Kopfhörer ständig im Ohr – was das mit der Gen Z macht
Atira Gali kommt kaum noch ohne Kopfhörer durch den Alltag. Die 24-Jährige erzählt CNN, dass sie morgens auf dem Weg zur Arbeit Musik oder Podcasts hört, die Kopfhörer während grosser Teile des Arbeitstags trägt und auch auf dem Heimweg oder bei alltäglichen Aufgaben kaum darauf verzichtet.
Damit ist sie keineswegs allein. Menschen zwischen 13 und 34 Jahren verbringen laut einer im Mai veröffentlichten Erhebung durchschnittlich rund 4,5 Stunden täglich mit Audioinhalten. Bei Spotify entfiel 2025 mehr als die Hälfte der weltweiten Musikstreams auf die Generation Z.
Kopfhörer als unsichtbare Barriere
Für viele ist das längst reine Gewohnheit. Doch Forschende fragen sich, was passiert, wenn praktisch jeder unbelegte Moment mit Musik, Podcasts oder anderen Inhalten gefüllt wird.
Gloria Mark, Informatikprofessorin an der University of California in Irvine, sagt gegenüber CNN, Kopfhörer könnten auch als eine Art Schutzschild gegen die Aussenwelt dienen. Menschen würden sie teilweise nutzen, um sich von anderen abzuschirmen – oft ohne dies bewusst zu beabsichtigen.
Richard Davidson von der University of Wisconsin beobachtet Ähnliches auf dem Campus in Madison. Er schätzt, dass rund 90 Prozent der Studierenden dort mit Kopfhörern unterwegs seien. Vor zehn Jahren sei das noch deutlich anders gewesen.
Gerade auf einem Universitätscampus gehe dadurch etwas verloren: zufällige Begegnungen mit Menschen, die man sonst womöglich nie kennengelernt hätte.
Selbst kurze Begegnungen zählen
Auch im Café oder beim Warten greifen viele Menschen sofort zum Handy oder setzen Kopfhörer auf. Damit verschwinden kleine soziale Momente, die banal wirken, für das Wohlbefinden aber durchaus wichtig sein können.
Davidson verweist im Gespräch mit CNN darauf, dass selbst kurze Kontakte mit Fremden positive Effekte haben können – ein Lächeln, ein kurzer Austausch an der Kasse oder ein spontanes Gespräch während des Wartens.
Das Thema ist auch deshalb relevant, weil Einsamkeit weit verbreitet ist. Wenn Kopfhörer alltägliche Begegnungen systematisch verhindern, könnten sie zumindest indirekt dazu beitragen, dass solche Kontakte seltener werden.
Können wir überhaupt noch Langeweile aushalten?
Ein zweiter Punkt beschäftigt die Forschenden: die fehlende Stille.
Sobald Langeweile entsteht, steht eine Ablenkung bereit. Musik, Podcast, Social Media – praktisch jede Leerstelle lässt sich sofort füllen.
Doch genau diese vermeintliche Leere könne wertvoll sein. Ohne permanente Ablenkung nehmen Menschen ihre Umgebung bewusster wahr und lernen, Gedanken zuzulassen, statt sie sofort zu überdecken.
Davidson spricht gegenüber CNN von einem «Muskel der Aufmerksamkeit»: der Fähigkeit, bewusst bei dem zu bleiben, was man gerade tut, ohne ständig in andere Gedanken oder Reize abzudriften.
Musik hilft – aber nur kurzfristig
Musik oder Podcasts können durchaus helfen, unangenehme Gedanken oder langweilige Aufgaben kurzfristig erträglicher zu machen. Davidson warnt jedoch davor, dies mit einer dauerhaften Lösung zu verwechseln.
Wer jede unangenehme Stimmung sofort übertönt, trainiert möglicherweise weniger, mit eigenen Gedanken, Langeweile oder innerer Unruhe umzugehen.
Schon eine ältere Studie aus dem Jahr 2010 kam zum Schluss, dass Erwachsene fast die Hälfte ihres wachen Alltags gedanklich nicht bei dem sind, was sie gerade tun. Davidson vermutet, dass dieser Anteil heute eher höher liegt.
Zwei Tage ohne Kopfhörer – und plötzlich sieht sie mehr
Gali wollte deshalb wissen, was passiert, wenn sie ihre Gewohnheit unterbricht. Wie sie CNN erzählt, beschloss sie, auf dem Weg zur Arbeit keine Musik zu hören.
Bereits nach zwei Tagen bemerkte sie vier neue Geschäfte, die in ihrem Quartier angekündigt wurden. Sie war zuvor täglich an denselben Schildern vorbeigelaufen – ohne sie wahrzunehmen.
Ganz auf Musik verzichten will sie nicht. Das Experiment zeigt aber, wie stark selbst eine kleine Gewohnheit beeinflussen kann, wie aufmerksam Menschen ihre Umgebung und andere Personen wahrnehmen.
Die Frage ist deshalb weniger, ob Kopfhörer grundsätzlich schlecht sind. Sondern ob wirklich jeder freie Moment gefüllt werden muss – oder ob ein paar Minuten Stille manchmal mehr bringen als die nächste Playlist. (mke)
