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Schüler-Repo

«Altstette fickt dich!» ... nüme: Gentrifizierung in Echtzeit

Von Arbeitern zu Yuppies. Das Zürcher Stadtviertel Altstetten, einst bekannt für kulturelle Vielfalt und ihrer Arbeiterschicht, wird von Jahr zu Jahr teurer und homogener. Eine Reportage.

Miguel Seabra



Schüler-Repo: Zum Hintergrund des Artikels
Dieser Artikel ist das Resultat einer Zusammenarbeit von watson und der Berufsmaturitätsschule Zürich. Zwei Erwachsenenklassen mit der Ausrichtung «Gestaltung und Kunst» haben unter der Aufsicht ihres Deutschlehrers Seluan Ajina selbstständig Artikel verfasst. Entstanden sind insgesamt 32 Reportagen, von denen vier auf watson.ch publiziert werden.
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- «Altstette fickt dich!» ... nüme: Gentrifizierung in Echtzeit
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Es ist ein kalter Donnerstagnachmittag, der graue Wolkenschleier über der Stadt kombiniert mit der Novemberluft macht es mir definitiv nicht leichter, die Wohnung zu verlassen. Ich bin mit einem alten Freund, der schon sein ganzes Leben in Altstetten wohnt, zu einem Rendezvous verabredet.

Auf dem Weg zu ihm fallen mir all die neuen Geschäfte auf, die es früher nicht gab, es wird überall gebaut. Der Bahnhof ist komplett im Umbau, die Schulen haben neue Spielplätze und alte Wohnblöcke werden durch neue ersetzt. Altstetten geht es gut, die Wirtschaft floriert und der Wohlstand ist deutlich spürbar geworden.

«Ich hatte einfach ein Riesen-Glück»

Ich betrete die Wohnung meines Freundes und sofort werde ich von seinem Hund Gucci laut und herzlich in Empfang genommen. Es riecht nach gebratenen Zwiebeln mit einer leichten Note Cannabis. Mario ist im Begriff, Spaghetti aufzutischen: «Möchtest du auch etwas essen?».

Ich lehne das Angebot freundlich ab und mache es mir am Tisch gemütlich. Die heimische Stimmung lässt mich fast vergessen, dass ich mich im besetzten Kochareal befinde.

Mario ist vor etwa drei Jahren in das Areal eingezogen. Auf meine Frage, wieso er in das Kochareal einzog, antwortet er mir mit: «Ich wollte endlich von zuhause ausziehen, aber als Student mit wenig Kapital war und ist es fast unmöglich, in Zürich eine bezahlbare Wohnung zu finden».

Tatsächlich sind schon nur die Preise für Altbauwohnungen, laut Umfrage in verschiedenen Altbauten rund um Altstetten, im Durchschnitt um 22 Prozent gestiegen und auch als Student kommt es nicht selten vor, dass sich die Wartezeit beim Jugendwohnnetz (Juwo) über ein Jahr hinaus zögert.

Marios Freundin hat damals schon im Koch-Areal gewohnt, als sie sich kennenlernten. «Ich würde heute noch zuhause wohnen, hätte ich meine Freundin damals nicht kennengelernt. Ich hatte einfach ein Riesen-Glück.»

Er schöpft sich nochmals ein Teller Spaghetti, während ich den Hund mit Streicheleinheiten vom frisch zubereiteten Essen ablenke. «Was mich richtig aufregt, ist, dass nichts unternommen wird. Man reisst einen Block mit acht Wohnungen ab und baut einen neuen Block mit acht Wohnungen für den doppelten Mietpreis wieder auf!».

«Man denkt null an die Zukunft und tragischerweise noch weniger an die Arbeiterklasse.» In diesem Moment betritt Marios Freundin den Raum, es scheint das Stichwort zu sein, um mich wieder auf den Weg zu machen. Ich bedanke mich bei Mario für das Gespräch, verabschiede mich und werde von Gucci bis zur Türe eskortiert.

Cranes at the construction site of the Freilager area, pictured in Zurich, Switzerland, on February 26, 2014. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Stadtteil im stetigen Umbruch. Hier Kranen beim Bau des Zollfreilagers 2014. Bild: KEYSTONE

«In Zürich könnte ich mir das nie leisten»

Viele Leute mussten wegen den hohen Mietpreisen wegziehen. Einer davon ist Achmed. Er ist noch im WK und kann mit mir nur über Videochat sprechen. Es klingelt etwa 15 Sekunden ... «Hallo?», Ein bärtiger, verpixelter Mann mit schwarzer Mütze taucht auf meinem Smartphone auf.

Achmed wohnt momentan in einer 4er WG in Walenstadt und zahlt 650.- im Monat für seine 5,5 Zimmerwohnung. «In Zürich könnte ich mir das nie leisten.» Er zündet sich eine Zigarette an. «Leider mussten ich und meine Familie ausziehen, als ich meine Lehre als Elektroinstallateur anfing, da wir in einer subventionierten Wohnung in Grünau wohnten.»

Er erklärt mir, wie mit seinem damaligen Lehrlingslohn das Einkommen der Familie das maximale Einkommen für die Wohungen überstieg und sie somit gezwungen war, auszuziehen. «Das Ding war nun, dass ich in St.Gallen wohnte, aber mein Geschäft den Sitz in Altstetten hatte. Also musste ich täglich etwa 3 Stunden pendeln und das in einer Branche, in der der Tag früh beginnt und spät aufhört.»

