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Gewohnheiten, die Eltern stark machen – und wie man sich diese aneignet

Glückliche Mutter und neugieriger Junge treffen sich in der Küche, bereiten frische Eier für eine gesunde Mahlzeit zu und lernen zu Hause gemeinsam über Kochen und Ernährung Happy mother and curious t ...
Ein wichtiger Erziehungsgrundsatz von Sebastian Reisinger lautet: Zuerst Verbindung, dann Führung. Am besten gelingt das auf Augenhöhe mit dem Kind.Bild: www.imago-images.de
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Gewohnheiten, die Eltern stark machen – und wie man sich diese aneignet

Die Kinder haben Hunger, die Pasta ist am Kochen, zwei geben sich aufs Dach. Wie handhabt man diese Situation, ohne dass am Ende alle schreien? Tipps von Therapeut Sebastian Reisinger.
18.10.2026, 15:0918.10.2026, 15:09
Deborah Stoffel / ch media

Sie schreiben in Ihrem Buch von sieben Gewohnheiten, die Eltern im Umgang mit Kindern helfen sollen. Woran scheitern Eltern heute am häufigsten?
Sebastian Reisinger: Ich würde nicht von Scheitern sprechen, sondern von enormen Herausforderungen. Eltern wissen heute sehr viel über die Bedürfnisse ihrer Kinder. Sie wissen, wie wichtig sichere Bindung, Aufmerksamkeit und emotionale Begleitung sind. Das ist positiv, erzeugt aber auch Druck.

War das denn früher besser?
Früher lag der Fokus stärker darauf, dass ein Kind ein Dach über dem Kopf und Essen hat und diszipliniert ist. Heute wissen wir, dass Kinder auch emotional begleitet werden müssen. Gleichzeitig sind Kinder keine kleinen Erwachsenen. Viele Fähigkeiten sind noch nicht entwickelt. Das fordert die Geduld der Eltern, und ist auch einfach anstrengend.

Wodurch hat dieser Druck so zugenommen?
Wissen ist heute viel leichter zugänglich. Ratschläge kommen nicht mehr nur von der besten Freundin, sondern von überall – etwa über Social Media. Gerade deshalb ist es mir wichtig, eher Haltungen als Tipps weiterzugeben. Eltern sollen sich herausnehmen, was zu ihnen passt, und den Rest getrost vergessen. Jede Familie ist anders. Gleichzeitig sind Familien teilweise isolierter als früher. Erziehung ist eigentlich ein Teamsport und leichter, wenn man ein Netzwerk hat.

Riesinger
Bild: sebastianreisinger.de

Eltern stärken

Sebastian Reisinger
Sebastian Reisinger ist systemischer Familientherapeut, Supervisor und hat soeben sein Buch «Eltern Survival Guide» (Kösel Verlag, September 2026, 240 Seiten, 24.80 Franken) herausgegeben. Er will Eltern helfen, innere Ruhe zu finden, damit sich ihre Kinder sicher und gesehen fühlen. Auf Instagram (110'000 Follower) gibt er Tipps für herausfordernde Familiensituationen.

Nehmen wir eine typische Alltagssituation: Ein Kind spielt draussen und soll zum Abendessen hereinkommen. Es weigert sich und reagiert aggressiv auf den unerwünschten Übergang. Was jetzt?
Ein wichtiger Grundsatz ist «Connection before Direction»: zuerst Verbindung, dann Führung. Das Kind sollte sich in dem, was es gerade erlebt, gesehen fühlen. Ich sage gerne: zuerst die Kinderwelt, dann die Erwachsenenwelt. Man taucht kurz in die Welt des Kindes ein und erkennt an: Du spielst gerade und möchtest eigentlich nicht aufhören. Mir gefällt dafür der Ausdruck «zugewandt durchsetzen».

Was bedeutet konkret?
Ich brülle nicht aus der Distanz, sondern stelle Verbindung her und sage: «Ich verstehe, dass du weiterspielen möchtest. Wir müssen jetzt trotzdem rein.» Vielleicht muss ich das Kind an der Hand nehmen und hineinbegleiten. Wenn ein Kind schlägt, sage ich: «Ich lasse nicht zu, dass du mich haust. Deshalb halte ich jetzt deine Hände fest.»

