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Kein Covid-Zertifikat am Postschalter: Der Bund lehnte laut Post-Konzern ein Angebot für logistische Unterstützung ab (Symbolbild).
Kein Covid-Zertifikat am Postschalter: Der Bund lehnte laut Post-Konzern ein Angebot für logistische Unterstützung ab (Symbolbild).
archivBild: KEYSTONE

So wollte die Post bei den Covid-Zertifikaten helfen – doch der Bund lehnte ab

Heute informiert der Bundesrat über das Covid-Zertifikat. Die rasche Ausstellung in den Kantonen könnte ein Knackpunkt werden.
04.06.2021, 06:02

Am Freitagnachmittag will der Bundesrat über die Lancierung des Schweizer Covid-Zertifikats informieren. An der Medienkonferenz mit Vertretern des Bundesamtes für Informatik und Telekommunikation (BIT) müssen die Verantwortlichen vor allem auch die Frage beantworten können, wie die vielen bereits geimpften Personen im Land möglichst rasch an ihr Zertifikat kommen. Recherchen von watson zeigen, dass der Bund ein konkretes Angebot der Post zur logistischen Unterstützung in den Wind geschlagen hat.

Um was geht's?

Es ist ein technisches und logistisches Mammutprojekt, bei dessen Umsetzung Bund und Kantone eine zentrale Rolle spielen werden: In den kommenden Wochen sollen geimpfte, getestete und genesene Menschen in der Schweiz eine offizielle Bestätigung für ihren Corona-Status erhalten. Vom Staat ausgestellt. Und angeblich manipulationssicher.

Das Covid-Zertifikat soll Geimpften, von Covid-19 Genesenen und Negativ-Getesteten diesen Sommer den Zugang zu Grossveranstaltungen ermöglichen und ihnen das Reisen in Länder der Europäischen Union (EU) massiv erleichtern.

Interessenten dürfte es viele geben. Gestern Donnerstag galten 1’741’670 Menschen in der Schweiz als «vollständig geimpft». Unklar ist zur Stunde, wie all diese Leute zeitnah zum Zertifikat kommen.

Vereinfacht gesagt muss eine autorisierte Person aus der bestehenden «Impf-Bestätigung» ein fälschungssicheres Covid-Zertifikat generieren. Angesichts der grossen Anzahl Betroffener ist dies eine logistische Herausforderung.

Bei der Bewältigung der Nachfrage mithelfen wollte die Schweizer Post: Die Post-Konzernleitung schlug dem Bund vor, dass alle Interessierten ihre Impfbestätigung, die sie von ihrem Hausarzt oder dem Impfzentrum erhielten, am Post-Schalter hätten «digitalisieren» können. Auch das Einscannen von negativen Testresultaten war so angedacht.

Dabei hätte man auf eine Infrastruktur von landesweit rund 1000 Post-Filialen setzen können. Doch der Bund wollte davon nichts wissen. «Unser Angebot wurde abgelehnt», sagt Post-Sprecherin Léa Wertheimer und bestätigte am Donnerstag entsprechende Recherchen von watson.

«Wir haben dem Bund offeriert, dass wir in den Poststellen die Schnittstelle von der physischen zur digitalen Welt sicherstellen könnten. Dass also Menschen mit einem physischen Impfzertifikat oder Testergebnis [auf Papier], es bei unseren Mitarbeitenden in den Poststellen digitalisieren lassen könnten. Unser Mitarbeitenden kennen diese Art von Dienstleistungen bereits und standen zum Beispiel beim SwissCovid-App zahlreichen Kundinnen und Kunden helfend zur Seite. Dieses Angebot ist abgelehnt worden.»
Léa Wertheimer, Leiterin Media Relations, Post

Es sei ein deutliches «Nein» gewesen, heisst es aus informierten Kreisen, die Hintergründe sind nicht bekannt. Sicher ist: Der Bund lehnte ab, ohne über die Kosten zu sprechen.

Der «Sonntagsblick» hatte am 22. Mai berichtet, dass der Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller mit dem Bund Kontakt aufnehmen werde. Schon damals signalisierte das zuständige Bundesamt Ablehnung. Eine Zusammenarbeit mit der Post komme nicht infrage. Begründung? Fehlanzeige.

Zur Erinnerung: Der Post-Konzern hatte sich zuvor wie viele andere Unternehmen um den Auftrag beworben, das Schweizer Covid-Zertifikat technisch umzusetzen. 50 Bewerber reichten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen Vorschlag für eine technische Lösung ein. Den Zuschlag erhielt das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT).

Grosse Kantone, grosse Probleme?

Die rasche Bereitstellung solcher Covid-Zertifikate noch vor den Sommerferien stelle vor allem grosse Kantone vor ebenso grosse Herausforderungen, konstatierte SRF am vergangenen Dienstag. Und es wurde ein Zürcher Hausarzt zitiert, der stellvertretend für die Ärzteschaft die Bedenken formulierte, es könnte zu Verzögerungen kommen.

