International
TV

Jan Böhmermann: Dieser Auftritt bei ORF gibt zu reden

FILE - In this Nov. 7, 2016 file photo German TV host and satirist Jan Boehmermann is participating in the podium discussion 'More - Content 2020' of the Grimme research seminar in Cologne,  ...
Geht mit den Österreichern hart ins Gericht: Satiriker Jan Böhmermann. (Archivbild)Bild: AP/dpa

«Ohgottohgott Österreich, ey» – dieser Auftritt von Böhmermann beim ORF gibt zu reden

07.05.2019, 19:5108.05.2019, 15:02

Ei, ei, ei. Der ORF hat den deutschen Satiriker und Moderator Jan Böhmermann interviewt, der wie immer provokant und zugespitzt seine Meinung äusserte.

Nun aber sorgt das Ende dieses Interviews für Schlagzeilen. Der Grund: Nach dem Gespräch sagte die Moderatorin Clarissa Stadler in der Sendung «Kulturmontag»: «So weit also die Ansichten des Satirikers Jan Böhmermann zu Österreich.»

Und: «Der ORF distanziert sich von den provokanten und politischen Aussagen Böhmermanns. Aber wie Sie wissen, darf Satire alles und der öffentliche Rundfunk künstlerische Meinung wiedergeben.»

Sich von den Aussagen eines Gesprächspartners zu distanzieren, ist ungewöhnlich. Und befremdlich. Böhmermann selbst kommentierte das Ende des Interviews mit einem Tweet: «Ohgottohgott österreich, ey (sic!).»

Was hatte Böhmermann da an «provokanten und politischen Aussagen» gemacht?

Im Interview mit dem ORF sprach Böhmermann über seine Ausstellung im Grazer Kunsthaus namens «Deuscthland#ASNCLUSS#Östereich» (sic!) – aber auch über die österreichische Politik. Er nannte das Land mit seiner Regierung aus der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ ein «Versuchslabor» für Deutschland, in dem «Leute mit Chemikalien» experimentierten, «die man nicht zusammenschütten sollte».

Auch über Österreichs jungen Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) machte sich Böhmermann lustig: «Es ist nicht normal, dass das Land von einem 32-jährigen Versicherungsvertreter geführt wird.»

epa07546430 Austrian Chancellor Sebastian Kurz during the kick off event of the Austrian People's Party' (OeVP) election campaign for the upcoming European Parliament elections, in Vienna, A ...
Sebastian Kurz: Der 32-jährige Kanzler wurde von Böhmermann als «Versicherungsvertreter» bezeichnet.Bild: EPA/EPA

Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) warf er vor, «volksverhetzende Scheisse» auf Facebook zu verbreiten.

Böhmermann stichelte auch gegen den ORF selbst. Hintergrund sind die Anfeindungen der FPÖ gegen den ORF-Moderator Armin Wolf. Der hatte in einem Interview mit Harald Vilimsky, Generalsekretär der FPÖ und Spitzenkandidat bei der Europawahl, eine Darstellung von Menschen auf einem Plakat der FPÖ-Jugend, die offensichtlich Migranten sein sollen, mit einem Bild aus der antisemitischen NS-Zeitung «Der Stürmer» verglichen.

«Man steht daneben und denkt sich so: Ja, macht Ihr mal, ist ja Euer Land», sagte Böhmermann am Montagabend. Und weiter: «Sie lachen, aber warum eigentlich, Sie sind doch beim ORF beschäftigt. Gibt's da noch was zu lachen? Ich höre da andere Sachen», so Böhmermann. Er fragte, ob der ORF, der nach Wunsch der rechten FPÖ künftig aus Steuern statt aus Gebühren finanziert werden soll, solche Aussagen überhaupt senden dürfe. Immerhin stehe die Umbenennung in «FPÖ-TV» zur Debatte.

Warum das Böhmermann-Interview so bedenklich ist:

Der Streit zwischen der FPÖ und Wolf macht deutlich, wie sehr die Pressefreiheit in Österreich unter einer Regierung mit rechtspopulistischer Beteiligung unter Beschuss steht. Die FPÖ strebt auch ein Gesetz an, mit dem die Rundfunkgebühren für den ORF abgeschafft und die Führungsriege des Senders ausgetauscht werden soll.

Das ist der Hintergrund des befremdlichen Endes des Böhmermann-Interviews. Die Autorin Samira El Quassil, Kolumnistin für das deutsche Portal «Übermedien», kommentiert den Vorfall auf Twitter mit den Worten:

«Nun distanziert der ORF sich in vorauseilendem Gehorsam in der laufenden Sendung von Aussagen von Böhmermann, als ob dem Zuschauer urplötzlich nicht mehr klar wäre, wie er die Aussagen einer externen, nicht für den Sender sprechenden Person zu verstehen hätte.»

Sie listet in einem Thread auf Twitter auch eine ganze Reihe von bedenklichen Vorfällen beim ORF in den vergangenen zwei Jahren auf. Diese Liste ist nun um ein Beispiel länger geworden.

Übrigens – und das ist keine Satire – findet die FPÖ die Distanzierung des ORF von Böhmermann keinesfalls ausreichend. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky kommentierte den ORF-Beitrag im Gespräch mit dem «Standard» mit den Worten:

Die «halbherzige Distanzierung des ORF von den Aussagen des deutschen Satirikers Jan Böhmermann, der in der Sendung ‹Kulturmontag› eine Beschimpfungs-Tirade gegen Österreich vom Stapel gelassen hat, zeigt wieder einmal deutlich, welche Richtung der öffentlich-rechtliche Sender einnimmt».

Hier ist das ganze Video in der ORF-Mediathek zu sehen.

(watson.de)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Jan Böhmermann trollt Trolle
1 / 11
Jan Böhmermann trollt Trolle
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Fahnder legen Plattform mit erpressten Nacktfotos still
Französische Fahnder haben eine Internet-Plattform vom Netz genommen, über die Kriminelle durch Erpressung oder ohne Einwilligung erlangte Nacktaufnahmen von rund 17'000 Frauen vertrieben haben sollen. Die Plattform, auf der Datenpakete mit gestohlenen intimen Inhalten zum Verkauf angeboten wurden, sei mit Unterstützung von US-Behörden aufgedeckt worden, teilte die Pariser Staatsanwaltschaft mit. Drei damit zusammenhängende Webseiten seien geschlossen worden.
Zur Story