Rémy Wyssmann will in den Bundesrat – watson hat getestet, wie es um sein Englisch steht
Ein Staatskritiker will das Vertrauen in den Staat wiederherstellen
Rémy Wyssmann begründet seine Kandidatur damit, dass er das Vertrauen in den Staat und die Institutionen «wiederherstellen» wolle. «In den letzten 30 Jahren wurden unsere Institutionen viel zu häufig von Geschäftemachern, Ideologen oder Gescheiterten aus der Privatwirtschaft missbraucht», sagte der Anwalt, der auf nationaler Ebene bisher wenig bekannt war.
Bei der Verkündigung der Kandidatur machte Wyssmann klar, dass auch sein eigenes Vertrauen in staatliche Institutionen nicht unbegrenzt ist. So bezeichnet er sich als «regierungskritischen Rechtsanwalt».
In der Vergangenheit hat der 59-Jährige mehrfach Entscheide der Solothurner Behörden rechtlich bekämpft. Er war zudem entscheidend daran beteiligt, dass der Bund die Covid-Impfstoffbeträge offenlegen musste. Mehrmals forderte er eine Aufarbeitung der Massnahmen während der Pandemie.
Ein Staatskritiker, der Vertrauen in die Institutionen schaffen will: Das passt aus Sicht von Wyssmann zusammen. Gegenüber watson sagt der Solothurner: «Vertrauen kann man nur gewinnen, indem die Dinge aufgedeckt werden, die falsch laufen. Dazu sind ja auch die Medien da.»
Romandie hier, linke Anliegen da: Solothurner betont verschiedene Seiten
Nach der Begrüssung der Medienschaffenden wechselt Rémy Wyssmann schnell einmal auf Französisch. Ihm sei bewusst, dass der Sitz von Guy Parmelin aktuell der Romandie gehöre. Er wolle sich darum bemühen, als Bundesrat mehr als nur «Bonjour» sagen zu können. Vor verschiedenen Mikrofonen betont er an diesem Vormittag auch, dass das solothurnische Grenchen – auf Französisch Granges – direkt an die Westschweiz grenzt.
Die implizite Botschaft: Der Kanton Solothurn kann die Westschweiz im Bundesrat repräsentieren, zumindest ein bisschen. Im 1:1-Gespräch mit watson ist die Aussage dann deutlicher. Er fände es wichtig, dass die Romandie in der Regierung angemessen vertreten sei, sagt Wyssmann. Und:
Ebenfalls fällt auf, dass Wyssmann auch auf typisch linke Anliegen zu sprechen kam. So erwähnte er nicht nur Migration und bilaterale Verträge mit der EU, sondern auch die Prämien und hohen Mieten, die er als Folgen eines «Missbrauchs» der staatlichen Institutionen sieht.
Dazu ist auch sein verstorbener Grossvater ein Thema, der Ständerat für die SP war. «Er war ein Sozialdemokrat der sich für die Menschen, die Bürger eingesetzt hat. Auch ich vertrete seine Werte», sagt Wyssmann.
Dies mache er in seinem Beruf als Fachanwalt für Haftpflicht- und Versicherungsrecht. Als solcher vertrete er nur geschädigte Personen und ausdrücklich keine Versicherungen. «Ich bin ein Lobbyist für die Bevölkerung und sonst nichts», sagt Wyssmann.
«I think my English is okay»: Wie qualifiziert ist Wyssmann?
Im Nationalrat politisiert Wyssmann seit 2023, wo er sich in der Kommission für Gesundheit und soziale Sicherheit einbringt und mit einer hohen Zahl an Vorstössen auffällt. Davor war er Kantonsrat und im Gemeinderat der 3000-Seelen-Gemeinde Kriegstetten für die Finanzen verantwortlich. Dazu leitete er die kantonale SVP. Als Kampagnenleiter habe er vier kantonale Abstimmungserfolge feiern können, darunter bei einem Bahnhofsprojekt und einer Steuervorlage, erklärte eine solothurnische SVP-Vertreterin.
Genügt dieser politische Leistungsausweis? Wyssmann antwortet nicht direkt und geht auf die Frage hin auf die Gründe für sein Engagement in der Politik ein. Man müsse die Anliegen der Leute in die Politik tragen und gerade in der Exekutive berücksichtigen, wie sich Gesetze in der Praxis auswirken.
Abgesehen von fachlichen Kompetenzen haben auch Englischkenntnisse für Bundesräte in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, weil sie immer häufiger selbst in Verhandlungen involviert sind. «I think my English is okay», sagt Wyssmann zu watson. Jeden Morgen informiere er sich in englischsprachigen Medien, fährt er in leicht holprigem, aber verständlichem Englisch fort. Und er schaue gerne Filme wie «Five Came Back» auf Englisch, um sprachlich dazuzulernen.
Keine klaren Worte zu Wahlchancen und Konkurrentin Amaudruz
Weniger deutlich ist Wyssmann, wenn es um seine Wahlchancen und um seine Konkurrentin Céline Amaudruz geht. Die Genferin ist bisher die einzige weitere Mitanwärterin für die Nachfolge von Bundespräsident Guy Parmelin und hatte vergangene Woche verkündet, dass sie sich für die Wahl zur Verfügung stelle.
Gefragt, was ihn von Amaudruz abhebe, sagt Wyssmann, dass möglichst viele Kandidaturen wichtig seien. «Sie hat ihr Profil und ich meines. Es liegt nicht an mir, diese Unterschiede zu beschreiben», sagt er.
Seine Wahlchancen könne er nicht einschätzen. «Wichtig ist, dass die Findungskommission jetzt die Besten für die Wahl empfiehlt und die SVP-Fraktion die Besten aufs Ticket setzt.»
