Schweiz
Digital

Gefährliche Online-Netzwerke: Das können Eltern tun

Young woman covering her face with hands while sitting with laptop computer at home at night
Taten sadistischer Online-Gruppen beschäftigen mehrere Gerichte in der Schweiz. Bild: Moment RF
Interview

«Es ist eine Zumutung, was Eltern machen müssen, um ihr Kind zu schützen»

In sadistischen Online-Netzwerken treiben Täter jugendliche Opfer bis in den Suizid – auch in der Schweiz. Welche Warnzeichen Eltern und Bezugspersonen erkennen und was sie besser lassen sollten.
23.09.2026, 19:2423.09.2026, 19:39

Recherchen von SRF und des Tagesanzeigers zeigen, dass in mehreren Kantonen Verfahren wegen digitaler Gewaltnetzwerke laufen oder gelaufen sind: Haben auch Sie Meldungen dazu erhalten?
Regula Bernhard Hug: Bei unserer Beratungs- und Meldestelle sind mehrere Fälle eingegangen, bei denen wir den Verdacht hatten, dass ein Gewaltnetzwerk im Spiel ist. In einem Fall ging es etwa darum, dass jemand eine Person verprügeln und dies filmen sollte. Wenn wir den Eindruck haben, dass Druck ausgeübt wird und eine Gruppierung dahintersteht, übergeben wir die Fälle an die Polizei.

Regula Bernhard Hug, Direktorin Kinderschutz Schweiz
Regula Bernhard Hug ist Direktorin von Kinderschutz Schweiz. Bild: Sabine Haehlen

Die Schweiz ermittelt in 20 Fällen. Wie sehen diese aus?
Täter wählen sich häufig Kinder aus, die möglichst isoliert und vulnerabel sind. Häufig beginnt es so, dass sich die Tatperson als Freund ausgibt, als einzige Person, die dem Kind in dieser Situation helfen kann. Dann bringt sie das Kind oder die Jugendliche – in der Schweiz waren es nur Mädchen, im Ausland waren auch Jungen betroffen – dazu, kompromittierendes oder intimes Material zu teilen, womit sie dann erpresst wird.

«Die Täter suchen gezielt nach Kindern, die sich im digitalen Raum verletzlich geäussert haben.»

Sind das extreme Einzelfälle oder sind solche Gewaltnetzwerke eine allgegenwärtige Gefahr für Kinder und Jugendliche im digitalen Raum?
Es ist klar Zweiteres. Doch es betrifft nicht alle gleich. Die Täter suchen gezielt nach Kindern, die sich im digitalen Raum verletzlich geäussert haben – die etwa ihre Essstörung oder Suizidgedanken online mit anderen teilen. Solche Hilferufe erreichen in diesen Fällen jedoch nicht ein geschütztes, enges Freundesnetzwerk, sondern machen die Kinder zur Zielscheibe. Das betrifft besonders Kinder, deren Eltern ihre Kinder nicht digital begleiten oder nicht darauf achten, dass Schutzeinstellungen genutzt werden.

Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
«Eine funktionierende Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist ein Schutz.»

Ein Kind, das in einem behüteten Elternhaus aufwächst und das eng begleitet wird, ist also nicht gefährdet, Opfer eines solchen Netzwerks zu werden?
Dieser Umkehrschluss ist gefährlich. Es gibt auch Jugendliche, die weitere Accounts haben, von denen die Eltern nichts wissen. Sicher ist aber, dass ein Kind, das liebevoll aufgezogen wird und das eine gute Beziehung zu den Eltern hat, sich in einer schwierigen Situation eher an diese wendet. Eine funktionierende Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Kindern und Freunden ist ein Schutz vor solcher digitaler Gewalt.

In einem Fall trieb ein Täter aus dem Ausland ein Opfer in der Schweiz in den Suizid. Was sind Warnzeichen, die Eltern erkennen sollten?
Selbstverletzung kann ein Zeichen sein. Zwar bedeutet sie nicht automatisch, dass das Kind von einem Netzwerk kontaktiert wurde. Aber es zeigt, dass etwas nicht stimmt. Ein weiteres Zeichen kann sein, wenn das Kind anderen oder Haustieren Schmerzen zufügt. Oder Verhaltensänderungen, etwa wenn das Kind plötzlich die Plattform wechselt oder sich zurückzieht.

«Wichtig ist, keine Schuldzuweisungen zu machen.»

Wie sollten Eltern vorgehen, wenn sie den Verdacht haben, ihr Kind könnte selbst Opfer eines solchen Netzwerks sein?
Wenn das Kind sein Verhalten auffällig verändert, sollten Eltern unbedingt mit dem Kind sprechen und nachfragen, was es gerade erlebt. Wichtig ist, keine Schuldzuweisungen zu machen. Wenn sich das Kind nicht gut aufgehoben fühlt, zieht es sich noch stärker zurück. Wenn der Verdacht bereits konkreter ist, sollten die Eltern rasch Beratung suchen und damit nicht alleine bleiben. Sie können sich auch direkt an die Polizei wenden.

