alles im Hintergrund abgeht. Der Detailgrad ist beachtlich und es macht Spass sich das alles ganz genau anzusehen. Denn auch hier verbergen sich einige schick platzierte Referenzen und Seitenhiebe.
Auch die Zwischensequenzen mit ihren gelungenen Charakteranimationen berühren uns in manchen Szenen überraschend intensiv und wir nehmen den Figuren schlicht alle Gefühlsregungen bedingungslos ab. Ein stets geschmeidiger Übergang zwischen aktiven und passiven Szenen sorgt zusätzlich für eine perfekte Illusion und Immersion, die wir aufsaugen. Umrundet wird das Ganze mit einem schicken Sounddesign, das auch mal direkt aus dem Controller kommt und uns vorwarnt als auch einlullt.
Geradliniger Actionkracher ohne Tiefgang
Fazit: Selbst wer kein Comic- oder Marvel-Fan ist, wird mit der sehr simplen, sehr vorhersehbaren Geschichte zurechtkommen und kann sich auf das konzentrieren, warum die meisten zum Controller greifen: das wuchtige Kampfsystem.
Ja, das spürt sich oft gar nicht mehr, wenn dann nur noch Gliedmassen herumfliegen und rote Farbe dominiert. Aber es wird so sehr unterhaltsam inszeniert und treibt uns motivierend an noch eine weitere Runde zu überstehen, dass wir das Spiel gut in einem Ruck durchspielen wollen. Zwar geht dem Titel gegen Ende ganz schön die Puste aus und wir geraten immer mehr in die Stumpfheit hinab, schnalzen aber mit der Zunge wenn wir wieder eine neue Fähigkeit zum Austoben erlernen dürfen.
Am Schluss bleibt ein geradliniger Actionkracher zurück, der unglaublich kurzweilig unterhält, aber auch eine Geschichte ohne Tiefgang erzählt, die man dann doch leider schnell wieder vergessen wird.
Marvel’s Wolverine ist ab dem 15. September erhältlich für Playstation 5 und freigegeben ab 18 Jahren.
