Gesellschaft & Politik
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Eine Marolin-Krippe aus Thueringen, Deutschland, um 1920, ist im Landesmuseum ausgestellt, am Donnerstag, 21. November 2013, in Zuerich. Die Ausstellung

Weihnachtskrippe aus Deutschland. Bild: KEYSTONE

Religion und Gewalt

Was die Weihnachtskrippe mit dem Holocaust zu tun hat

Religion ist derzeit ein grosses Thema. Kritiker des Islam haben Hochkonjunktur. Sie übersehen, wie viel Gewalt auch im Neuen Testament steckt. Ein eher unheiliges Stück zu Weihnachten.



Weihnachten, das Fest der Liebe. Kerzen brennen am geschmückten Baum. Eine Weihnachtskrippe wird aufgestellt. Selbst Menschen, die mit Religion nicht viel am Hut haben, möchten an Heiligabend nicht auf die idyllische Darstellung der Geburt Christi in einem Stall in Bethlehem verzichten. Viele Krippen sind wahre Kunstwerke. Besonders berühmt sind die neapolitanischen mit aufwändigen Landschaften und unzähligen Figuren. 

Es gibt nur ein Problem: Die Weihnachtsgeschichte, wie sie in den Evangelien von Matthäus und Lukas geschildert wird, hat nie stattgefunden.

Heutige Historiker und Theologen sind sich weitgehend einig: Der «echte» Jesus wurde in Nazareth geboren, als Sohn des Zimmermannes Josef und seiner Frau Maria. Das älteste der vier von den christlichen Kirchen anerkannten Evangelien, jenes nach Markus, beginnt mit der Taufe Jesu durch den Wanderprediger Johannes, der später den Beinamen «der Täufer» erhielt.

«Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!»

Mt 27,25

Der Bethlehem-Mythos ist in erster Linie ein raffiniertes Stück Propaganda. Das zeigt sich besonders deutlich bei Matthäus: Bei der Geburt Jesu beruft er sich auf eine Prophezeiung aus dem Alten Testament durch den Propheten Jesaja, beim Kindermord von Bethlehem – für den es keine historischen Belege gibt – auf den Propheten Jeremia.

Streit zwischen Juden und Christen

Dahinter steckt Methode: Das Matthäus-Evangelium entstand vermutlich zwischen 70 und 80, einige Jahrzehnte nach der Kreuzigung von Jesus. Damals herrschte ein erbitterter Streit zwischen den Juden, die den Nazarener nicht als Messias akzeptierten, und den Anhängern der neuen Religion. Mit den Verweisen auf alttestamentarische Propheten und der erfundenen Geburt in der «Stadt Davids» wollte Matthäus die Juden überzeugen, dass Jesus eben doch der verheissene Erlöser war. 

Andreas Richter als Jesus, Mitte, spielt am Montag, 10. Mai 2010, in der Szene

An den Passionsspielen im bayerischen Oberammergau war der Blutruf noch bis 2000 ein zentrales Element. Bild: DAPD

Dabei beliess es der Verfasser des Evangeliums – über den man kaum etwas weiss – aber nicht. In der Passionsgeschichte kommt es für die Juden knüppeldick. Matthäus schildert den römischen Statthalter Pontius Pilatus als Zauderer, der Jesus eigentlich nicht hinrichten will, und das jüdische Volk als blindwütigen Mob, der «Ans Kreuz mit ihm!» schreit. Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld und sagt: «Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!» Worauf das «ganze Volk» laut Mt 27,25 rief: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder

In der ganzen Menschheitsgeschichte gibt es kaum einen Satz, der mehr Unheil angerichtet hat. 

«Denn sie sind uns eine schwere Last wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück über unserem Land.» 

