«Die Wahlbeteiligung wärmt mir das Herz»: Eindrücke eines historischen Sonntags in Belgrad
Die Vorhänge mussten weg. Darauf bestand Mina Mičić. Die 22-jährige Studentin ist an diesem Sonntag als unabhängige Wahlkontrolleurin in einem Wahllokal in Neubelgrad im Einsatz. Die neuen Wahlkabinen lassen sich vollständig schliessen. Was dahinter geschieht, können die Wahlbeobachter nicht kontrollieren. Mičić und ihre Kollegen wollten das nicht hinnehmen. «Es gab Spannung, richtig. Am Ende haben sie nachgegeben», erzählt sie. Die Vorhänge haben sie kurzerhand mit Gummibändern festgebunden.
Die Sorge der jungen Frau ist nicht unbegründet. Wer seinen Stimmzettel fotografiert, könnte damit einem Stimmenkäufer beweisen, dass er wie vereinbart gewählt hat. Tatsächlich beobachtete Mičić eine Frau, die in der Wahlkabine ein Foto machte. Die Frau stritt das ab. «Aber wir haben es gesehen», sagt die Studentin.
Es ist ein Wahltag, an dem für Serbien viel auf dem Spiel steht. Nach vierzehn Jahren an der Macht könnte Aleksandar Vučić die Kontrolle über das Land verlieren. Seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) liefert sich ein enges Rennen mit der Liste «Die Studenten siegen». Die Bewegung ist aus den Massenprotesten hervorgegangen, die seit dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 das Land erschüttern.
Der Andrang ist enorm. Vor Wahllokalen im ganzen Land bilden sich lange Schlangen. Bis 13 Uhr haben bereits 41,1 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Bei der letzten Parlamentswahl 2023 waren es zum gleichen Zeitpunkt erst 26,6 Prozent gewesen. Wer von der hohen Beteiligung profitiert, ist allerdings noch offen.
Ein merkwürdiger Vorfall
In den mehr als zehn Wahllokalen, die unsere Reporterinnen in der Alt- und Neustadt von Belgrad besuchen, bleibt es zunächst ruhig. Doch die Berichte über Unregelmässigkeiten häufen sich. Die unabhängige Wahlbeobachterorganisation CRTA meldet zahlreiche Hinweise auf Stimmenkauf und Einschüchterung.
Auch Mičić berichtet von einem merkwürdigen Vorfall: Ein Mann habe festgestellt, dass eine ihm völlig unbekannte Person in seiner Wohnung gemeldet sei. Als er im Wahllokal nachfragte, stellte sich heraus, dass diese Person bereits gewählt hatte – mit Ausweis und Unterschrift. Ob dahinter tatsächlich Wahlbetrug steckt, ist unklar.
Im Wahllokal «Lazar Kostić», ebenfalls in Neubelgrad, treffen unsere Reporterinnen auf einen offensichtlich angetrunkenen Wahlbeobachter. Warum er hier sei? «Wegen des Geldes», sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Von der Studentenbewegung und den -protesten hält er wenig. Die Strassenblockaden hätten ihn daran gehindert, nach der Arbeit nach Hause zu fahren. Die Polizei solle gegen die Demonstranten härter vorgehen, so wie in Paris oder Mailand: «Dass sie anfangen zuzuschlagen, ehrlich gesagt.» Das sei auch in Serbien angebracht.
Im Gespräch stellt sich heraus, dass er nicht nur aus dem staatlichen Budget die regulär vorgesehene Aufwandsentschädigung für die Arbeit in der Wahlkommission bekommt, sondern auch Geld von der Regierungspartei SNS – was gegen die Verfassung verstösst.
Am Nachmittag kommen erste Berichte über Gewalt hinzu. In Pančevo, einer Stadt unweit von Belgrad, sollen studentische Wahlkontrolleure angegriffen und geschlagen worden sein.
Im zentralen Wahlstab der Studentenbewegung verfolgt Tatjana Gogić die Entwicklung. Die Ökologiestudentin freut sich über den grossen Andrang. «Die Wahlbeteiligung wärmt mir wirklich das Herz», sagt sie. Für ihre Bewegung gehe es um mehr als darum, Vučić abzulösen. Man wolle die Fehler der Vergangenheit vermeiden. «Wir wollten nicht in dieselbe Situation geraten wie im Jahr 2000: dass das Regime fällt, wir aber keinen Plan für den nächsten Tag haben.»
Was sie sich persönlich von diesem Wahltag erhofft? «Ich möchte, dass ich morgen, wenn wir gewinnen, hier leben und arbeiten kann und mich sicherer fühle.» (schweizheute.ch)

