Schweiz
Bern

Boxerin Viviane O. aus Interlaken – Obergericht prüft Mord-Urteil

Viviane O.
Vivian O. hatte 2018 den Championtitel des weltgrössten Boxverbandes erobert, der World Boxing Association (WBA).bild: zvg

Berner Gericht prüft Mord-Urteil gegen Boxerin Viviane O. – diese bricht zusammen

Die ehemalige Profiboxerin Viviane O., die seit Montag wegen Mordes vor dem bernischen Obergericht steht, ist während ihrer Befragung zusammengebrochen. Die Verhandlung wurde unterbrochen.
19.02.2024, 05:0219.02.2024, 11:05

Die zierliche, aber impulsive Viviane O. sass am Montag kerzengerade vor dem dreiköpfigen Gericht. Nachdem längere Zeit Vorfragen geklärt werden mussten, startete die Befragung der Angeklagten.

Das erstinstanzliche Regionalgericht in Thun hatte Viviane O. im Dezember 2022 nach einem Indizienprozess wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 16 Jahren verurteilt. Sie soll ihren Gatten, einen Interlakner Wirt, im Oktober 2020 umgebracht haben.

Am Montag redete sich O. bisweilen in Rage, dann weinte sie wieder. Mit Vehemenz betonte sie ihre Unschuld. Das Gericht stellte konkrete Fragen zum Geschehen kurz vor und nach der Tat. Als das Gericht die Frau mit gewissen Widersprüchen konfrontierte, verlor sie die Fassung und musste von den sie begleitenden Polizisten betreut werden.

Dafür wurde O. verurteilt

Laut Anklageschrift war es während Ferien des Paars zum Streit gekommen. Danach habe der Mann seine Frau weitgehend ignoriert. Am Tatabend soll sie zur Wohnung ihres Mannes gefahren sein. Als dieser nach Hause kam, soll ihn die Kampfsportlerin mit einem Baseballschläger angegriffen haben.

Das Opfer erlitt massive Schädelverletzungen. Der 61-jährige Mann müsse unglaubliche Schmerzen und einen langen Todeskampf ausgestanden haben, folgerte die Anklage aus dem Spurenbild in der Wohnung.

Das fünfköpfige Gericht kam zum Schluss, es gebe keine Zweifel an der Schuld der Frau. Zwölf Indizien fügten sich zu einem stimmigen Mosaik zusammen. Nebst der Freiheitsstrafe sprach das Gericht einen Landesverweis von zwölf Jahren gegen die Brasilianerin aus.

Viviane O. betonte immer wieder, mit ihr sei die falsche Person vor Gericht gestanden.

«Jemand hat meinen Mann umgebracht und ich stehe nun vor Gericht. Warum? Weil ich Brasilianerin bin, weil ich Boxerin bin, weil mein Mann 27 Jahre älter ist als ich?»

Neue Beweise?

Gegenüber «Blick» sagte Viviane O. im Januar dieses Jahres: «Wir haben neue Fakten.» Ihr Anwalt bestätigte nun gegenüber der Zeitung die Aussagen seiner Klientin: Sie hätten Beweisanträge gestellt, die vom Gericht «zumindest teilweise gutgeheissen wurden».

Vor dem Prozess wolle er allerdings noch nicht sagen, worum es sich bei diesen Beweisen genau handelt. Der Anwalt sagte ausserdem: «Frau O. bestreitet die Tat seit dem ersten Tag vehement, entsprechend werden wir einen Freispruch verlangen.» Gemäss ihm plane man einen Weiterzug ans Bundesgericht, sollte es nicht zum verlangten Freispruch kommen. Der Anwalt meint:

«Da es sich um einen Indizienprozess handelt, ist es nicht ausgeschlossen, dass die zweite Instanz die Indizien anders würdigt und folglich zu einem anderen Schluss kommt als noch das erstinstanzliche Gericht»

Die Beschuldigte hatte 2018 den Championtitel des weltgrössten Boxverbandes erobert, der World Boxing Association (WBA). Sie betrieb in Interlaken einen Boxkeller. Das Berner Obergericht will sein Urteil am kommenden Freitag (23. Februar) verkünden. (lak/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Die Dekadenz beim Swissair-Grounding war enorm – weshalb das Thema höchst aktuell ist
Vor 25 Jahren blieb die Swissair am Boden. Eitelkeiten beförderten das Debakel. Politik und Wirtschaft müssten heute wieder enger zusammenrücken. Nur: Animositäten lassen aufhorchen.
Diese Dreistigkeiten, diese Bösartigkeiten, diese Eitelkeiten: Schaut man sich den Krimi «Grounding – die letzten Tage der Swissair» an, stockt der Atem. UBS-Chef Marcel Ospel wird als kaltschnäuziger Zocker dargestellt; Crossair-Gründer Moritz Suter denkt nur an sein Vermächtnis; Manager André Dosé wirkt wie ein trojanisches Pferd Suters; Lukas Mühlemann von der Credit Suisse steht im Dauerwettbewerb gegen Ospel; und der Rechtschef der UBS wird als Bösewicht gezeigt.
Zur Story