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Sieg in Virginia: Glenn Youngkin.
Sieg in Virginia: Glenn Youngkin.Bild: keystone
Analyse

Trumpismus ohne Trump: Geht das?

Der Sieg von Glenn Youngkin wird wohl nächstes Jahr die Zwischenwahlen prägen. Aber wird Donald Trump auch mitspielen?
03.11.2021, 12:2404.11.2021, 06:57

Kein Präsident konnte bei seiner Wiederwahl jemals mehr Wählerinnen und Wähler mobilisieren als Donald Trump. Kein Amtsinhaber hat jedoch gleichzeitig die Unabhängigen – vor allem die Frauen in den Vorstädten – dermassen vor den Kopf gestossen. Deshalb hat Trump die Wiederwahl letztlich verpasst.

Die Grand Old Party (GOP) befindet sich seither in einer Zwickmühle: Wie kann sie die Trump-Basis bei der Stange halten, ohne die Unabhängigen zu verscheuchen? Die Antwort hat einen Namen: Glenn Youngkin. Dieser hat soeben die Gouverneurswahlen in Virginia gewonnen, einem Bundesstaat, in dem Joe Biden Trump noch mit einem Vorsprung von zehn Prozentpunkten geschlagen hat.

Das Studium als Basketball-Spieler finanziert: Glenn Youngkin.
Das Studium als Basketball-Spieler finanziert: Glenn Youngkin.Bild: keystone

Die neue Zauberformel lässt sich wie folgt zusammenfassen: Es geht darum, sich die Unterstützung von Trump zu sichern, ohne sich von ihm vereinnahmen zu lassen. Youngkin ist prädestiniert, sie umzusetzen.

Der 54-jährige steinreiche Financier – sein Vermögen wird auf 440 Millionen Dollar geschätzt – ist nicht abgehoben, sondern ein umgänglicher Familienmensch und Vater von vier Kindern.

Und er hat eine typisch amerikanische Karriere hinter sich: Sein Vater war zeitweise arbeitslos, deshalb musste er schon früh mit anpacken. Studieren konnte er, weil er ein talentierter Basketballspieler war, und reich wurde er, weil er in der Private Equity Firma Carlyle Group bis zum Co-Chef aufgestiegen ist.

Kurz: Mit Glenn Youngkin hatten die Republikaner die ideale Figur, um Joe Biden und den Demokraten eine empfindliche Niederlage zu bereiten. Geholfen hat dabei die perfekte Strategie. Youngkin schmeichelte sich zunächst bei Donald Trump ein und sicherte sich so die Unterstützung aus Mar-a-Lago. Nach den gewonnen Vorwahlen hielt er sich jedoch Trump weit vom Leibe.

Es gibt kein gemeinsames Foto aus dem Wahlkampf der beiden. Youngkin sprach den Namen Trump kaum je aus. Damit ist es ihm gelungen, die Strategie seines demokratischen Gegners Terry McAuliffe zu unterlaufen. Dieser hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Youngkin als Mini-Trump darzustellen.

Der Plan ist aufgegangen, weil sich erstaunlicherweise auch Trump daran gehalten hat. Natürlich hat dieser einmal mehr seine Rolle als Königsmacher unterstrichen und anfänglich damit geprahlt, dass er eigentlich Youngkin entdeckt und gefördert habe. Doch danach hielt er sich weitgehend aus dem Wahlkampf in Virginia heraus.

Wahlveranstaltungen im Stil von, aber ohne Trump.
Wahlveranstaltungen im Stil von, aber ohne Trump.Bild: keystone

Schliesslich hat Youngkin auf die richtige Karte gesetzt, den Kulturkrieg. Obwohl die Critical Race Theory (CRT) an Virginias Schulen gar nicht gelehrt wird, versprach er, sie am ersten Tag seiner Amtszeit zu verbieten. Dabei profitierte er auch von einem dummen Eigentor von McAuliffe. Dieser hatte in einem Rede-Duell den Eindruck erweckt, wonach die Eltern kein Mitspracherecht in Schulfragen hätten.

Im Verbund mit Fox News schlachtete Youngkin eine angebliche Vergewaltigung einer Schülerin in einer gemischten Toilette bis zum Gehtnichtmehr aus. Damit hat er offensichtlich den Nerv des Mittelstandes in den Vorstädten getroffen. Dass die Wähler in Virginia zudem regelmässig den Vertreter jener Partei bevorzugen, die national nicht an der Macht ist, hat ihm wohl auch nicht geschadet.

Zuletzt konnte Youngkin von der generellen Schwäche der Demokraten profitieren. Das Gezänk um das Infrastrukturprogramm und der chaotische Rückzug aus Afghanistan haben die Umfragewerte Bidens in den Keller rasseln und die Demokraten einmal mehr als eine zerstrittene Partei erscheinen lassen, die unfähig ist, ihre Versprechen auch umzusetzen.

Deshalb waren die typischen Trümpfe der Konservativen diesmal überflüssig. So stellt Edward Luce in der «Financial Times» fest: «Virginia leidet nicht unter einer steigenden Kriminalität. Es hat keine Grenze zu Mexiko und CRT wird in den Schulen nicht gelehrt. Niemand will der Polizei den Geldhahn zudrehen. Trotzdem können in einem extrem polarisierten Medienumfeld diese Ängste geschürt werden.»

Steht nun unter Druck: Präsident Joe Biden.
Steht nun unter Druck: Präsident Joe Biden.Bild: keystone

Der Sieg von Youngkin ist nicht nur ein schwerer Rückschlag für Biden und die Demokraten. Er ist auch ein schlechtes Omen für die Zwischenwahlen in einem Jahr. In den Midterms verliert die Regierungspartei traditionell im Durchschnitt 27 Sitze. Derzeit verfügen die Demokraten bloss über eine Mehrheit von 5 Stimmen. Im Senat herrscht ein Patt. Werden die Republikaner also bald wieder im Kongress an die Macht kommen und Biden zu einer lahmen Ente degradieren?

Das kann sein, muss aber nicht. Die Demokraten stehen nun gewaltig unter Druck und müssen endlich Bidens «Build-back-better»-Programm verabschieden. Zudem werden sie wohl Mittel und Wege finden, um sich nicht weiter im Kulturkrieg abschlachten zu lassen.

Trumpismus ohne Trump hat in Virginia funktioniert. Ob diese Zauberformel jedoch auch in Texas, Florida und den anderen konservativen Bundesstaaten greift, bleibt abzuwarten. Mit einem weich gespülten Trump ist dort kein Blumentopf zu gewinnen.

Hielt sich zurück: Donald Trump.
Hielt sich zurück: Donald Trump.Bild: keystone

Vor allem ist mehr als fraglich, ob Trump selbst dieses Spiel auch dann mitmachen wird, wenn es um nationale Fragen geht. In Virginia hat er sich vornehm zurückgehalten. Im kommenden Jahr wird er jedoch alles daran setzen, wieder im Rampenlicht zu stehen und Kandidaten zu unterstützen, die kompromisslos seine Big Lie vertreten.

Mit anderen Worten: Der Ex-Präsident wird dafür sorgen, dass Trumpismus wieder ausdrücklich mit Trump verstanden wird – und die GOP so erneut in das eingangs geschilderte Dilemma stürzen.

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Joe Biden - sein Leben in Bildern

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Hat Joe Biden die Taliban unterschätzt? Offensichtlich ja.

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