Graham Platner, der Hochrisiko-Kandidat
Der Ostküstenstaat Maine ist politisch gesehen grundsätzlich linksliberal. Hillary Clinton, Joe Biden und selbst Kamala Harris konnten dort Donald Trump besiegen. Trotzdem ist Susan Collins, eine der beiden Vertreter im Senat, eine Republikanerin, eine mit liberalen Anwandlungen zwar, aber eine auch, die, wenn es eng wird, immer mit der Mehrheit der Grand Old Party stimmt und ihre liberalen Ideale in den Wind schlägt.
Senatoren und Senatorinnen müssen alle sechs Jahre wiedergewählt werden, alle zwei Jahre jeweils ein Drittel von ihnen. Susan Collins muss ihren Sitz im kommenden November behaupten. Sie hat einen schweren Stand, nicht nur ihres opportunistischen Verhaltens wegen, sondern auch, weil auch in Maine der Mittelstand unter der Erschwinglichkeitskrise leidet und dem Präsidenten schlechte Noten gibt. Die Demokraten wittern daher Morgenluft und glauben, dieses Mal Collins besiegen und im besten Fall auch wieder eine Mehrheit im Senat erreichen zu können.
Mit Graham Platner hoffen sie, den idealen Kandidaten dafür zu haben – oder sie haben das zumindest bisher gehofft. Aber der Reihe nach:
Platner ist ein politischer Senkrechtstarter. Der ehemalige Marine und heutige Austern-Farmer ist ein Progressiver, aber auch einer, der bei den kleinen Leuten gut ankommt und dessen grosses politisches Talent unbestritten ist. Mit seiner Botschaft im Sinne von Bernie Sanders – mehr Lohn für die Arbeiter und den Mittelstand, erschwingliche Krankenkassen und Kitas – tingelt er von Townhall zu Townhall und hat mittlerweile eine so breite Bewegung hinter sich geschart, dass Janet Mills, die Gouverneurin von Maine, die eigentlich ebenfalls antreten wollte, bereits vor Monaten das Handtuch geworfen hat.
In den Umfragen liegt Platner auch sehr deutlich vor Collins, oder lag bisher. Denn in den letzten Wochen ist der Senkrechtstarter in sehr heftigen Gegenwind geraten.
Wie erwähnt ist Platner ein ehemaliger Marine, der mehrere Kampfeinsätze im Irak und in Afghanistan absolviert hat. Dabei hat er auch dumme Sachen gemacht, beispielsweise liess er sich in den Ferien in Kroatien einen Totenkopf auf die Brust tätowieren, nicht wissend, dass dies auch ein Symbol der SS war.
Ebenso geriet er wie viele Veteranen nach seiner Entlassung aus dem Militär in ein psychisches Tief. In dieser Phase setzte er öfters mal politisch inkorrekte Posts auf Reddit ab. Weil er kurzzeitig auch als Barkeeper tätig war, beschimpfte er auch die Schwarzen, sie würden bloss mickrige Trinkgelder geben.
Als der politische Stern Platners immer höher stieg, kamen diese Sünden an die Öffentlichkeit. Platner versuchte keinen Moment, sie zu vertuschen. Er stand dazu und erklärte sie damit, dass er sich damals in einer psychisch schwierigen Phase befand. Er tat dies so überzeugend, dass ihm auch geglaubt wurde. Und was das Totenkopf-Tattoo betrifft, so sei ihm die Verbindung zur SS nicht bekannt gewesen.
Trotzdem droht ihm neues Ungemach. Zuerst hat eine ehemalige Wahlkampfhelferin dem «Wall Street Journal» zugeflüstert, dass Platner auch nach seiner Heirat mindestens sechs anderen Frauen sexuell anzügliche Post zugeschickt habe. Amy Gertner, Platners Ehefrau, veröffentlichte daraufhin ein berührendes Video, in dem sie ihrem Gatten verzieh und auch schilderte, wie sie gemeinsam das Problem bewältigen würden.
Wenig später doppelte die «New York Times» nach. Sie zitierte drei ehemalige Freundinnen von Platner, die aussagten, er habe sich ihnen gegenüber sexuell toxisch verhalten. Vor allem eine gewisse Lyndsey Fifield, die zwischen 2013 und 2015 mit Platner zusammen war, erhob schwere Vorwürfe. Er habe sie zwar nie geschlagen, sie jedoch einmal gegen eine Wand gedrückt und in einem Zimmer eingeschlossen.
Dazu muss man wissen: Die besagte Frau ist eine konservative Aktivistin, die unter anderem für die Heritage Foundation tätig war und für Nikki Haley Wahlkampf betrieb. Zudem haben andere ehemalige Freundinnen Platners genau das Gegenteil ausgesagt und ihn als «grossartigen Freund» beschrieben.
Für die Republikaner sind diese Beschuldigungen ein Geschenk des Himmels. Mit Ken Paxton, der in Texas um einen Senatssitz kämpft, haben sie einen Kandidaten, der sich mitten in einer sehr hässlichen Scheidung befindet und dem mehrere Affären vorgeworfen werden. Und Trumps Äusserungen, den Frauen in den Schritt zu greifen, weil er dies als Star tun dürfe, sind ebenfalls noch nicht vergessen. Mit den Vorwürfen an die Adresse von Platner hoffen sie nun, Gleiches mit Gleichem vergelten zu können.
Ebenfalls Freude an den Vorwürfen dürfte AIPAC, die jüdische Lobby-Organisation in den USA, haben. Platner ist ein vehementer Kritiker des Vorgehens Israels gegen Gaza und im Libanon. Ihn in die Nähe von Nazis zu rücken, kommt ihr daher sehr gelegen.
Die vermeintlichen Sympathien für Hitlers Schergen sind jedoch Unsinn. Platner hat glaubwürdig versichert, er habe das Totenkopf-Tattoo in Unkenntnis der SS machen lassen. Inzwischen hat er es überdeckt. Zudem hat er einen beachtlichen Leistungsausweis in Sachen Kampf gegen den Faschismus.
In der «New York Times» hält Michelle Goldberg daher unmissverständlich fest: «Zu suggerieren, Platner habe heimliche Sympathien für die Nazis, ist eine Fehleinschätzung, und zwar nicht nur seiner Person, sondern auch all seiner Wählerinnen und Wähler, von denen ihn viele mögen, weil sie es schätzen, dass er jemand ist, der gegen Faschismus ankämpft.»
Graham Platner war zunächst nicht der Wunschkandidat des Establishments der Demokraten. Inzwischen hat sich dies geändert. Nicht nur Bernie Sanders, auch Elizabeth Warren, Ruben Gallego, ja selbst Chuck Schumer stehen jetzt geschlossen hinter ihm, auch wenn sie wahrscheinlich täglich ein Stossgebet gen Himmel schicken, in dem sie Gott bitten, sie vor weiteren Enthüllungen zu verschonen.
Platner selbst hat in einem Interview mit MS Now erklärt, er habe keinen Moment an Rücktritt gedacht, wahrscheinlich im Wissen um Nietzsches berühmten Aphorismus: «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.»
