Angriff aus Russland? Die Ostflanke der Nato plant den Verteidigungskrieg
Was passiert, wenn Russland tatsächlich angreift? Mit dieser Frage müssen sich die baltischen Staaten notgedrungen seit Jahren beschäftigen. Estland, Lettland und Litauen bereiten sich darauf vor, einen solchen Angriff möglichst früh zu stoppen. An den Grenzen zu Russland und Belarus entstehen deshalb Bunker und Panzersperren, neue Waffensysteme werden angeschafft, Reservisten trainieren den Ernstfall.
Wie ein solcher Krieg konkret verlaufen könnte, hat das US-Magazin «The Atlantic» auf Grundlage der tatsächlichen Verteidigungsplanung und laufender Übungen sowie von Gesprächen mit Militärs und Politikern in der Region skizziert. Viele der beschriebenen Vorbereitungen finden sich auch in offiziellen Planungen der Nato sowie baltischer und schwedischer Behörden. Jüngste Beschlüsse und Übungen zeigen zudem, wie intensiv sich die Region inzwischen auf einen möglichen Angriff vorbereitet. Ein Überblick.
Tag 1: Den Vormarsch an der Grenze stoppen
Die wohl grösste Schwäche des Baltikums ist seine Geografie. Litauens Hauptstadt Vilnius liegt nur rund 30 Kilometer von Belarus entfernt. Gleichzeitig verbindet nur ein schmaler Landkorridor zwischen Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad die baltischen Staaten mit Polen und damit dem übrigen Nato-Gebiet: die sogenannte Suwalki-Lücke. Die Nato bezeichnet sie selbst als strategische Verbindung zwischen Estland, Lettland, Litauen und dem weiteren Bündnisgebiet.
Im Ernstfall sollen russische Kräfte deshalb möglichst nah an der Grenze aufgehalten werden. Die drei baltischen Staaten bauen dafür gemeinsam die «Baltic Defence Line» aus. In Estland sind allein bis zu 600 Bunker vorgesehen, hinzu kommen Panzergräben, Stacheldraht und sogenannte Drachenzähne aus Beton. Die Anlagen sollen Angreifer im besten Fall stoppen, zumindest aber auf vorhersehbare Routen zwingen, wo sie leichter bekämpft werden können.
Auch Minen spielen dabei eine grössere Rolle. Alle drei baltischen Staaten sind bereits aus dem Ottawa-Abkommen zum Verbot von Antipersonenminen ausgestiegen. Litauens Austritt ist seit Ende Dezember 2025 wirksam. Die Regierung in Vilnius begründete den Schritt ausdrücklich damit, im Verteidigungsfall mehr militärische Möglichkeiten gegen einen Angreifer zu benötigen.
Gleichzeitig sollen Sensoren und Drohnen Bewegungen früh erkennen. Im vom «Atlantic» beschriebenen Szenario würden Panzersperren, Minenfelder, Artillerie und Drohnen zusammenspielen: Russische Verbände würden gebremst, ihre Positionen mit Drohnen und Sensoren erfasst und anschliessend gezielt angegriffen.
Die erste Woche: Drohnen mitentscheidend
Ein Angriff auf die baltischen Staaten würde sich nach Einschätzung der vom «Atlantic» befragten Militärs rasch als ein von Drohnen, Sensoren, Artillerie und elektronischer Kriegsführung geprägter Krieg erweisen. Kleine Drohnen, wie sie bereits massenhaft in der Ukraine eingesetzt werden, würden feindliche Fahrzeuge und Soldaten aufspüren und angreifen.
Wer seinen Gegner kennt, ist im Vorteil. Die Erfahrungen aus der Ukraine prägen die baltische Planung deshalb stark. Soldaten aus den drei Staaten reisen regelmässig dorthin, um neue Taktiken und technische Entwicklungen zu beobachten. Litauen baut zugleich seine Fähigkeit zu weitreichenden Präzisionsschlägen aus: Das Land hatte bereits 2022 mehrere HIMARS-Raketenwerfer samt ATACMS-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern gekauft und hat jüngst eine zweite Einheit mit mehreren Abschussfahrzeugen nachbestellt.
Auch in der Luft wären die Balten auf ihre Verbündeten angewiesen. Estland, Lettland und Litauen verfügen nicht über die nötigen Kampfflugzeuge für die Sicherung ihres Luftraums. Diese Aufgabe übernehmen seit dem Nato-Beitritt 2004 rotierend andere Bündnisstaaten, darunter Deutschland, Polen, Spanien und Italien.
Der erste Monat: Die Ostsee wird zum Kriegsschauplatz
Sollte der Krieg Wochen dauern, würde er sich kaum auf Estland, Lettland und Litauen begrenzen lassen. Besonders wichtig wäre dann die Kontrolle über die Ostsee – und über die schwedische Insel Gotland.
Gotland liegt nur rund 130 Kilometer von den baltischen Staaten entfernt und könnte im Konfliktfall zu einem zentralen Ausgangspunkt für Nato-Luft- und Seestreitkräfte werden. Schweden übt inzwischen gezielt die schnelle Verstärkung der Insel. Erst im September trainierten deutsche und schwedische Einheiten gemeinsam, Truppen und Material über den Hafen von Visby auf die Insel zu bringen. Nach Angaben der schwedischen Streitkräfte war die Übung ausdrücklich Teil der Nato-Planung zur Verteidigung des Ostseeraums.
Russland könnte zugleich von Kaliningrad und Sankt Petersburg aus versuchen, in der Ostsee die Verstärkung und Versorgung der Nato zu unterbrechen. Für die baltischen Staaten wäre deshalb entscheidend, dass Schweden, Finnland, Polen und die übrigen Bündnispartner den See- und Luftraum offen halten.
Das Grundprinzip der baltischen Planung ist also einfach: Russland soll keinen schnellen Sieg erzielen können. Je länger Estland, Lettland und Litauen einen Angreifer an der Grenze festhalten, desto mehr Zeit gewinnt die Nato, ihre deutlich grösseren militärischen Ressourcen in die Region zu bringen. Darauf ist die gesamte Strategie ausgerichtet.
Verwendete Quellen:
- theatlantic.com: «The Baltic States Prepare for War» (englisch)
- kaitseministeerium.ee: Baltic Defence Line (englisch)
- nato.int: «Vilnius Summit Communiqué» (englisch)
- forsvarsmakten.se: «German reinforcement operation on Gotland» (englisch)

