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Vormarsch der Dschihadisten

Moderne Waffen, grausige Propaganda und schwache Gegner – darum siegen die IS-Kämpfer

14.08.2014, 08:3014.08.2014, 09:28

Die Kampfverbände der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) sind laut Experten zahlenmässig weniger stark, als es ihr rasantes und nahezu ungehindertes Vorrücken im Irak vermuten lässt. Die Rede ist von einigen 1000 Mann, welche die Regierungstruppen seit zwei Monaten vor sich hertreiben. Dafür gibt es vor allem fünf Gründe. 

Modernes Waffenmaterial

Die Dschihadisten haben besonders in der Anfangsphase ihres Feldzugs etliche Panzer, Schützenwagen, Raketen und andere schwere Waffen von feindlichen Kampfverbänden erbeutet. Besonders die irakische Armee hat bei ihrem Rückzug moderne Ausrüstung hinterlassen, die zu grossen Teilen aus den USA stammt. Dadurch konnten die IS-Kämpfer «erhebliche Mengen jener Ausrüstung erbeuten, die sie am dringendsten brauchten», schildert der Rüstungsexperte Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies in Washington.

Die Dschihadisten haben moderne Waffensysteme erbeutet. Hier präsentieren sie bei einer Parade im syrischen Raqqa eine Rakete.  
Die Dschihadisten haben moderne Waffensysteme erbeutet. Hier präsentieren sie bei einer Parade im syrischen Raqqa eine Rakete.  Bild: STRINGER/REUTERS

Erfahrungen aus dem syrischen Bürgerkrieg

Die Dschihadistengruppe hat ihre Ursprünge in Syrien, nicht umsonst hiess sie deshalb bis vor kurzem «Islamischer Staat im Irak und in Grosssyrien» (ISIS) oder «Islamischer Staat im Irak und in der Levante» (ISIL). Die Beteiligung an den Gefechten des syrischen Bürgerkriegs habe dem IS «unvergleichliche Trainings- und Lernmöglichkeiten geboten», erläutert die auf Aufklärungsdienste spezialisierte US-Firma Soufan. 

Kämpfer des IS, damals noch ISIS oder ISIL genannt, Ende Juni in Raqqa. 
Kämpfer des IS, damals noch ISIS oder ISIL genannt, Ende Juni in Raqqa. Bild: STRINGER/REUTERS

Die Dschihadisten kämpfen in Syrien seit 2013 sowohl gegen die Führung von Machthaber Baschar al-Assad als auch gegen die mit ihm verfeindeten Rebellen, von denen einige ebenfalls islamistische Motive haben. Allerdings hat sich der IS dabei einen Ruf als besonders brutale Bewegung erworben, deren Kämpfer den eigenen Tod nicht fürchten. 

Strategische Kampfführung

Die Militäroffensive der Dschihadisten konzentriert sich bislang auf sunnitisch geprägte Regionen, in denen der IS Rückhalt erfährt sowie strategisch bedeutsame Infrastruktur oder schwach verteidigte Einrichtungen erobern konnte. Weil der Widerstand in diesen eher dünn besiedelten Regionen sehr überschaubar ausfiel, konnte der IS die Verluste in den eigenen Reihen minimieren sowie Motivation und Zusammenhalt seiner Milizionäre stärken. Die Dschihadisten seien «einfach sehr gut darin, ihre Gegner in die Flucht zu schlagen, wenn diese schon geschwächt sind», meint Michael Knight vom Washington Institute for Near East Policy. 

Machtbereich des IS Ende Juni 2014: direkt kontrollierte Zonen, Angriffszonen und Aufmarschgebiet der Dschihadisten. 
Machtbereich des IS Ende Juni 2014: direkt kontrollierte Zonen, Angriffszonen und Aufmarschgebiet der Dschihadisten. Bild: thefederalist.com
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Wirkungsvolle Propaganda

Den militärischen Erfolg verdankt der IS auch seinem Ruf als besonders grausame und blutrünstige Miliz. Dadurch fielen ihm ganze Dörfer kampflos in die Hände. Über das Internet und die sozialen Netzwerke verbreitet die Gruppe gezielt makabere Fotos, etwa von enthaupteten Feinden. Inzwischen wird ihr laut dem Soufan-Sicherheitsexperten Patrick Skinner eine «schier unmenschliche Mordlust» zugeschrieben. In Sindschar flüchteten am Wochenende zehntausende Zivilisten vor den anrückenden Islamisten. Experten halten Einschüchterung deshalb für eine der wichtigsten IS-Taktiken. 

Dynamischer Dschihadist: Ein Kämpfer feuert in einem Propagandavideo des IS eine Panzerabwehrgranate ab. 
Dynamischer Dschihadist: Ein Kämpfer feuert in einem Propagandavideo des IS eine Panzerabwehrgranate ab. Bild: REUTERS TV/REUTERS
Das US-Magazin «Vice» dokumentiert in seiner Reportage über den Aufstieg des Kalifats auch die Propagandamassnahmen der Dschihadisten. Video: Youtube/Vice News

Schwache Feinde

Eine besondere Stärke des IS ist die Schwäche seiner Feinde. Die kurdischen Peschmerga-Milizen seien im Vergleich zur irakischen Armee zwar noch relativ kampfstark, sagt der Rüstungsexperte Cordesman, «aber ihre Infanterie ist wirklich schwach». Erfahrene Kämpfer, die schon gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein gefochten hätten, gebe es heute nicht mehr. Ausserdem schmälerten die finanziellen Probleme der Autonomieregierung von Kurdistan auch die Kampfkraft des Peschmerga. 

Diese kurdischen Peschmerga-Veteranen haben sich angesichts der Bedrohung durch den IS wieder zum Dienst gemeldet. 
Diese kurdischen Peschmerga-Veteranen haben sich angesichts der Bedrohung durch den IS wieder zum Dienst gemeldet. Bild: MOHAMMED JALIL/EPA/KEYSTONE

Die irakische Armee wiederum versucht immer noch vergeblich, ihre Selbstauflösungserscheinungen nach den Anfangserfolgen der Dschihadisten vergessen zu machen. Von einer schlagkräftigen Truppe kann derzeit keine Rede sein, wie die mangelnden Resultate der angekündigten Gegenoffensive verdeutlichen. «Der IS hat die frappierenden Schwächen seiner Gegner aufgezeigt», heisst es bei Soufan. «Das zeigt sich ganz besonders im erbärmlichen Erscheinungsbild der irakischen Armee.» (dhr/sda/afp) 

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