Martin Luther über die Juden

Mit dem «Blutruf», der in keinem der drei anderen Evangelien auftaucht, verflucht sich das jüdische Volk selbst und nimmt die Schuld am Tod Jesu auf sich und alle seine Nachkommen. Er bildet mit dem Römerbrief des Apostels Paulus die Grundlage für den Antijudaismus, den christlichen Judenhass, und dieser war die Legitimation für Jahrhunderte der Verfolgung und Pogrome an den «gottlosen» Juden. Ohne Antijudaismus hätte es den rassistischen Antisemitismus kaum gegeben.

Luthers Judenhass

Besonders schlimm verhielt sich eine der grossen Gestalten des Christentums, der Reformator Martin Luther. 1543 verfasste er die Schrift «Von den Juden und ihren Lügen», die heute als Volksverhetzung eingestuft würde. Er bezeichnet die Juden darin «als eine schwere Last wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück über unserem Land». Und das ist einer der harmloseren Sätze. Zur «Entladung von der Judenlast» schlägt Luther sieben Schritte der «scharfen Barmherzigkeit» vor. Als Erstes fordert er, «dass man ihre Synagoge mit Feuer verbrenne».

Martin Luthers Pamphlet

Martin Luthers Pamphlet «Von den Juden und ihren Lügen».

Während den Novemberpogromen 1938 brannten die Synagogen in Deutschland tatsächlich. Einige protestantische Kirchenführer rechtfertigten diese Verbrechen mit Berufung auf Martin Luther ausdrücklich. Sein Judenhass gilt als einer der Gründe, warum so viele Deutsche gegenüber der Judenverfolgung durch die Nazis passiv blieben oder sich aktiv daran beteiligten. Der christliche Antijudaismus und der «Blutruf» bildeten ein geistiges Fundament für den Holocaust.

Liebe und Verzeihung?

Heute wird dieser Aspekt von Luthers Schaffen gerne verdrängt. Sein Judenhass sei «eine unerträgliche Form der Missachtung einer anderen Religion, wofür man sich nur schämen kann», meinte Heinrich Bedford-Strohm, der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in einem Interview mit der «Welt». Auch die Bedeutung des Blutrufs aus dem Matthäus-Evangelium ist nur noch guten Bibelkennern bekannt.

Oder warum sonst konnte der Kabarettist Andreas Thiel, der in seinem berüchtigten «Weltwoche»-Artikel den Koran als «Bibel der Gewalt» und Sammlung der «Hasstiraden Mohammeds» attackierte, im Pseudo-Interview mit Roger Schawinski behaupten, im Neuen Testament sei «nur von Liebe und Verzeihung die Rede»? Die Juden sehen das ein wenig anders.

Das Erhabene und das Niederträchtige

Dennoch gibt es einen perfiden Aspekt: Das Evangelium nach Matthäus enthält nicht nur die Weihnachtsgeschichte und den «Selbstfluch» der Juden, sondern auch die Bergpredigt. Sie handelt in der Tat von Liebe und Verzeihung in ihrer radikalsten Form, der Feindesliebe. Es ist ein Text, der selbst Atheisten nicht kalt lässt. Und der das ganze Elend religiöser Schriften offenbart: Man findet darin das Erhabene wie auch das Niederträchtige. Im gleichen Text steht sowohl «Liebet eure Feinde» wie «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!».

Eine rein «gewalttätige» Lesart des Koran ist deshalb so unsinnig wie die Reduktion des Neuen Testaments auf eine Botschaft der Liebe. Es gehört zum Wesen jeder Religion, dass man sich nach Belieben herauspicken kann, was einem ins Weltbild passt. «God is a concept by which we measure our pain», heisst es in John Lennons Song «God».

Weihnachten müssen wir uns dadurch nicht verderben lassen. Der Zeitpunkt des Festes und Bräuche wie die Kerzen und der immergrüne Baum sind ohnehin heidnischen Ursprungs. Und auch die Krippe kann darin ihren Platz haben, als Symbol für den religiösen Gehalt von Weihnachen. Und als dekoratives Element unter dem Christbaum.

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