Viele Eltern haben das Gefühl, dass ihre Kinder ständig Grenzen testen. Ist das tatsächlich so?
Kinder denken nicht: «Jetzt teste ich einmal, ob diese Grenze noch hält.» Sie tun zunächst einmal das, was sich gut anfühlt. Wenn ein Kind gerade ein Hörspiel hört, möchte es noch eines. Das kennen wir Erwachsenen auch: Wenn wir eine Netflix-Serie schauen, wollen wir ebenfalls weiterschauen. Unsere Vernunft bringt uns irgendwann ins Bett. Bei Kindern ist diese Fähigkeit noch nicht voll entwickelt. Deshalb müssen Eltern stellvertretend diese Vernunft übernehmen. Ihr Job ist es, Grenzen zu halten. Grenzen sind nicht nur Einschränkung. Sie geben auch Sicherheit und schaffen einen Raum, in dem sich Kinder frei bewegen können.

Wie entscheidend ist dabei unsere innere Haltung?
Die ist sehr wichtig. Es ist ja anstrengend, dass Kinder uns nicht danken dafür, dass wir für sie vernünftig sind. Kein Kind sagt: «Mama, danke, dass du jetzt das Licht ausgemacht hast, damit ich morgen ausgeschlafen bin.» Stattdessen protestiert es. Dann entstehen bei uns Gedanken wie: «Warum schon wieder? Mein Kind macht das mit Absicht.» Solche inneren Kommentare führen leicht in eine Negativspirale.

Kann man diese Gedanken verändern?
Ja, aber das braucht Übung. Viele unserer Gedanken laufen automatisch ab und hängen mit Glaubenssätzen aus unserer eigenen Kindheit zusammen. Man kann sie aber überschreiben. Dafür hilft die Frage: Wie möchte ich in solchen Momenten eigentlich handeln? Eine zugewandte Haltung muss man trainieren.

Eine andere Stresssituation: Morgens müssen drei Kinder aus dem Haus, zwei wollen sich weder anziehen noch frühstücken. Was hilft?
Viele erzählen, dass im Urlaub alles entspannter läuft. Ein Grund ist, dass man dort weniger Termine und Zeitdruck hat. Je nach Alter kann man Kindern kleine Aufgaben und Verantwortung geben oder etwas spielerisch gestalten. Mein Sohn liebt zum Beispiel Challenges. Ich sage: «Ich wette, du bist nicht schneller angezogen, als ich geduscht bin.» Dann ist er unglaublich stolz, wenn er gewinnt. Oft sind danach alle Kleider verkehrt herum – aber immerhin ist er angezogen.

Noch eine typische Situation: Ein Elternteil ist alleine mit den Kindern, kocht, gleichzeitig streiten die Geschwister und nehmen sich das Spielzeug weg. Was macht man?
Ich mag den Satz: Kinder sind nicht schwierig, sondern Kinder haben es gerade schwer. Hinter schwierigem Verhalten gibt es einen Grund. Wenn Kinder sich nicht gut fühlen, können sie sich häufig auch nicht gut verhalten. Eine Orientierung bietet die sogenannte HALT-Regel (Hungry, Angry, Lonely, Tired): Ist mein Kind hungrig, wütend, einsam oder müde? Die Kinder könnten schlicht hungrig sein. Sehr häufig fehlt aber auch Verbundenheit. Mein Grundsatz lautet deshalb: «Werde näher statt lauter.»

«Von Bestrafungen sollten wir wegkommen. Kinder sollen aus ihrem Verhalten lernen.»

Aber wie geht das, wenn man am Herd steht?
Natürlich ist das ein Dilemma, wenn ich gerade kochen muss. Aber manchmal ist der beste Weg tatsächlich, die Tomatensauce kurz vom Herd zu nehmen, zu den Kindern zu gehen und den Konflikt aus der Nähe zu begleiten, statt aus der Küche «Stopp!» zu rufen.

Was ist, wenn Regeln trotzdem nicht eingehalten werden? Sanktionen sind verpönt.
Von Bestrafungen sollten wir wegkommen. Kinder sollen aus ihrem Verhalten lernen. Das tun sie weniger dadurch, dass sie eine Regel hören, sondern indem sie erleben, dass eine Grenze existiert. Dabei unterscheide ich zwischen natürlichen und logischen Konsequenzen. Eine natürliche Konsequenz entsteht von selbst. Wenn ein Kind seine Jacke nicht anziehen möchte und draussen friert, ist die Kälte die natürliche Konsequenz. Dann braucht es keine zusätzliche Strafe. Natürlich geben wir ihm die Jacke, wenn es friert.

