Kim Jong Un zeigt Trump die kalte Schulter
Russland, China und Nordkorea werden in geopolitischen Kreisen auch die «neue Achse des Bösen» genannt. Obwohl die Zustände in Moskau mittlerweile an Josef Stalin erinnern, und obwohl China unter Xi Jinping immer autoritärer regiert wird, gilt das Reich von Kim Jong Un nach wie vor als das Übelste des Dreigespanns. Nirgends ist der Albtraum von George Orwells Roman «1984» konsequenter umgesetzt als in Nordkorea.
Donald Trump sieht das entspannter. Soeben hat er seinen Verteidigungsminister Pete Hegseth angewiesen, die jährlich stattfindenden Manöver mit südkoreanischen und amerikanischen Truppen drastisch zu reduzieren. Diese Manöver haben den Zweck, Kim von einem Angriff auf den Bruderstaat abzuhalten. In Südkorea sind nach wie vor gegen 40’000 amerikanische Soldaten stationiert, und zwischen den beiden Koreas herrscht seit Jahrzehnten bloss ein Waffenstillstand, kein Frieden.
Bereits Trumps Bromance mit Wladimir Putin lässt sich rational nicht erklären. Sein Verhältnis zu Kim ist gänzlich rätselhaft. Wie ein verliebter Teenager hat er mit dem nordkoreanischen Diktator schon während seiner ersten Amtszeit Liebesbriefe ausgetauscht und ihn nicht nur einmal, sondern zweimal getroffen. Zu konkreten Ergebnissen haben diese Treffen jedoch nicht geführt.
Wie ein verliebter Teenager muss Trump aber auch erleben, dass seine Avancen auf keine Gegenliebe stossen. Via seine Schwester Kim Yo Jong lässt der umworbene Diktator aus Pjöngjang mitteilen, man habe kein Interesse. «Sollten die USA damit gerechnet haben, dass sie mit diesen Ankündigungen Goodwill geschaffen haben, dann werden sie die gewünschte Antwort nicht erhalten», so Kim Yo Jong. Auch die reduzierten Manöver seien «provokativ und aggressiv».
Trotzdem bleibt Trump wie ein sehr verliebter Teenager hartnäckig. «Ich komme mit ihm (Kim) gut aus», erklärte er am Mittwoch gegenüber Journalisten. «Und wisst ihr was? Das ist eine gute Sache, keine schlechte Sache.»
Mehr noch. Der US-Präsident will den nordkoreanischen Diktator noch in diesem Jahr erneut persönlich treffen. Das ist nicht nur aus diplomatischer Sicht ein schwieriges Unterfangen. Kim leidet unter Flugangst und reist – wenn überhaupt – in der Regel nur in einem Sonderzug ins Ausland. Deshalb schlägt Trump als möglichen Ort die chinesische Stadt Shenzhen vor. Dort findet im November das jährliche Gipfeltreffen der Asia-Pacific Economic Cooperation statt.
Nordkorea soll gemäss Angaben des US-Präsidenten bereits über 57 Atombomben verfügen. Weitere sind geplant. Dies schreckt Trump nicht ab. «Man hätte ihnen das nie erlauben dürfen», erklärt er achselzuckend. «Wäre ich Präsident geblieben, hätte ich das nie erlaubt. Aber jetzt ist es nun mal so.»
Die Nonchalance des US-Präsidenten ist erstaunlich, zumal er derzeit einen Krieg gegen den Iran führt, um zu verhindern, dass dieses Mitglied der «Achse des Bösen» in den Besitz von Atomwaffen kommt. Kim nimmt er hingegen in Schutz. «Ich mochte die massiven Militärübungen gegen Nordkorea noch nie», erklärt er. «Ich habe ein freundschaftliches Verhältnis mit ihm (Kim), und ich denke, dass er in den nächsten zweieinhalb Jahren nichts gegen uns unternehmen wird.»
Dass dies mehr als nur ein Trugschluss ist, führt John Bolton, Trumps ehemaliger und mittlerweile in Ungnade gefallener Sicherheitsberater, in einem Gastkommentar im «Wall Street Journal» aus. «Sich mit Pjöngjang gut zu stellen, bestätigt den Iran nur darin, selbst Nuklearwaffen zu produzieren», so Bolton. «Es stärkt die Überzeugung der Revolutionsgarden, nicht zu verhandeln. Die Hardliner in Teheran sehen in Mr. Trumps unerwiderter Liebe für Kim eine Schwäche, und sie werden alles daran setzen, noch enger mit Pjöngjang zusammenzuarbeiten. All dies stärkt die China-Russland-Achse, und der Iran und Nordkorea werden dabei von Aussenseitern zu Kernmitgliedern.»
Auch Craig Singleton von der Foundation for Defence of Democracies kann in Trumps Werben um Kim nichts Positives entdecken. In der «Washington Post» erklärt er: «Nordkoreas nukleare Möglichkeiten sind substanziell grösser geworden, Kim hat seine Beziehungen zu Peking und Moskau gestärkt, und es gibt keine Anzeichen, dass er daran interessiert sein soll, sein Atomwaffenarsenal aufs Spiel zu setzen.»
