«An den Wänden hingen Porträts der ermordeten Kollegen»
Einen Auftrag von der Nowaja Gaseta zu bekommen – das war für einen Journalisten in Russland der absolute Höhepunkt beruflicher Anerkennung. Als mich im September 2021 ein Reporter der Zeitung kontaktierte und fragte, ob ich einen Artikel für sie schreiben wolle, musste ich nicht lange überlegen.
Wenige Wochen zuvor hatte ich meinen Job verloren. Die vom Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski gegründete Redaktion von MBK Media, für die ich mehr als drei Jahre gearbeitet hatte, musste schliessen, nachdem die russische Zensurbehörde Roskomnadsor unsere Website blockiert hatte. Der Druck auf unabhängige Journalisten nahm damals immer weiter zu. Jeden Freitag veröffentlichte das Justizministerium neue Listen von «ausländischen Agenten», in unserem Moskauer Büro hatte die Polizei eine Hausdurchsuchung durchgeführt.
Trotzdem wollte ich unbedingt weiter als Journalist arbeiten. Und nun bot sich mir die Chance, für jene Zeitung zu schreiben, die in Russland wie kaum eine andere für unabhängigen, mutigen Journalismus stand.
Es ging um ein Anarchisten-Ehepaar aus Tscheljabinsk, das an einem Zaun nahe der dortigen Zentrale des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) ein Transparent mit der Aufschrift «Der FSB ist der Hauptterrorist» aufgehängt. Dafür wurden sie zu jeweils zwei Jahren Haft verurteilt.
Ich besorgte mir Kopien der Anklageschrift, wertete die Beschwerden der Anarchisten über Folter in der Untersuchungshaft sowie den Beschluss über die Ablehnung der Einleitung eines Strafverfahrens aus.
Mein Artikel wurde vom Redaktor Sergej Sokolow gegengelesen. Er war es auch, der seinerzeit die Reportagen der bekannten Nowaja-Gaseta-Journalistin Anna Politkowskaja für die Veröffentlichung vorbereitet hatte – jener Journalistin, die 2006 an Wladimir Putins Geburtstag in Moskau ermordet wurde. Seitdem arbeitete ich als freier Autor mit der Zeitung zusammen.
Nobelpreis für den Kampf für die Meinungsfreiheit
Die Nowaja Gaseta ist nicht nur eine Schmiede für tiefgreifende Recherchen, sondern auch eine Institution der russischen Zivilgesellschaft. Die Morde und Attentate auf Journalisten der Nowaja Gaseta unterstreichen die Tatsache, dass diese nicht nur ihrem Beruf treu blieben, sondern auch eine klare Haltung vertraten. Für diesen Einsatz zur Verteidigung der Meinungsfreiheit erhielt Chefredaktor Dmitri Muratow den Friedensnobelpreis.
Was es bedeutete, Teil dieser Redaktion zu sein, erfuhr ich wenige Monate später am eigenen Leib. Als im Dezember 2021 ein FSB-Mitarbeiter in Jekaterinburg Kontakt mit mir aufnahm und mich nachdrücklich zu einem «friedlichen Gespräch» in ihre Zentrale einlud, informierte ich meine Kollegen von der Nowaja Gaseta. Sie gaben mir klare Anweisungen, wie ich mich verhalten sollte: keinerlei Zugeständnisse machen und nichts unterschreiben. Als ich dem FSB-Mann während des Telefonats mitteilte, dass ich die Redaktion über das geplante Treffen in Kenntnis gesetzt hatte, sagte er den Termin plötzlich ab.
Ich vermute, er wollte mich zu einem Denunzianten machen, zu einem Insider aus Oppositionskreisen. Doch als ihm klar wurde, dass ich auf das Gespräch vorbereitet war und man mich weder einschüchtern noch ködern konnte, machte er einen Rückzieher. Aber das war vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Hätte er heute auch einen Rückzieher gemacht, wenn ich in Russland geblieben wäre? Ich bin mir sicher: nein.
Die letzte Botschaft der Zeitung
Im Sommer 2022 verliess ich Russland und beobachtete aus Deutschland, was mit der Nowaja Gaseta geschah. In Tschetschenien wurde die Journalistin Jelena Milaschina entführt und brutal zusammengeschlagen. Dmitri Muratow wurde in das Register der «ausländischen Agenten» aufgenommen.
Im April 2026 fand in der Redaktion der Nowaja Gaseta eine 13-stündige Durchsuchung statt, der Investigativjournalist Oleg Roldugin wurde aus einem vorgeschobenen Grund verhaftet. Im Oktober wurde auch bei Redaktor Sergej Sokolow durchsucht. Am 30. Oktober erschien auf der Website der Zeitung ein Artikel mit dem Titel: «Wir wurden getötet. Erklärung der Nowaja Gaseta über die Beendigung ihres Lebens.»
In der Erklärung der Zeitung heisst es: «Am 9. November werden wir in unserem Haus, in dem wir 30 Jahre lang gelebt haben, das Licht löschen, die Server abschalten und gehen. Die Zeitung gibt es nicht mehr.» Die Gründe benennt die Nowaja Gaseta deutlich: «Die russischen Behörden und Geheimdienste haben die Redaktion zur Einstellung ihrer Arbeit gezwungen.»
Sie prangert in ihrer letzten Botschaft die Zerstörung der Menschenrechte, der demokratischen Institutionen und der persönlichen Freiheiten in Russland an. «All die Jahre haben wir genau darüber geschrieben. Solange wir konnten.» Deshalb sei sie nun getötet worden. «Danke an alle, die uns gehört haben», schreibt die Zeitung.
Damit endet die Geschichte der Nowaja Gaseta in Russland. Ganz verstummen wird sie allerdings nicht: Ein Teil der Redaktion arbeitet seit 2022 aus dem lettischen Exil weiter – unter dem Namen Nowaja Gaseta Europe.
Die Arbeit bei der Nowaja Gaseta war so, wie man Journalismus aus Filmen und Serien kennt: eine Familie, schlaflose Nächte in der Redaktion, gefährliche Recherchen – und die Porträts der Kollegen an den Wänden, die nach lautstarken Veröffentlichungen ermordet wurden. Die Zeitung gab ihren Journalisten das Gefühl, Teil einer wichtigen Mission zu sein. Damit inspiriert sie auch viele andere.
Wladimir Putins Motivation, diese Zeitung durch Repressionen zu zerschlagen, liegt auf der Hand: Dem russischen Präsidenten bedeuten Verdienste um die Meinungsfreiheit und den Humanismus nichts. Putin schätzt nur militärische Verdienste an der Front. Und wer eine kritische Agenda prägen könnte, wird vernichtet.
Die Nowaja Gaseta war und bleibt eine Legende. Danke für Ihre Arbeit. (schweizheute.ch)