Die Kantone müssten ein horrendes Tempo anschlagen, um die technischen Vorgaben des Bundes zu erfüllen, heisst es weiter im SRF-Bericht. Es gehe darum, sogenannte «Aussteller» zu benennen. Im besten Fall seien das Fachleute in den Impf- und Testzentern, den Spitälern, Arztpraxen und Apotheken. Wer ein Zertifikat wolle, gehe zu ihnen.

«Dort müssen von den kantonalen Servern die Impfdaten oder von den Servern des BAG die Daten eines allfälligen positiven Tests, die eine Genesung von Covid-19 belegen, in ein neues Dokument eingetragen werden, welches wiederum in einem neuen IT-System codiert wird, das das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation in Auftrag gegeben hat.»
quelle: srf.ch

Wenn alle Daten sauber erfasst seien, erhalte der «Aussteller» im Kanton grünes Licht und könne das Zertifikat übergeben. Doch stelle sich die Frage nach dem Zeitaufwand, schreibt SRF: «Falls diese Vorgänge digital nicht effizient eingerichtet sind und pro Antragstellerin oder Antragsteller mehr als drei, vier Minuten dauern, werden vor den Sommerferien längst nicht alle ein Zertifikat in den Händen halten.»

Die Schweiz kann also gespannt sein, welche organisatorischen und technischen Lösungen heute vom Bund präsentiert werden.

Wird es auch möglich sein, das Zertifikat auf der Gemeindeverwaltung am Wohnort abzuholen? Darauf deuten technische Dokumentationen zum geplanten Covid-Zertifikat, die über mögliche Login-Verfahren Auskunft geben.

In einem vom BIT veröffentlichten Dokument zum Covid-Zertifikat ist unter «Zukünftige Funktionen» eine Schnittstelle erwähnt, die es über das Web ermöglichen soll, Covid-Zertifikate ausdrucken und per Post zustellen zu lassen. Die Logistik dazu komme vom Bundesamt für Bauten und Logistik. Sprich: Die Post kommt nur als Pöstler zum Zug.

Geplant ist auch eine Zertifikat-Zustellungs-Funktion für Genesene, die im «Meldesystem» des Bundes registriert sind.
Geplant ist auch eine Zertifikat-Zustellungs-Funktion für Genesene, die im «Meldesystem» des Bundes registriert sind.
screenshot: github.com

Das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) wollte auf wiederholte Nachfrage hin vor der Medienkonferenz am Freitagnachmittag keine Details verraten.

Sicher ist: Mit hunderten Filialen hätte die Post das Verfahren zusätzlich vereinfachen können – angesichts eingeschränkter Öffnungszeiten von Gemeinden, Apotheken oder Praxen.

Die Post-Sprecherin erwähnte gegenüber watson auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: «Gerade die Erfahrung mit älteren Personen zeigen, dass nicht alle digital unterwegs sein wollen. Sie hätten mit ihrem Impfbüchlein an einem Post-Schalter ein Covid-Zertifikat in Papierform beziehen können.»

Update zur «Roadmap» (Spoiler: EU war schneller)

Auf der Software-Entwicklungsplattform Github.com, die das BIT für das Covid-Zertifikat nutzt, sind neue Informationen verfügbar, was den Zeitrahmen betrifft. Bei der Roadmap handelt es sich gemäss Beschrieb um einen «Entwurf als Diskussionsgrundlage» für die Projektbeteiligten.

screenshot: github.com (pdf)
screenshot: github.com (PDF)

Demnach sollen:

  • Am 7. Juni die Zertifikats-App und die Zertifikat-Überprüfungs-App lanciert werden (Pilotphase).
  • Am 14. Juni soll die «Einführung» erfolgen, ab dann soll auch die Zertifikats-Erstellung für «Genesene» und «bereits Geimpfte» technisch möglich sein.
  • Ab dem 28. Juni soll die Anbindung an die Plattform der Europäischen Union (EU) erfolgen. Damit sollte das Schweizer Zertifikat in den EU-Staaten funktionieren.

Die EU setzt auf die gleiche Technik, mit manipulationssicheren Zertifikaten in Form von QR-Codes, wobei die öffentlichen Kryptografie-Schlüssel für die Überprüfung über einen Server aus den Mitgliedsländern bezogen werden.

Der EU-Gateway-Server, mit dem nationale Covid-Zertifikate grenzüberschreitend überprüft werden können, ging diese Woche in Betrieb. Die dafür benötigte europäische Schnittstelle laufe bereits, hiess es seitens EU-Kommission. Das sei «einen Monat früher als geplant».

Mit Deutschland, Bulgarien, Tschechien, Dänemark, Griechenland, Kroatien und Polen haben sieben Mitgliedsstaaten angekündigt, sich umgehend mit dem System zu verbinden. Diese Länder könnten also bereits entsprechende Covid-Zertifikate ausgeben und gegenseitig anerkennen.

Quellen

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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quelle: keystone
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