Die Verbindung wird hier für einen Moment unterbrochen. «Hallo?» Achmed erscheint wieder auf dem Bildschirm, jetzt allerdings nur noch als unerkennbare Pixelmasse. «Also wo waren wir?... Ah genau! Und weisst du, was das Schlimmste ist? Diese verdammten Yuppie-Arschgeigen, die sich diese Neubauten leisten, sind die meiste Zeit gar nicht hier!»

Als Elektroinstallateur hatte er viele Service Aufträge rund um Altstetten und hatte somit einen guten Einblick in die Wohnsituation. «Bei den Neubauten war es am extremsten. Ich interagierte mit mehreren Haushälterinnen von genannten Wohnungen, die mir sagten, dass ihr Chef entweder auf Geschäftsreise oder in den Ferien sei.»

Besetztes Labitzke-Areal in Zuerich am Donnerstag, 31. Juli 2014. Das Labitzke-Areal ruestet sich für den letzten Kampf. Mehrmals konnten die Besetzer und Mieter der frueheren Industriebauten in Altstetten den Auszugstermin verschieben. Am 1. August werden alle Fristen abgelaufen sein. Auf Internetseiten und in Rundmails kuenden die Besetzer Widerstand gegen die bevorstehende Raeumung an. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Nicht alle freuen sich über die Veränderungen. Hier eine Nachricht vor dem ehemals besetzten Labitzke-Areal, ebenfalls 2014. Bild: KEYSTONE

Eine kurze Recherche zeigt, dass solche Wohnungen dann oft von den abwesenden Vermietern auf Airbnb mithilfe der Haushälterinnen untervermietet werden. Zudem kommt noch hinzu, dass möblierte Wohnungen laut Gesetz mit einem bis zu 20-prozentigen Aufschlag auf Airbnb untervermietet werden dürfen, was wiederum den Preis für Einwohner in die Höhe treibt.

«Gentrifizierung sei Dank»

In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden und die Kälte wird langsam in den Gelenken spürbar. Ein Hungergefühl schleicht sich mir auf. Gentrifizierung sei Dank gibt es nun mehr Auswahl denn je.

Ich erinnere mich, wie mir mal ein Freund von einem guten mexikanischen Restaurant am Lindenplatz erzählte und während ich mich auf den Weg zum Restaurant mache, beschliesse ich, online die Speisekarte anzuschauen.

Ich staune nicht schlecht, als ich den Preis für einen Burrito sehe. 20.- ohne Getränk, ohne Nachos und Guacamole kostet natürlich extra. Kurzerhand entscheide ich mich für eine selbst gemachte Pizza, dessen Zutaten im Aldi für sieben Franken zu haben sind und mir für zwei Tage reicht.

«Dafür fühlt sich die Gegend sicherer und sauberer an»

Es ist Freitag Abend und das letzte Pizzastück ist inzwischen kalt geworden, aber immer noch geniessbar. Es klingelt. Ich öffne die Tür und vor mir steht ein grosser Mann mittleren Alters mit weisslichem Bart und einem grünen Overall.

The Westlink buildings at Altstetten train station in Zurich, Switzerland, pictured on January 5, 2018. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Altstetten in neuem Glanz? Bild: KEYSTONE

Wir setzen uns an den Küchentisch und ich biete ihm ein Bier an, welches er dankend annimmt «Cheers!» Wir stossen zusammen an, während sich der Ölgeruch im Raum schleichend verbreitet. «Endlich Wochenende!»

Claudio hat sich vor ein paar Jahren selbstständig gemacht und besitzt in der Nähe vom Albisriederplatz eine kleine Autowerkstatt, die er als Einmannbetrieb leitet. «Die Menschen sind definitiv nicht mehr die gleichen, früher gab es noch eher ein Gemeinschaftsgefühl im Vergleich zu heute.» Er nimmt einen grossen Schluck vom Bier, während ich probiere das Fenster unauffällig zu öffnen.

«Dafür fühlt sich die Gegend sicherer und sauberer an. Ich könnte heute meine Tochter unbekümmert spielen lassen, ohne Angst zu haben, dass sie sich an einer Spritze am Spielplatz verletzt.» Ich erinnere mich, wie wir als Kinder früher nicht selten Spritzen auf Spielplätzen und Wiesen fanden.

Es kam oft genug vor, sodass wir damaligen Kinder regelmäßig von Lehrern und Hortleitern gewarnt wurden. «Rein vom Umsatz hat sich aber nicht viel verändert, was ich von den Ausgaben leider nicht sagen kann ...»

Moderne Probleme verlangen moderne Gesetze

«Gwaltstette» gibt es nicht mehr, Altstetten ist sicherer, attraktiver und die Lebensqualität ist gestiegen, davon profitieren aber hauptsächlich nur die Vermieter und die, die sich die teuren Preise leisten können. Die Arbeiter werden vertrieben und mit ihnen auch Gemeinschaft und Charakter.

Rein wirtschaftlich ist das eine gute Veränderung, was aber oft vergessen wird, ist, dass ein wirtschaftliches Wachstum nicht ohne ein Bevölkerungswachstum passieren kann und genau wie die alten Wohnblöcke müssen alte Bauvorschriften Platz für neue schaffen, damit Altstetten auch in Zukunft weiterhin, ohne an Persönlichkeit zu verlieren, florieren kann.

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