Diese 5 Männer haben wohl mehr als eine Milliarde Menschenleben gerettet
Gerade in eher unsicheren Zeiten erscheint der Gedanke plausibel, früher sei nahezu alles besser gewesen. Wir, die wir solches denken, vergessen dabei, dass wir beispielsweise vor zweihundert Jahren womöglich gar nicht erst Gelegenheit gehabt hätten, solche Gedanken zu hegen – weil wir nämlich schon längst früher gestorben wären. Das Leben war in aller Regel nicht nur entbehrungsreicher, sondern auch gefährdeter. Krieg, Hunger und Seuchen rafften Millionen dahin, und ein einziger vereiterter Zahn konnte das Todesurteil bedeuten.
Dass dies heute nicht mehr so ist, verdanken wir vornehmlich den Fortschritten in der Medizin und in der Agronomie. Und damit all den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die diese Fortschritte zustande gebracht haben. Sie haben unzählige Leben gerettet – wobei es naturgemäss sehr schwierig ist, die Zahl der Menschen abzuschätzen, die ohne eine bestimmte Erfindung oder Massnahme gestorben wären.
Dies gilt auch für die fünf Forscher – zeitbedingt ausschliesslich Männer –, die hier als grösste Retter von Menschenleben präsentiert werden: Exakte Zahlen gibt es nicht, ebenso wenig eine klare, belegbare Rangliste. Möglich sind hingegen grobe Schätzungen, und die hat das Wissenschaftsportal BBC Science Focus, ein Lizenznehmer der BBC, vorgenommen.
Maurice Hilleman
Das Leben dieses Mannes, der zahllose Menschenleben retten sollte, begann mit einer Tragödie: Kurz nach seiner Geburt am 30. August 1919 starben seine Zwillingsschwester und seine Mutter. Maurice Ralph Hilleman aber überlebte – und wurde zu einem wichtigen Mikrobiologen und produktiven Impfstoffexperten. Er entwickelte rund 40 Impfstoffe, unter anderem gegen Masern, Mumps, Windpocken, Röteln, Hirnhautentzündung, Lungenentzündung und Hepatitis A und B. In den USA basieren heute 8 von 14 Standardimpfungen für Kinder auf seiner Arbeit. Viele Krankheiten, die früher eine tödliche Gefahr für Kinder darstellten, sind deswegen heute kaum noch bekannt.
Hilleman entdeckte, dass Grippeviren mutieren, was zur Entwicklung von jährlichen Grippeimpfstoffen führte. 1957 sah er eine mögliche Grippepandemie voraus und entwickelte rasch einen neuen Impfstoff, was den Ausbruch einhegte. Er entwickelte auch den kombinierten Impfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln. Diese MMR-Impfung wurde 1998 von dem britischen Mediziner Andrew Wakefield fälschlich mit Autismus in Verbindung gebracht, was zwar widerlegt wurde, aber dennoch die Impfskepsis, besonders in den USA, befeuerte. Hilleman erhielt Morddrohungen.
Hillemans Impfstoffe retteten gemäss BBC Science Focus mehr als 130 Millionen Menschenleben. Es könnten sogar noch mehr sein, wenn das Ziel, die Masern auszurotten, erreicht worden wäre. Dies gelang beinahe, scheiterte dann aber an der erstarkenden Impfgegner-Bewegung. Hilleman starb am 11. April 2005 in Philadelphia.
Alexander Fleming
Der schottische Mikrobiologe (1881–1955) blieb zeitlebens bescheiden und verwies darauf, dass nicht er das Penicillin entdeckt habe, sondern dass es «von einem gewissen Schimmelpilz» hervorgebracht worden sei. In der Tat beruht die bedeutendste Entdeckung von Alexander Fleming auf Zufall: Als er 1928 aus dem Urlaub zurückkehrte, stellte er fest, dass eine seiner Petrischalen mit Bakterien – es handelte sich um Staphylokokken – durch Schimmel befallen war. Um den Schimmel herum befand sich eine bakterienfreie Zone, und Fleming wurde klar, dass der Pilz eine Substanz freisetzte, die das Bakterienwachstum hemmte.
Diese Substanz, die er Penicillin nannte, konnte eine Vielzahl von schädlichen Bakterien abtöten. Fleming hatte allerdings Schwierigkeiten, sie für medizinische Zwecke zu isolieren und zu reinigen – dies gelang dem australischen Pharmakologen Howard Florey erst 1940. Am 12. Februar 1941 wurde die Substanz erstmals einem Todkranken verabreicht. Die Behandlung schlug an, aber weil die Ärzte über zu wenig Dosen Penicillin verfügten, kam es zu einem Rückfall und der Patient starb. Doch der Siegeszug des Penicillins, des ersten Antibiotikums, liess sich nicht aufhalten. Die USA starteten die Massenproduktion während des Krieges. Mit dem breiten Einsatz des Antibiotikums entwickelten sich allerdings auch erste resistenter Keime. Gleichwohl ist die moderne Medizin ohne Antibiotika kaum denkbar. Mehr als 200 Millionen Menschenleben hat Flemings Entdeckung gerettet.
