Die Feindin des «Fotzenfeminismus» verstummt – wieso Alice Schwarzer abtritt
«Wir, die Emma-Macherinnen sind ganz einfach erschöpft. Auch unsere Kräfte sind begrenzt.» Das schreibt Alice Schwarzer im Editorial ihres aktuellen Magazins – und kündigt an: «Emma geht». Noch gibt es zwei Hefte, dann ist Schluss.
Die letzte Publikation der populärsten und umstrittensten Feministin Europas erscheint am 8. Dezember zum 50. Jahrestag. Dann verabschieden sich Schwarzer und ihre fünf Redaktorinnen mit einem Wumms und bringen eine Doppelausgabe mit doppeltem Umfang heraus.
Ein Skandal im Herz der Gesellschaft
Nicht wirtschaftliche Gründe sollen für den Entscheid verantwortlich sein, «obwohl auch bei uns die Auflage sinkt», schreibt die Verlegerin nüchtern. Weniger nüchtern platziert sie ihren Seitenhieb:
Das ist typisch Schwarzer, Altersmilde kennt sie nicht. Auch mit 83 kann sie ihren Mund nicht halten. Wie sie sich als junge Journalistin zum ersten Mal bemerkbar machte, genauso geht sie auch: Unbequem und widerständig gegenüber dem, was nicht auf ihrer Linie ist.
Doch wer erinnert sich noch? 1971 von ihr dazu aufgefordert erklärten 374 Frauen, darunter Prominenz wie Romy Schneider in Schwarzers Artikel im «Stern»: «Wir haben abgetrieben». Eine Vielzahl der Beteiligten, die sich auch mit Bild outeten, musste später mit erheblichen beruflichen wie sozialen Konsequenzen leben. Drei Jahre nach der skandalösen Recherche legalisierte Deutschland die Abtreibung in den ersten zwölf Wochen. In der Schweiz dauerte das fast nochmals 30 Jahre.
Unverständnis für die Jugend?
Es ist Schwarzers Recht, und es ist nicht überraschend, dass sie auch zum Abschied ätzt. Wie gewohnt gegen ihre jüngeren feministischen Kritikerinnen, die sich tatsächlich immer lauter und teils gehässig verhielten. Erst im Februar hatten sie in Berlin gegen eine Lesung von Schwarzer protestiert und warfen ihr Unwissenschaftlichkeit und Transphobie vor.
Der Feminismus ist heute anders geartet und aufgestellt als er damals in den 1970er- und 1980er-Jahre war. Mit «Emma» als Kristallisationspunkt der deutschen Frauenbewegung. «Fotzenfeminismus» wie heute von Rapperin Ikkimel? Undenkbar. «Emma» vertrat den «Feminismus der Gleichheit» von Hedwig Dohm, Virginia Wolf oder Simone de Beauvoir. Letztere kannte Schwarzer als Journalistin in Paris persönlich.
Vom Idol zum Feindbild
Spätestens seit Me-Too stellen Schwarzers Nachfolgerinnen die strikte Zweigeschlechtlichkeit und die Wurzeln des Feminismus in Frage. Sie haben, öffentlichkeitswirksam, die Bewegung sozusagen diversifiziert. Ob zu Recht oder Unrecht, wird die Zeit zeigen.
Doch die Zeit von Schwarzer ist nicht mehr. Sie aber ist da und ist sich treu – oder stur, je nach Lesart: So hält sie das Tragen eines Kopftuchs im Islam für ein Symbol der patriarchalen Unterdrückung; an Freiwilligkeit der Frauen in dieser Sache glaubt sie nicht. Mit Prostitution verfährt sie ähnlich, für Schwarzer ist sie ausnahmslos ein Zeichen der Ausbeutung.
Immer wieder zu reden geben auch ihre Ansichten über Transmenschen, in diesem Punkt vertritt sie ein stark biologisch geprägtes Verständnis von Geschlecht. Die letzte Erregung brachte schliesslich die öffentliche Wahrnehmung von Schwarzer vollends ins Kippen. Als sie sich zum Ukrainekrieg 2023 mit Sarah Wagenknecht verbündete und für Friedensverhandlungen eintrat, wurde aus Alice, dem Idol, Schwarzer, das Feindbild.
Man sollte in der Beurteilung ihrer Verdienste vernünftig sein: Kaum eine hat in den letzten Jahrzehnten öffentliche Angriffe so souverän weggesteckt wie sie, und nur wenige haben wie sie für uns Frauen so viel geleistet. Angstfrei, blitzgescheit und durch starke Grossmütter mit der Idee aufgewachsen: Die Welt gehört mindestens so sehr uns Frauen wie den Männern. Alice Schwarzers wichtigste Forderungen sind längst konsensfähig. Unbequemsein aber ist es selten. (schweizheute.ch)

