International
Russland

Demydev, das Dorf, das sich zum Schutz überschwemmen liess

Als die Russen kamen, hat sich dieses Dorf selbst überschwemmt – mit grosser Wirkung

Eine Überschwemmung ist selten etwas Gutes. Sie hinterlässt eine Schneise der Verwüstung, setzt Strassen und Häuser unter Wasser und unterbricht die Infrastruktur. Was aber, wenn genau Letzteres gewünscht wird?
28.04.2022, 11:4828.04.2022, 12:26

Am 25. Februar, dem zweiten Tag des Krieges, wird ein Gebiet nördlich von Kiew von einer Überschwemmung heimgesucht.

Wenig später wird darüber spekuliert, ob es sich um eine bewusste Massnahme der Ukraine gehandelt haben könnte. Eine Reportage der «New York Times» bestätigt dies nun.

«Alle verstehen es und niemand bereut es auch nur für einen Moment.»

Der betroffene Damm staut das Wasser des Dnepr und geht in den Nebenfluss Irpin über. Dieser zieht sich entlang des nahe gelegenen Dorfes Demydev bis in den Norden, wo er die etwa 44 km entfernte Hauptstadt Kiew erreicht.

Als sich die russischen Truppen Ende Februar nun der Hauptstadt näherten, sah das ukrainische Militär im Damm eine nützliche Strategie. Denn das Öffnen des Dammes resultierte in einem flachen, ausgedehnten See – vor den russischen Panzerkolonnen. Auch der üblicherweise kleine Fluss Irpin verwandelte sich in ein breites Sumpfgebiet, welches die russischen Streitkräfte zu einem Umweg entlang des Westufers gezwungen hat. Es war denn auch auf diesem Umweg, auf dem sie schliesslich Hostomel, Irpin und Butscha erreichten, wo sie eine Schneise der Zerstörung hinterliessen. Die russischen Gräueltaten in Butscha gingen um die Welt.

Demydov Fluss Iprin
Auf der Karte ist ersichtlich, wie die Überschwemmung Demydevs russische Truppen zu einem Umweg entlang des Westufers des Irpins gezwungen hat.Bild: google maps

Dennoch: Durch die Flut wurden mögliche Überquerungspunkte über den Fluss Irpin unzugänglich gemacht, womit nicht nur Demydev, sondern auch die Hauptstadt geschützt wurde.

Dafür musste Demydev ein Opfer bringen: 50 Häuser stehen unter Wasser und das Dorf kämpft mit Schlamm und nicht bepflanzbaren feuchten Böden. Auch jetzt noch, 2 Monate später, müssen sich einige Bewohner mit Gummibooten fortbewegen. Aufgrund russischen Beschusses wurde der Damm beschädigt, was nun die Trockenlegung des Gebiets erschwert.

Da zudem auch noch eine Brücke in Demydev zerstört worden war, war es auch für die Dorfbewohner unmöglich geworden, aus dem Gebiet zu fliehen. Dem Roten Kreuz war es Anfang April allerdings gelungen, eine temporäre kleine Brücke über den Irpin zu bauen. Auf diese Weise wurde die Evakuierung von 15'000 Personen ermöglicht.

Auch wenn Demydev schlussendlich doch von russischen Soldaten besetzt wurde, so geriet es nie an die vorderste Front des Krieges.

«Verbrannte Erde» – eine teure, aber nützliche Strategie

In Kriegszeiten ist es nicht unüblich, dass das Militär die eigene Infrastruktur zerstört, um den Feind am Vorrücken zu hindern. Auf diese Weise wurden bereits mehr als 300 Brücken im Land zerstört, so der ukrainische Minister für Infrastruktur Oleksandr Kubrakov. Ohne zu zögern wurden auch Strassen zerbombt und Zugschienen blockiert. Dadurch werden feindliche Truppen nicht nur gezwungen, Umwege über schlechteres Terrain zu nehmen, sie können dadurch auch in Fallen gelockt werden. Diese Kriegstaktik nennt sich «verbrannte Erde».

«Alle verstehen es und niemand bereut es auch nur für einen Moment», so die Rentnerin Antonina Kostuchenko gegenüber der New York Times. Das Wohnzimmer ihres Hauses in Demydev steht zwar 30 cm unter Wasser, doch mit Stolz sagt sie: «Wir haben Kiew gerettet!»

Demydov in der ukraine
Etwa 50 Häuser stehen in den Demydev unter Wasser.Bild: twitter

Gemäss Militärexperten ist die Politik der verbrannten Erde für die Ukraine bisher aufgegangen. Russische Streitkräfte wurden so im Norden auf Abstand gehalten, wodurch sie daran gehindert wurden, Kiew einzunehmen. Es mache Sinn, auf diese Weise schnelle Offensiven zu verlangsamen, so Rob Lee. Der ehemalige Mitarbeitet am Foreign Policy Research Institute lobt die Kreativität der Ukrainer.

Die Strategie hat allerdings ihren Preis. Denn auch die Russen zerstören im Vorrücken weitere Infrastruktur und Einrichtungen, was die Kosten für einen Wiederaufbau in die Höhe katapultiert. Der Schaden an der Transportinfrastruktur wird von der ukrainischen Regierung auf umgerechnet fast 89 Milliarden Franken beziffert.

Die Aufräumarbeiten in Demydev sowie die Trockenlegung des Gebiets dürften noch Wochen, wenn nicht Monate dauern, berichtet die New York Times weiter. Die Mehrheit des Dorfes sei sich allerdings einig: «Das war es wert.» (saw)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
So leidet die russische Bevölkerung unter dem Ukraine-Krieg
1 / 13
So leidet die russische Bevölkerung unter dem Ukraine-Krieg
1. Rationierte NahrungsmittelViele Russen decken sich aufgrund der unsicheren Lage mit größeren Mengen an Lebensmitteln ein. Zudem erklärt der Kreml, hätten einzelne Personen tonnenweise Nahrungsmittel erstanden ...
quelle: keystone / anatoly maltsev
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Das könnte dich auch noch interessieren:
Neuer Bericht zu Trump und Epstein veröffentlicht – Schweizerin spielt zentrale Rolle
Die US-Demokraten greifen kurz vor den Kongresswahlen die Anschuldigungen einer ehemaligen Miss-Schweiz-Teilnehmerin auf. Ein mächtiger Abgeordneter fordert strafrechtliche Ermittlungen.
Er ist seit sieben Jahren tot. Jeffrey Epstein spielt im amerikanischen Wahlkampf aber immer noch eine wichtige Rolle. Die Demokraten nutzen die frühere Freundschaft zwischen dem 2019 verstorbenen Sexualstraftäter und dem heutigen Präsidenten, um die republikanischen Verbündeten von Donald Trump zu attackieren.
Zur Story