Melde- und Beratungsstellen bei digitaler Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
clickandstop.ch ist eine Online-Meldestelle gegen digitale, sexualisierte Gewalt von Kinderschutz Schweiz und der Guido Fluri Stiftung. Über die Webseite können pädokriminelle Inhalte gemeldet werden.

clickandstop.ch bietet ausserdem ein unkompliziertes Beratungsangebot für Fragen zu pädokriminellen Inhalten und digitaler sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige an. Die Beratung ist kostenlos und anonym und richtet sich an betroffene Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern und Erziehungsberechtigte, Lehrkräfte und andere Fachpersonen.

Weitere Beratungsangebote: Pro Juventute bietet rund um die Uhr eine Elternberatung an, Jugendliche können sich rund um die Uhr beim Sorgentelefon von Pro Juventute unter der Nummer 147 melden, auch die Opferhilfe bietet kostenlose und anonyme Beratungen an.

Wie können Eltern ihre Kinder sonst noch schützen?
Bei jüngeren Kindern, die ein Social-Media-Profil haben, können Eltern die Voreinstellungen so einrichten, dass Fremde gar nicht erst Kontakt aufnehmen können, indem sie etwa Nachrichten nur für Kontakte erlauben. Eltern können auch mit ihrem Kind abmachen, dass sie neue Kontakte nur gemeinsam annehmen.

«Häufig vermischen sich Opfer- und Täterrollen.»

Nicht nur Opfer, auch mutmassliche Täter kommen aus der Schweiz. Was sollten Eltern tun, wenn sie denken, dass das eigene Kind andere im Internet erpresst oder erniedrigt oder sich solche Inhalte anschaut?
Häufig vermischen sich Opfer- und Täterrollen. In diesen Netzwerken kommen einige als Opfer rein und werden dann dazu manipuliert, anderen, etwa Geschwistern, Haustieren oder Fremden, etwas anzutun und sich dabei zu filmen. Es geht letztlich um die Faszination von Gewalt und um Macht. Auch wenn es simpel klingt: Das beste Mittel dagegen ist Empathie. Eltern können ihrem Kind beibringen, was Empathie ist, indem sie sich dem Kind auch empathisch zeigen.

Was hält Jugendliche davon ab, Hilfe zu suchen?
Scham und Angst. Gerade, wenn sie sich selbst oder andere verletzt haben.

Was können Eltern präventiv tun, damit ihre Kinder nicht in diese Netzwerke geraten?
Sobald man seinem Kind ein Handy mit Internetzugang in die Hand drückt, muss man mit ihm auch über die Abgründe des Internets sprechen. Die einfachste Massnahme ist, mit dem Kind in Beziehung zu bleiben und ein echtes Interesse daran zu zeigen, wo und wie es sich online bewegt. Das braucht aber wahnsinnig viel Zeit und Engagement der Eltern.

«Es ist eine Zumutung, was Eltern heute alles machen müssen, damit sie ihr Kind schützen können.»

Ist das überhaupt realistisch?
Es ist eine Zumutung, was Eltern heute alles machen müssen, damit sie ihr Kind schützen können. Und selbst dann, ist ein Kind im Netz nie komplett sicher. Wir verlangen darum «Safety by Design» bei allen Plattformen, Messenger-Diensten und Games. Wenn diese auf die Nutzung von Minderjährigen ausgerichtet sind, müssen sie Sicherheit, Schutz und Privatsphäre von Anfang an mitentwickeln.

Wenn Eltern aus Angst ein Bildschirmverbot erlassen oder nun alles überwachen, was die Kinder im Netz machen: Halten Sie das für wirkungsvoll?
Wenn es nur darum geht, sie vor Gewaltnetzwerken zu schützen, ist ein Bildschirmverbot wohl das Effizienteste, was sie tun können. Denn wenn Kinder kein digitales Gerät haben, kann auch niemand Kontakt mit ihnen aufnehmen. Empfehlen würde ich es trotzdem nicht. Ab einem gewissen Alter ist die digitale Teilhabe sehr wichtig für Kinder und Jugendliche. Auch die totale Überwachung der Aktivitäten des Kindes im Netz macht das Kind nicht stark. Ein Kind braucht Freiräume, um sich gesund zu entwickeln.

Vielleicht wollen Kinder nicht mit den Eltern über diese Themen sprechen. Welche anderen Bezugspersonen sind in der Verantwortung, hinzuschauen?
Das können Lehrkräfte, Sporttrainer, ältere Geschwister oder der Opa sein. Es ist eigentlich egal, wer, aber jemand muss sich genügend kümmern.

Video der Kampagne «Gemeinsam gegen Cybersexualdelikte an Kindern und Jugendlichen», an der auch Kinderschutz Schweiz beteiligt war.Video: Vimeo/Kinderschutz Schweiz
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Erste nationale Kampagne gegen häusliche Gewalt
1 / 8
Erste nationale Kampagne gegen häusliche Gewalt

Der Bund lanciert im November 2025 erstmals eine nationale Kampagne gegen häusliche Gewalt.

quelle: edi
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wie fänden Jugendliche ein Social-Media-Verbot?
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Polizei warnt: Diese gefährliche Challenge zirkuliert im Kanton Schwyz
Die Kantonspolizei Schwyz meldet am Donnerstag, dass sich im Kanton derzeit sogenannte «Choking Challenges» häufen. Es handelt es sich eine Art Würgespiele unter Kindern und Jugendlichen. Dabei wird die Sauerstoffversorgung des Gehirns durch Würgen oder Druck auf den Hals beeinträchtigt.
Zur Story