Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Der Angeklagte Georg R. versteckt sich mit mit Kapuze und Brille bekleidet vor Prozessbeginn, am Donnerstag, 22. April 2010, in einem Gerichtssaal des Landgerichts von Ansbach, Bayern. Die Staatsanwaltschaft wirft Georg R. versuchten Mord in 47 Faellen, gefaehrliche Koerperverletzung und versuchte besonders schwere Brandstiftung vor. Georg R. hatte im vergangenen Jahr im Gymnasium Carolinum in Ansbach einen Amoklauf begangen. (apn Photo/Christof Stache) --- The defendant Georg R. waits in a court room in the country court in Ansbach, southern Germany, for the begin of the trail on Thursday, April 22, 2010. Georg R. is accused of attempted murder during a gun rampage in the Gymnasium Carolinum in Ansbach. (apn Photo/Christof Stache)

Die Amokläufer aus Süddeutschland waren früher in psychiatrischer Behandlung. Bild: AP dapd

Basel steckt Leute gegen ihren Willen in die Psychiatrie – die Gefahr von Amokläufen bleibt

Öfter als gedacht kommt das Mittel der fürsorgerischen Unterbringung zum Einsatz. Trotzdem bieten die Massnahmen kaum Schutz vor Amokläufen.

MICHAEL NITTNAUS / basellandschaftliche zeitung



Seit dem Amoklauf von München und dem Selbstmordanschlag von Ansbach drängte sich ein Aspekt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Sowohl der Deutsch-Iraner David S., der in München neun Menschen tötete, als auch der Syrer Mohammad D., der in Ansbach eine Bombe zündete und dadurch 15 Menschen verletzte, waren früher in psychiatrischer Behandlung. Eine Frage, die sich nicht nur die Angehörigen der Opfer stellen, lautet darum: Weshalb blieb unerkannt, über welches Gewaltpotenzial diese Täter verfügen? Schliesslich wurden sie ja offenbar von professioneller Seite betreut.

«Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine fürsorgerische Unterbringung wegen religiöser Radikalisierungs- oder Amokgefahr ausgesprochen wurde.»

Simon Fuchs, stellvertretender Basler Kantonsarzt

In beiden Basel beschäftigen sich mehrere Stellen damit, frühzeitig zu erkennen, ob von einer Person eine Gefahr ausgeht – für sich selbst oder für Dritte. «Das gehört zu einem der wichtigsten Aspekte in der Tätigkeit als Amtsarzt», sagt Simon Fuchs. Der stellvertretende Basler Kantonsarzt ist Leiter der Abteilung Sozialmedizin. Diese ist ermächtigt, bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung eine fürsorgerische Unterbringung (FU) in eine geeignete Institution wie eine psychiatrische Klinik zu verfügen. Dies für maximal sechs Wochen. Danach liegt der Entscheid für die Verlängerung der Massnahme bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB).

Auch wenn es bei der Intensität der öffentlichen Debatte schwer vorstellbar erscheint: Laut Fuchs haben die jüngsten Attentate keine unmittelbaren Auswirkungen auf seinen Berufsalltag. «Es gehört zur täglichen Arbeit im Bereich der ärztlich angeordneten FU, dass auch Personen beurteilt und nötigenfalls gegen ihren Willen in eine Institution eingewiesen werden müssen, von denen eine potenzielle Fremdgefährdung ausgeht. Daher besteht diesbezüglich stets eine sehr hohe Aufmerksamkeit.»

400 Unterbringungen pro Jahr

Und das Mittel der FU kommt öfter zur Anwendung, als man denkt: In Basel-Stadt werden pro Jahr im Durchschnitt rund 400 ärztlich angeordnete fürsorgerische Unterbringungen verfügt. 2016 sind es bis jetzt 228, wie Fuchs gegenüber der BZ offenlegt. Dabei betont er, dass jeweils ungefähr vier Fünftel wegen Selbstgefährdung, also Suizidgefahr oder Verwahrlosung, nötig werden. Auch dieses Jahr hätte es zwar jeden Monat Fälle gegeben, bei denen Personen eingewiesen wurden, um Dritte zu schützen. Eine Häufung in jüngster Zeit, die auf eine erhöhte Sensibilisierung schliessen liesse, stellt Fuchs jedoch nicht fest. Unter Fremdgefährdung laufen meistens Drohungen, seltener auch Tätlichkeiten. «Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine fürsorgerische Unterbringung wegen religiöser Radikalisierungs- oder Amokgefahr ausgesprochen wurde», sagt Fuchs in Bezug auf die Taten von Ansbach respektive München.

«Bei einer paranoiden Schizophrenie ist der Betroffene anfälliger, durch Informationen jeglicher Art beeinflusst zu werden.»

Regine Kaiser, Amt für Beistandschaften und Erwachsenenschutz Basel-Stadt

Dies deckt sich mit Erfahrungen im Kanton Baselland: «Fürsorgerische Unterbringungen aufgrund einer religiösen Radikalisierung sind uns nicht bekannt», sagt Philipp Eich, Chefarzt des Zentrums für Krisenintervention der Psychiatrie Baselland (PBL). In der PBL seien seit Jahren jeweils rund 17 Prozent aller Klinikeintritte FU. «Im Kontext von Radikalisierungsverläufen ist die fürsorgerische Unterbringung leider nur in den wenigsten Fällen ein taugliches Mittel», sagt auch Markus Lüchinger, Leiter der Baselbieter Stabsstelle Bedrohungsmanagement.