Was, wenn es keine natürliche Konsequenz gibt?
Wo es keine natürliche Konsequenz gibt, kann eine logische helfen. Wenn ein Kind beispielsweise eine Wand anmalt, obwohl es das nicht darf, kann die Konsequenz sein, dass wir die Wand gemeinsam wieder sauber machen. Die Konsequenz hängt direkt mit dem Verhalten zusammen. Wenn mir keine sinnvolle Konsequenz einfällt, ist Präsenz oft die beste Möglichkeit: Ich gehe näher hin und begleite mein Kind.

Aber in welcher Tonalität?
Autorität an sich ist nichts Schlechtes. Ein autoritärer Erziehungsstil ist problematisch, aber mit Präsenz und Zugewandtheit nah am Kind zu bleiben, ist etwas anderes. Ich bleibe bei meinem Kind, bis es sich beruhigt hat oder bis wir gemeinsam die angemalte Wand gereinigt haben. Man muss die Konsequenz nicht sofort aussprechen, sondern kann später darauf zurückkommen, wenn man sich in Ruhe etwas Passendes überlegt hat.

«Kinder haben ein starkes Bedürfnis nach Autonomie und möchten mitentscheiden.»

Manchmal funktionieren aber gerade Wenn-dann-Sätze sehr gut: «Wenn du jetzt nicht Zähne putzt, gibt es keine Geschichte.» Ist das falsch?
Da steckt der Teufel im Detail. «Wenn du nicht Zähne putzt, gibt es kein Buch» klingt nach Bestrafung, weil das eine mit dem anderen zunächst nichts zu tun hat. Anders ist es, wenn ich sage: «Wenn wir jetzt lange fürs Zähneputzen brauchen, haben wir danach nur noch Zeit für eine Geschichte.» Dann besteht ein logischer Zusammenhang. Oder positiv formuliert: «Wenn wir schnell fertig sind, haben wir vielleicht noch Zeit für ein zweites Buch.» Wenn-dann-Sätze sind nicht grundsätzlich schlecht. Entscheidend sind Zusammenhang, Formulierung und Tonfall. Kinder zu motivieren, indem man ihnen etwas Schönes in Aussicht stellt, kann durchaus sinnvoll sein.

Sollte man Regeln gemeinsam mit den Kindern vereinbaren?
Absolut. Kinder einzubeziehen ist der Königsweg. Nicht von oben herab, sondern gemeinsam überlegen: Wie können wir das machen? Kinder haben ein starkes Bedürfnis nach Autonomie und möchten mitentscheiden. Natürlich treffen die Eltern am Ende viele Entscheidungen, aber sie können die Kinder mit ins Boot holen.

Und was passiert, wenn Eltern eine Grenze setzen und dann doch nachgeben? Etwa wenn nach der letzten Gutenachtgeschichte doch noch eine weitere folgt?
Bevor wir eine Grenze setzen, sollten wir überlegen, ob wir sie wirklich halten wollen. Manchmal sind weiche Grenzen sinnvoll. Und Ausnahmen gehören zum Familienleben dazu. Wenn das Kind versteht, dass es sich um eine Ausnahme handelt, muss man nicht übermässig streng sein. Deshalb finde ich Sätze wie «Lass mich kurz darüber nachdenken» sehr hilfreich. Eltern müssen nicht sofort Ja oder Nein sagen. Gerade wenn wir emotional sind, sprechen wir schnell Konsequenzen aus, die eigentlich Bestrafungen sind. Problematisch wird es, wenn eine klar gesetzte Grenze jedes Mal durch langes Verhandeln verschoben wird. Dann erlebt das Kind tatsächlich: Wenn ich nur hartnäckig genug bin, bekomme ich am Ende doch, was ich will. (schweizheute.ch)

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Kinder in Kriegsregionen
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Kinder in Kriegsregionen
Kinder in einer Flüchtlingsunterkunft im Libanon.
quelle: © unicef libanon/2015/haidar
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Zu Besuch im zweiten Kinderhospiz der Schweiz
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