«Kühnes und erfinderisches Werk»: Literaturnobelpreis geht an Kanadierin Anne Carson
Nobelpreis für Literatur
Die kanadische Dichterin und Autorin Anne Carson wird in diesem Jahr mit dem prestigeträchtigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt.
Die 76-Jährige bekommt die Auszeichnung für ihr «kühnes und erfinderisches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat», wie die Ständige Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, bei der Verkündung sagte. Sie habe kurz mit der Preisträgerin am Telefon sprechen können, sagte Carlberg. «Sie war sehr überrascht. Wir hatten nicht viel Zeit zu sprechen, aber sie hat mir erzählt, dass sie gerade in Island ist, um dem Wind zuzuhören.»
Der Literaturnobelpreis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. Jedes Jahr gehen dafür etwa 200 Nominierungen ein. Wer für den Preis vorgeschlagen wird, unterliegt wie bei allen Nobelpreisen für 50 Jahre der Geheimhaltung.
2025 hatte die Schwedische Akademie den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai geehrt, und zwar «für sein unwiderstehliches und visionäres Œuvre, das inmitten apokalyptischen Terrors die Macht der Kunst bekräftigt». Nachdem die Jury damit einen europäischen Mann ausgezeichnet hatte, hatten viele vor der diesjährigen Vergabe spekuliert, dass nun eine Frau von einem anderen Kontinent zum Zug kommen könnte. In den vergangenen Jahren war der Preis immer abwechselnd männlichen und weiblichen Literaten zugesprochen worden.
Der Literaturnobelpreis ist wie die anderen Nobelpreise in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen und damit einer Million Kronen mehr als in den Vorjahren dotiert. Umgerechnet entspricht das Preisgeld mehr als einer Million Euro.
Die bisherigen Gewinner
Nobelpreis für Chemie
Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den französischen Forscher Henri Kagan und den japanischen Forscher Kenso Soai für ihre Arbeiten zu «Spegelbild-Chemie». Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm am Mittwoch mit.
Die Entdeckungen seien entscheidend für Chemiker gewesen, die Grundlagen für die Herstellung von Arzneimitteln entwickeln, hiess es.
Einige Moleküle wie Aminosäuren existieren als zwei Varianten, die das Spiegelbild des anderen sind. Lebende Organismen enthalten jedoch nur eines dieser Spiegelbilder. Wie chemische Asymmetrie wie diese entstehen kann, war für Chemiker lange ein Rätsel. Kagan (Université Paris-Sud) und Soai (Tokyo University of Science) erhalten den Nobelpreis, weil sie eine Lösung gefunden haben.
Der Schweizer Chemiker Ilija Čorić hält den diesjährigen Nobelpreis für Chemie für «sehr verdient». Er kenne die Arbeiten von Henri Kagan und Kenso Soai bereits seit Jahrzehnten, sagte er gegenüber Keystone-SDA. Die Methoden der beiden Forscher seien heute in der Chemie weit verbreitet. «Sie werden konstant für die Synthese von neuen Medikamenten eingesetzt», sagte der Chemieprofessor der Universität Zürich.
Nobelpreis für Physik
Der diesjährige Physik-Nobelpreis geht an den in den USA tätigen gebürtigen Belgier Francis Halzen. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Dienstag in Stockholm bekannt.
Er wird «für seine entscheidenden Beiträge zum IceCube-Neutrino-Observatorium und die Entdeckung hochenergetischer Neutrinos astrophysikalischen Ursprungs» ausgezeichnet.
Halzen erkannte demnach, dass sich das Eis am Südpol zur Verfolgung von Teilchen nutzen lässt, die als Neutrinos bekannt sind. Seine Vision und seine wissenschaftliche Führungsrolle seien von grundlegender Bedeutung für «IceCube» gewesen – ein Kubikkilometer Eis, der mit Sensoren ausgestattet ist. Mit dem Observatorium können Forscher Neutrinos aus extrem energiereichen Prozessen im fernen Universum erfassen.
Neutrinos – auch Geisterteilchen genannt – zählen zu den geheimnisvollsten Elementarteilchen. Sie besitzen keine elektrische Ladung und fast keine Masse und reagieren nur sehr schwach mit normaler Materie. Daher ist der Nachweis äusserst schwierig. Ein Neutrino sei ein geisterhafter Bote aus dem Weltraum, sagte der Vorsitzende des Physik-Nobelkomitees, Mark Pearce.
