Tränen am Burgerstand, kollektive Euphorie: So war das Konzert der Toten Hosen
Die Frau weint. Zuerst ruhig. Dann schüttelt es sie. Ihr Partner nimmt sie in den Arm. Drückt sich fest an sie, hält ihren Kopf. Zwei Meter weiter hat ein Mann das T-Shirt ausgezogen und wischt sich damit die Tränen aus dem Gesicht. Die Toten Hosen spielen «Augen zu (Es regnet Blumen)». Es geht um Verlust. Es ist pathetisch bis ins Mark. Aber es wirkt: Die Leute in der Schlange für Hamburger und Bier weinen bei 32 Grad.
Direkt danach: «Steh auf, wenn du am Boden bist». Der Letzigrund eruptiert. Eben waren wir down, jetzt zusammen high. Die Schwermut von eben wird weggeschrien. Es ist jetzt Trotz. Wir wollen mehr. Wir können mehr. Die obere/untere/mittlere Mittelschicht im restlos ausverkauften Stadion ruft sich selbst Mut zu: «Steh auf, es wird weitergehen.»
Zusammengefunden haben die rund 50'000 Menschen wohl auch , weil nicht ganz klar ist, wie es weitergehen wird. Also mit den Toten Hosen. Sie haben angekündigt, dass das aktuelle Album ihr letztes Studioalbum sei. Die Tour ist als Abschiedstour gelabelt. «Trink aus! Wir müssen gehen.» Wohin der Weg führt? So ganz klar ist das nicht. Es ist sicher nicht verkehrt, sich vorsichtig von der Band aus Düsseldorf zu verabschieden.
Lieder, die Glückshormone ausschütten
Dabei wirken die eigentlich noch maximal vital. Die Männer, alle jenseits der 60, gehen hochpowerig in die Show und lassen den Fuss stets auf dem Gaspedal. In wenigen Minuten preschen sie durch zahlreiche Songs. Besonders schön: Sie behandeln ihre Lieder gleichwertig. Die Hits werden nicht (zumindest nicht immer) bis an die Schmerzgrenze ausgedehnt, sondern sind nach drei Minuten fertig. Weiter geht's!
Bei «Alles aus Liebe» küssen sich verliebte Paare zum eigentlich höchst fragwürdigen Refrain. «Komm, ich zeig' dir, wie gross meine Liebe ist. Und bringe mich für dich um.» Aber es ist wie bei den Tränen eingangs des Textes: Es ist oft gar nicht so wichtig, wie die Toten Hosen die Gefühle auslösen, viel wichtiger ist, dass sie sie auslösen. Viele der Hits sind klassische Emotionsmonster. Sie träbelen musikalisch an und eskalieren dann auf den Refrain. Aussenseiterballaden, die plötzlich Glückshormone hervorrufen.
Und am besten geht das im Kollektiv. Wenn das ganze Letzigrund singt: «Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hält», dann macht das auch mit Nicht-Fans etwas. Oder das zusammen in den Zürcher Himmel geschleuderte «Und immer wieder/ Sind es dieselben Lieder/ Die sich anfühlen / Als würde die Zeit stillstehen».
Es sind eben jene immer dieselben Lieder, die halt doch am besten zünden. Und die Toten Hosen sind eine grossartige Liveband. Sie kommen auf den Punkt. Widerstehen der Versuchung, irgendwelche komischen Versionen von den Hits zu spielen. Auch weil sie – sehr sichtbar – auch nach vielen Jahren immer noch Freude an denen haben. Und jetzt alle: «Hey, hier kommt Alex! Vorhang auf für seine Horrorshow.»
Sogar in der Loge werden Fähnli geschwungen
Natürlich: Hier ist es dann teilweise schon ziemlich breitbeiniger Breitspurrock. Aber es wirkt halt grundehrlich. Sie haben Spass. Wir haben Spass. Und Campino würzt den Abend oft genug mit einer sehr angebrachten Portion Gutmenschlichkeit.
«Ihr lebt hier in der Schweiz in paradiesischen Verhältnissen», sagt Campino. Die Leute klatschen und johlen. Dabei ist es nicht als Lob gemeint. Sondern als Mahnung. 100 Millionen Flüchtlinge wurden durch Krieg und Elend vertrieben. Und jetzt würden in vielen privilegierten Ländern die Rechtspopulisten nach der Macht greifen. «Wir sollen diesen Chaoten nicht den Raum geben. Es wird eine ganze Menge Leute geben, die sich dagegen wehren werden.» Auch Applaus. Aber leiser. Selbst in der Loge schwenkt jemand ein Toten-Hosen-Fähnli.
«Wie kann man in Würde alt werden? Und das betrifft uns alle. Es geht um Authentizität und Glaubwürdigkeit», sagte Campino gegenüber unserer Zeitung im Interview. Die Toten Hosen zeigen am Samstag, wie das geht. Das geht sogar dann, wenn sie alte Sauflieder wie «Zehn kleine Jägermeister» auspacken. Es gelingt auch deswegen, weil die Show nie zu gross wird. Es geht immer um die Musik. Um die Texte. Um die Emotionen. Nicht um die Videoeinspieler oder die Feuereffekte. Davon könnte sich manche Stadionshow von grossen Stars eine Scheibe abschneiden.
Und dann: «Tage wie diese». Dieser rumpelige I-Love-The-Moment-Punk-Schlager. Auch hier wieder: Kollektive Euphorie. Viele Umarmungen, einige Tränen. Viele Handykamers filmen nicht die Band, sondern das Publikum. Von Reihe 1 bis Hinterrang. Zusammen sind wir da. Zusammen geht es uns gut. Ein toller Tag.
Die Endlichkeit als Pluspunkt
«An Tagen wie diesen/ Wünscht man sich Unendlichkeit» singt Campino. Und viele hier im Letzigrund würden das unterschreiben. Hört nicht auf. Nicht jetzt. Oder besser vielleicht gar nie.
Vielleicht ist es genau diese Endlichkeit, die dieses Konzert so gut macht. Das Wissen, dass selbst die immer gleichen Lieder irgendwann zum letzten Mal gespielt werden. Dass der Moment zählt. Und dass man deshalb auch bei 32 Grad am Burgerstand plötzlich Tränen in den Augen hat.

