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Westjordanland: Israel vertreibt Palästinenser nach Angriff

Israeli soldiers close a gate to vehicles during an army operation in Hebron, in the occupied West Bank, Saturday, Oct. 24, 2026, a day after a Palestinian shooting attack in the area. (AP Photo/Mahmo ...
Israelische Soldaten sperren während einer militärischen Operation in Hebron im besetzten Westjordanland ab. Bild: keystone

Westjordanland: Israel vertreibt Palästinenser nach Angriff und reisst Häuser ab

Nach einem Terrorangriff auf Soldaten hat die israelische Armee die Stadt Hebron im Westjordanland abgeriegelt. Tausende sollen ihre Häuser verlassen.
24.10.2026, 09:3224.10.2026, 14:36
Tobias Schibilla / t-online
Ein Artikel von
t-online

Die israelische Armee hat Hebron und das benachbarte Halhul im besetzten Westjordanland abgeriegelt und mit dem Abriss von Gebäuden begonnen. Bewohner mehrerer Viertel müssen ihre Häuser verlassen. Armee und Inlandsgeheimdienst sprechen von einem begrenzten «Anti-Terror-Einsatz», der mehrere Tage dauern solle. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem warnt dagegen vor Kollektivstrafen und Vertreibung.

Auslöser war ein Angriff am Freitagmorgen: Zwei bewaffnete Palästinenser aus Hebron eröffneten an einem Kontrollpunkt am nördlichen Stadtrand das Feuer auf israelische Soldaten. Nach Armeeangaben wurden zwei Soldaten im Alter von 20 und 23 Jahren getötet und drei weitere verletzt. Soldaten erschossen die Angreifer nach einem rund 20-minütigen Schusswechsel. Die islamistische Terrororganisation Hamas lobte die Tat, bekannte sich aber nicht dazu.

Netanjahu kündigt «vollständige Zerstörung» an

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte in einem Pressestatement am Tatort an, Israel werde «diesen Ort zerstören, ihn vollständig verändern». Die Armee werde das Viertel der Angreifer räumen, von Haus zu Haus gehen und die «terroristische Infrastruktur» zerstören. Zudem drohte er mit einem Einsatz im gesamten Westjordanland, wie es ihn seit dem Sechstagekrieg 1967 nicht gegeben habe.

Verteidigungsminister Israel Katz schrieb, das «Modell des Flüchtlingslagers Dschenin» sei auf dem Weg nach Hebron. Gemeint ist ein Grosseinsatz, den die Armee Anfang 2025 in Dschenin und weiteren Flüchtlingslagern im Norden des Westjordanlands begann. Soldaten rissen dort zahlreiche Häuser ab, laut UN wurden Zehntausende Bewohner vertrieben. Bis Juli dieses Jahres durften 33'362 von ihnen nicht zurückkehren.

Familien bekommen fünf Minuten für Räumung

Am Freitagnachmittag begannen Bulldozer im Gebiet Farsch al-Hawa mit Abrissen. Ein dem US-Sender CNN vorliegendes Video zeigt einen Soldaten, der Bewohnern eines Wohnkomplexes fünf Minuten zum Verlassen gibt. Anwohner sagten der Nachrichtenagentur Reuters, die Häuser hätten keine Verbindung zu den Angreifern. Laut israelischen Sicherheitskräften reisst die Armee «illegale Strukturen ab, die eine Sicherheitsbedrohung darstellen». Die Offensive werde «mehrere Tage andauern».

Laut einem Bericht des Fernsehsenders «Al Jazeera» erhielten Hunderte Familien in der Gegend von Ein Deir Bahha, einer Nachbarschaft in Hebron, die Anordnung, ihre Häuser zu verlassen. Das Einsatzgebiet dürfen Bewohner laut Armee nur über drei Ausgänge und nach einer Befragung verlassen. In der Nacht zu Samstag zeigen Augenzeugenvideos in den sozialen Medien israelische Militärfahrzeuge in Hebron. Über Lautsprecher teilen die Soldaten den Anwohnern mit: «Eure Unterdrücker sind gekommen, sie bringen euch die Vertreibung».

B’Tselem warf Netanjahu und Katz vor, ein palästinensisches Viertel leeren und die Vertreibungen aus den Lagern im Norden wiederholen zu wollen. «Israelische Politiker kündigen öffentlich Pläne für eine Kollektivstrafe und für Handlungen an, die Kriegsverbrechen darstellen könnten», erklärte die Organisation.

Tränengas gegen Journalisten

Auch gegen Journalisten, die über die Räumung berichten, soll die israelische Armee vorgehen. Ein Video, das vom Portal «Middle East Eye» veröffentlicht wurde, zeigt eine Gruppe von mit Pressevertretern. Israelische Soldaten lenken Laserpointer in die Richtung und beschiessen sie anschliessend mit Tränengas, um sie zu vertreiben.

Ort und Zeitpunkt der Aufnahmen liessen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen, eine Stellungnahme der Armee lag nicht vor. Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) hatte schon Mitte Oktober vor zunehmenden Übergriffen israelischer Behörden auf die Presse gewarnt.

Ben-Gvir: Bewegungsfreiheit ist zweitrangig

Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich verlangte am Freitag in einem Post auf dem Kurznachrichtendienst X eine Offensive im Westjordanland «genau wie im Gazastreifen». Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, ebenfalls rechtsextrem, forderte die Auflösung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) und ein Fahrverbot für Palästinenser auf den Strassen des Westjordanlands. Das Leben israelischer Bürger und Soldaten sei «eine Million Mal wichtiger als die Bewegungsfreiheit», sagte er. Hinweise auf eine Beteiligung der PA am Angriff auf die israelischen Soldaten gibt es bislang nicht, die Behörde hat sich in einer öffentlichen Mitteilung von dem Anschlag distanziert.

Dem US-Magazin «Time» hatte Ben-Gvir kurz zuvor gesagt, er wolle auch im Westjordanland eine «freiwillige Auswanderung» der Palästinenser, aber niemanden hinauswerfen. Im August hatte er gefordert, im Gazastreifen jede Nacht «30 bis 40» Menschen gezielt zu töten. Über manche Menschen dort sagte er: «Sie sind nicht einmal Menschen.» Ähnliche Äusserungen israelischer Regierungsvertreter wurden dem Internationalen Gerichtshof als Belege für eine mutmassliche Völkermordabsicht vorgelegt. Israel weist den Vorwurf zurück.

Die Gewalt im Westjordanland nimmt zu

Seit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 wurden im Westjordanland laut AFP-Zählung auf Basis palästinensischer Gesundheitsdaten mindestens 1'113 Palästinenser getötet. Die meisten starben durch israelische Soldaten, 37 laut UN durch Siedler. Im selben Zeitraum kamen nach israelischen Angaben mindestens 49 Israelis ums Leben. Seit Anfang September verzeichnete das UN-Nothilfebüro OCHA mehr als 200 Angriffe auf palästinensische Olivenbauern – mehr als in der gesamten Erntesaison 2025.

In Israel wird am Dienstag ein neues Parlament gewählt, Netanjahu liegt in einem knappen Rennen um eine weitere Amtszeit. Laut CNN versucht er, sich als sicherheitspolitischer Hardliner zu präsentieren. Nach dem Angriff sagte er alle Wahlkampftermine seiner Likud-Partei ab und erklärte, er habe vor Angriffen im Vorfeld der Wahl gewarnt. Zugleich lobte er die Siedler als «heldenhaft» und kündigte an, Infrastruktur für Siedlungen zu bauen.

Verwendete Quellen:

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