Dies, weil die FU nur bei sehr akuter Selbstoder Fremdgefährdung eingesetzt werden könne. Lüchinger setzt deshalb eher auf ein umfassendes Früherkennungs- und Frühinterventionsnetzwerk, das in Baselland in den letzten zwei Jahren noch ausgebaut worden sei. Polizei, Jugendanwaltschaft, Staatsanwaltschaft, Jugenddienst der Polizei, Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie, die Schulen, die Interventionsstelle Häusliche Gewalt und seine Stabsstelle würden «schneller und konsequenter» zusammenarbeiten.

Bis 50 Prozent psychisch erkrankt

Eine psychische Erkrankung kann eine Radikalisierung dennoch begünstigen. «Etwa bei einer paranoiden Schizophrenie ist der Betroffene generell anfälliger, durch Informationen jeglicher Art beeinflusst zu werden», sagt Regine Kaiser. Die Leiterin des Basler Amts für Beistandschaften und Erwachsenenschutz (Abes) warnt aber davor, Attentate und Amokläufe mit psychischen Erkrankungen zu erklären. «Dadurch blenden wir viele andere Eigenschaften und Motive der Täter aus und verharmlosen, dass längst nicht alle in diese Schublade passen.»

Undine Lang, Direktorin der Erwachsenenpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), betont, dass «der Leidensweg eines psychisch kranken Menschen immer individuell ist und bis zu 50 Prozent der Menschen heute psychische Erkrankungen haben». Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Täter auch eine psychiatrische Erkrankung habe, sei also sehr hoch. Aber, so Lang: «Das heisst nicht automatisch, dass diese Erkrankung auch zu der Tat geführt hat.»

«Für uns sind gefährliche Klienten Alltag.»

Regine Kaiser, Amt für Beistandschaften und Erwachsenenschutz Basel-Stadt

Bei den UPK Basel achte man darauf, ob ihre Patienten auch Dritten gefährlich werden können. «In der Erwachsenenpsychiatrie wurde der Umgang mit aggressiven Patienten in den letzten Jahren allgemein professionalisiert und Schulungen für alle Mitarbeitenden angeboten», sagt UPK-Direktorin Lang. Zudem gebe es Orientierungshilfen, die den Behandlungsteams helfen würden, Aggressionen frühzeitig zu erkennen und diesen im Alltag vorzubeugen. In der ganzen Debatte, wie gefährlich Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden können, möchte Lang etwas betonen: «Nur zirka zwei Prozent unserer psychiatrischen Patienten reagieren vereinzelt aggressiv – meist verbal und im Rahmen von Beziehungskonflikten. Wir reden hier sicher nicht von einem relevanten Risiko für die Bevölkerung.»

Gewisses Risiko wird akzeptiert

Etwas anders klingt es bei Regine Kaiser vom Abes: «Für uns sind gefährliche Klienten Alltag. Wir hatten auch schon Fälle von Fremdgefährdung, wo wir Schlimmeres verhindern konnten, weil wir frühzeitig einschritten.» Zuletzt hätte vor einem Monat ein Patient massive Drohungen ausgesprochen, worauf er in eine Klinik eingewiesen werden musste. Um solche Extremsituationen zu verhindern, ist laut Kaiser ein Punkt entscheidend: das Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und seinem Beistand. Allerdings weiss auch die Gewaltspezialistin, dass es die totale Sicherheit nicht gibt – und das sei auch gut so: «Das Kindes- und Erwachsenenschutzrecht setzt bewusst auf mehr Selbstbestimmung als früher. Die Betroffenen sollen betreut werden, aber dennoch frei leben können. Dass damit auch ein Risiko verbunden ist, ist uns bewusst.»

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pasch 03.08.2016 10:47
    Highlight Highlight Was sollen die "Institutionen" den sonst machen? Patienten zu haben rechtfertig das eigene Bestehen und macht Gelder frei. Vom Testmarkt für die Pharmaindustrie ganz zu schweigen.
    • St. Just 03.08.2016 23:37
      Highlight Highlight Glaubst du wirklich, psychische Krankheiten sind eine Erfindung der Psychiatrien und der Pharmaindustrie?
    • Pasch 04.08.2016 00:34
      Highlight Highlight Nö keineswegs, aber die Zombies die vollgepumpt werden und dann Umherirren, die sind der Spinne ins Netz. Psychopharmaka sitzt locker, wenns drum geht Patienten, ehmm Kunden mein ich, zu binden.
  • Fumo 03.08.2016 08:08
    Highlight Highlight "Basel steckt Leute gegen ihren Willen in die Psychiatrie"

    Ist das nicht Landesweit so? Geschieht im Aargau auch.
    • St. Just 03.08.2016 23:35
      Highlight Highlight Unsere früheren "Korrektionsanstalten" sind in der Tat ein Schandfleck in der schweizer Geschichte.
      Allerdings kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen, dass heutzugage etwas "mühsam" sein auf keinen Fall für eine Fürsorgerische Unterbringung reicht. Fürsorgerisch untergebrachte Personen sind allermeistens schwer dement oder suizidgefährdet.

Interview

«Da ist ziviler Ungehorsam doch völlig legitim. Wie sollen die sich denn sonst wehren?»

Die zukünftige SP-Spitze erzählt im watson-Interview, was sie von der Besetzung des Bundesplatzes hält.

Bern hat turbulente Tage hinter sich. Wie ist die Stimmung im Bundeshaus?Mattea Meyer: Von unserer Seite her recht ruhig. Auf der rechten Ratsseite hat es einige, die haben offenbar das Gefühl, der Untergang der Schweizer Demokratie stehe kurz bevor.Cédric Wermuth: Uns erstaunt, wie schnell sich vermeintlich selbstsichere Multimillionäre hier empört haben.Meyer: Das ist eine künstliche Empörung. Das sind Nebelpetarden. Es geht darum, vom Inhalt abzulenken. Sie nehmen jetzt auch dankend …

Artikel lesen
Link zum Artikel