Im Mittel treffen in jeder Sekunde zehn Milliarden Neutrinos auf jeden Quadratzentimeter der Erdoberfläche. Wenigstens einige davon nachweisen sollen grosse Detektoranlagen wie «IceCube» im antarktischen Eis.
Nobelpreis für Physiologie und/oder Medizin
Der Nobelpreis für Medizin geht an die beiden Deutschen Peter Hegemann und Georg Nagel sowie den US-Forscher Karl Deisseroth. Ausgezeichnet werden ihre Entdeckungen im Bereich der Optogenetik, wie das Karolinska-Institut in Stockholm mitteilte.
Optogenetik ist eine Methode, mit der sich Zellen – meist Neuronen – mit Hilfe von Licht präzise an- oder abschalten lassen. Sie kombiniert genetische und optische Techniken, um in lebendem Gewebe und sogar in frei beweglichen Tieren gezielt zelluläre Aktivität zu steuern.
Hegemann und Nagel entdeckten das Protein Kanalrhodopsin (Channelrhodopsin), das Zellen empfindlich für Licht macht. Deisseroth setzte das Gen für dieses Protein in Neuronen von Ratten ein. Dadurch konnte er diese Nervenzellen mit Licht aktivieren.
Der Zeitplan
In sechs Kategorien werden anfangs Oktober Nobelpreise vergeben:
- Montag, 5. Oktober: Physiologie und/oder Medizin
- Dienstag, 6. Oktober: Physik
- Mittwoch, 7. Oktober: Chemie
- Donnerstag, 8. Oktober: Literatur
- Freitag, 9. Oktober: Friedensbemühungen
- Montag, 12. Oktober: Wirtschaft
Der Preis
Personen, die mit einem Nobelpreis geehrt werden, erhalten nebst einer Medaille und einer Urkunde auch ein Preisgeld. Anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums erhöhte die Nobelstiftung das Preisgeld auf 12 Millionen schwedische Kronen (ca. 990'000 Schweizer Franken), von den elf Millionen 2025.
Finanziert wird das Ganze mithilfe des Vermögens von Alfred Nobel. Nach seinem Tod floss dieses in einen Fonds. Die Gewinne daraus finanzieren den Nobelpreis.
Der Auswahlprozess
Im September des Vorjahres ruft das Nobelpreiskomitee Tausende Forschende, ehemalige Gewinner eines Nobelpreises sowie Professorinnen und Professoren von Universitäten der ganzen Welt dazu auf, Personen für die verschiedenen Kategorien zu nominieren. Sie haben dazu bis zum 31. Januar Zeit. Ausser ihnen darf niemand eine Person für einen Nobelpreis nominieren. Zudem darf sich keine Person selbst nominieren.
Von Februar bis September prüfen die 5-10-köpfigen Komitees ihre Vorschläge, diskutieren sie und sortieren die besten aus. Im Oktober werden die Laureates (Preisträgerinnen und Preisträger) gewählt und öffentlich verkündet. Ihre Siegermedaille, die Urkunde sowie das Preisgeld erhalten sie am 10. Dezember in Stockholm und Oslo.
Die einzelnen Nobelpreise können auf bis zu drei Personen aufgeteilt werden. Auch Organisationen wie das Rote Kreuz können mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden.
Alfred Nobel
Alfred Nobel war ein schwedischer Chemiker und Erfinder. Seine bekannteste Erfindung war das Dynamit. Nach seinem Tod im Jahr 1896 hinterliess er ein Testament mit dem Wunsch, sein ganzes Vermögen zur Gründung einer Stiftung zu spenden. Grund dafür soll sein schlechtes Gewissen gewesen sein. Denn am Ende seines Lebens bereute Nobel, wie viel Zerstörung mithilfe von Dynamit angerichtet wurde.
Seine Stiftung soll jährlich eine Person ehren, die im vergangenen Jahr den grössten Nutzen für die Menschheit erbracht habe.
Der Nobelpreis wird jährlich am 10. Dezember übergeben, dies ist Alfred Nobels Todestag. Der erste Nobelpreis wurde erst 1901, fünf Jahre nach dem Tod von Alfred Nobel, an Wilhelm Conrad Röntgen für seine Entdeckung der Röntgenstrahlen verliehen.
(nil/ome, mit Material von Keystone-SDA)