Frederick Banting
Noch vor hundert Jahren war Typ-1-Diabetes eine oft tödlich verlaufende Krankheit, besonders für Kinder: Nur wenige überlebten länger als ein Jahr nach der Diagnose. Und nicht einmal jeder fünfte Erwachsene lebte zehn Jahre nach der Diagnose noch. Bis der kanadische Arzt Frederick Banting das Insulin – das Hormon, das die Blutzuckeraufnahme reguliert – entdeckte und 1922 erstmals Patienten damit behandelte. Die behandelten Kinder lagen im diabetischen Koma und hatten nur noch wenige Tage zu leben; als Banting den letzten von ihnen das Insulin verabreichte, wachten die ersten bereits aus dem Koma auf. Ein fünfjähriger Junge, der ab Juli 1922 behandelt wurde, starb erst 1993 im alter von 76 Jahren. Diabetes mellitus war behandelbar geworden.
Banting und der Physiologe John Mcleod, der ihm sein Labor und den Studenten Charles H. Best als Assistenten zur Verfügung gestellt hatte, erhielten 1923 für die Entdeckung des Insulins den Nobelpreis für Medizin. Best und auch der Chemiker James Collip, der ein Verfahren zur Reinigung von Insulin für den menschlichen Gebrauch entwickelt hatte, gingen leer aus. Das Team verkaufte das Patent für einen Dollar, damit jeder, der es benötigte, Zugang zu dieser lebensrettenden Behandlung erhalten konnte. Schätzungsweise 200 Millionen Menschen profitierten davon. Banting meldete sich 1939 zum Kriegsdienst und starb 1941 im Alter von 49 Jahren nach einer Notlandung des Militärflugzeugs, in dem er als Verbindungsoffizier eingesetzt war.
Norman Ernest Borlaug
1968 veröffentlichte der amerikanische Professor Paul Ehrlich das Buch «The Population Bomb» («Die Bevölkerungsbombe»), in dem er voraussagte, dass in den 1970er- und 1980er-Jahren hunderte von Millionen Menschen verhungern würden. Dazu kam es, wie wir wissen, nicht – auch wenn es nach wie vor Hunger gibt auf der Welt. Dies ist aber eher ein Verteilungsproblem und nicht ein Problem der mangelnden Produktion. Dass es nicht an der Produktion liegt, verdanken wir einem Bauernsohn aus Iowa: Norman Borlaug, geboren am 25. März 1914, entwickelte in den 1950er- und 1960er-Jahren ertragreiche, krankheitsresistente Weizensorten. Er gilt deshalb als Vater der Grünen Revolution.
Die meisten Bauern bauten damals reinrassige Pflanzensorten an, die zwar hohe Erträge lieferten, aber nur wenige Krankheitsresistenzgene besassen, wodurch sie sehr anfällig für Krankheitsausbrüche waren. Borlaug kreuzte verwandte reinrassige Pflanzen und erhielt so «Mehrlinien-Sorten», die die Krankheitsresistenzgene ihrer Eltern kombinierten. Dies steigerte die Ernteerträge dramatisch. Der Harvard-Psychologe Steven Pinker verglich deshalb Borlaug in einem Essay über den «moralischen Instinkt» mit Mutter Teresa und kam zum Schluss, dass der weithin unbekannte Borlaug eine Milliarde Menschen vor dem Hungertod gerettet habe, während Mutter Teresa ihren Patienten Gebete anbot. Andere Quellen nennen die Zahl von 245 Millionen geretteten Menschenleben. Für seine Verdienste im Kampf gegen den Welthunger erhielt Borlaug 1970 den Friedensnobelpreis. Er starb am 12. September 2009 in Dallas.
Karl Landsteiner
Lange konnten die Ärzte Verletzungen oder Krankheiten, die zu einem erheblichen Blutverlust führten, kaum adäquat behandeln. Oft starben die Patienten, wenn sie zu viel von diesem roten Lebenssaft verloren. Manche Ärzte versuchten zwar, dies mit Bluttransfusionen zu verhindern, doch viele Patienten vertrugen das Spenderblut nicht und starben. Das änderte sich dank der Forschungen von Karl Landsteiner. Der österreichisch-amerikanische Pathologe entdeckte um 1901, dass Menschen unterschiedliche Bluteigenschaften aufweisen – das System der menschlichen Blutgruppen mit den drei Hauptgruppen A, B und O.
Dieser Durchbruch ebnete nicht nur den Weg für erfolgreiche Bluttransfusionen, sondern auch für eine verbesserte Operationstechnik, den Nachweis von Vaterschaften und in der Gerichtsmedizin für die Identifizierung von Blutspuren. Allerdings dauerte es noch bis 1914, als der belgische Arzt Albert Hustin eine Methode entdeckte, um die Gerinnung des Blutes während der Lagerung und des Transports zu verhindern, bis Bluttransfusionen tatsächlich praxistauglich wurden. Landsteiner und Hustin wird daher angerechnet, weltweit mehr als eine Milliarde Menschenleben gerettet zu haben.
Der 1868 in Baden bei Wien geborene Landsteiner emigrierte 1922 in die USA, was ihm, der als Jude geboren wurde, vermutlich das Leben rettete. Neben der Entdeckung der Blutgruppen zählt auch, zusammen mit Alexander Wiener, die Entdeckung des Rhesusfaktors zu seinen Leistungen. 1930 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Er starb 1943 in New York.
