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Vaterschaftsurlaub: So viele Väter in der Schweiz beziehen ihn

Vaterschaftsentschädigung Schweiz 2021
Wie viele Väter profitieren wirklich von den zwei Wochen Vaterschaftsurlaub?Bild: Shutterstock

Nur gut die Hälfte nutzt den Vaterschaftsurlaub? So sieht es wirklich aus

Seit dem 1. Januar 2021 erhalten Väter in der Schweiz zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Doch wird dieser auch bezogen? Jetzt sind erste verlässliche Daten erschienen.
03.10.2022, 05:5704.10.2022, 14:03
Reto Fehr
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Im April dieses Jahres gab es diverse Meldungen, dass nur ein (zu) kleiner Teil der Väter ihren Vaterschaftsurlaub auch wirklich bezieht. Nun gab es wieder Meldungen, dass «nicht einmal die Hälfte aller Väter den Vaterschaftsurlaub einzogen». So schrieb das Magazin «Wir Eltern» in der September-Ausgabe: «Von rund 89'000 Kindern, die 2021 zur Welt kamen, haben nur 42'000 Väter den Vaterschaftsurlaub in Anspruch genommen.»

Doch stimmt das auch?

Beim Bundesamt für Sozialversicherungen BSV ist man anderer Meinung. Schon vor einigen Monaten relativierte Mediensprecherin Sabrina Gasser die Zahlen mit «sehr provisorisch» und verwies auf einen ersten aussagekräftigeren Bericht im August/September. Dieser ist jetzt da.

Ausgewertet wurde dabei das erste Quartal 2021. In dieser Zeit wurden von Schweizer Firmen rund 70 Prozent der Vaterschaftsgelder bezogen. Eine Quote, die als Mindestziel gedacht war.

Warum sind es «nur» so wenige?

Bürokratische Gründe

Zum Ersten ist es ein bürokratisches Problem. Der Vaterschaftsurlaub muss innerhalb eines halben Jahres ab der Geburt des Kindes bezogen werden. Zudem können zwischen der Geburt und Auszahlung der Gelder mehrere Monate vergehen.

Das BSV schreibt daher:

«Statistisch sinnvoll ist es, sich auf die Geburten von Januar bis März 2021 (erstes Quartal) zu beschränken und die Daten der Auszahlungen bis Ende Mai 2022 zu berücksichtigen: So ist der zeitliche Abstand zwischen Geburt und Auszahlung aus heutiger Sicht genügend gross, um erste zuverlässige Aussagen machen zu können.»

Dann blicken wir doch auf diese Zahlen:

  • Geburten im ersten Quartal 2021: 21'516 (Mehrlingsgeburten wurden nur einmal gezählt)
  • Bezahlte Entschädigungen bis Ende Mai 2022: für 69 Prozent der Geburten

Auffallend ist dabei: Bis Juni 2021 wurden nur bei 36 Prozent der Geburten im ersten Quartal 2021 Entschädigungen bezahlt. Das BSV geht davon aus, dass sich der Wert 15 Monate nach der Geburt bei rund 70 Prozent einpendeln wird.

Unwissenheit

Unwissenheit kann ein Grund für die tiefe Quote im ersten Quartal 2021 sein. Es dauerte auch bei anderen Sozialleistungen einige Zeit, bis sie sich etablierten. Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaft-Dachverbandes Travailsuisse, sprach im Frühling mit dem BSV, ob es eine breit ausgelegte Informationskampagne benötigte. Man kam vom Vorhaben ab. Die Information laufe beispielsweise bei Mütter-/Väterberatungen gut. «Gesamtgesellschaftlich muss der Vaterschaftsurlaub allerdings noch mehr ein Thema und so ‹normal› werden», sagt Wüthrich gegenüber watson, der sich im Abstimmungskampf 2020 sehr für den Vaterschaftsurlaub eingesetzt hatte.

Druck der Arbeitgeber

Ebenfalls mitspielen dürfte, dass einige Männer unfreiwillig auf ihren Anspruch verzichten. Die Angst vor der Kündigung oder vor Mobbing schwingt teilweise mit. Beim Dachverband der Arbeitnehmenden, Travailsuisse, meldeten sich 2021 rund 80 Männer, die Druck spürten, trotz Baby arbeiten zu gehen.

Andere müssen sich Aussagen anhören wie: «Vaterschaftsurlaub gibt es dann bei uns nicht.» Wüthrich sieht da eine Verbesserung im aktuellen Jahr: «Es melden sich weniger Väter mit solchen Problemen als noch im letzten Jahr. Aber es gibt sie noch. Das Problem ist aber nicht so verbreitet, wie es in den ersten Monaten den Anschein machte», erklärt der Travailsuisse-Präsident. Wer solche Probleme hat, soll sich melden. Die Gewerkschaft bietet in solchen Fällen Unterstützung an.

Freiwilliger Verzicht

Einige Väter berichteten auch, dass sie sich zwar nach dem Anspruch erkundigten, aber der Arbeitgeber sich so kritisch dagegen äusserte, dass sie von sich aus verzichtet hätten.

Und dann gibt es wohl noch diejenigen, welche freiwillig auf ihr Recht verzichten. Gemäss einer Nachwahlbefragung waren gemäss der «Aargauer Zeitung» über 20 Prozent der Männer zwischen 18 und 49 Jahren gegen den Vaterschaftsurlaub.

«Ich kenne die einzelnen Fälle nicht. Aber für eine junge Familie, welche auf jeden Franken schauen muss, kann es durchaus ein Thema sein, dass man verzichtet, weil sonst der Vater während zwei Wochen nur 80 Prozent seines Lohnes erhält», weiss Wüthrich.

Vergleich mit Mutterschaftsentschädigung

Vergleichen wir den Vaterschaftsurlaub noch mit der Mutterschaftsentschädigung. Anfang 2022 betrug die Bezugsquote für das erste Quartal 2021 rund 77 Prozent. Die frühere Auszahlung hängt auch mit dem Bezugsverhalten zusammen. Der Urlaub wird direkt nach der Geburt bezogen und wer die Mutter ist, ist von Anfang an klar.

Zudem müssen die Männer den Urlaub nicht am Stück beziehen, sondern können ihre zehn Tage während sechs Monaten nach der Geburt einsetzen. Davon machten 36 Prozent der Väter Gebrauch, deren Kinder im ersten Quartal 2021 geboren wurden.

Nicht jede Geburt löst einen Anspruch aus

Ein weiterer Punkt für die noch immer relativ tiefe Quote von rund 70 Prozent ist, dass nicht jede Geburt automatisch einen Anspruch auf Vaterschaftsentschädigung auslöst. Damit es dazu kommt, muss der Vater erwerbstätig sein und das Kind anerkennen.

Das BSV schreibt dazu: «Rund 10 Prozent aller Kinder werden erst nach der Geburt durch den Vater anerkannt. In einem Viertel dieser Fälle wird die Anerkennung sogar erst sechs oder mehr Monate nach der Geburt unterzeichnet.» In diesen Fällen ist der Anspruch auf Entschädigung bereits verfallen.

Mindestens eine Quote wie beim Mutterschaftsurlaub

Abschliessend kann man sagen: Aktuell fehlen die Daten, um genau zu bestimmen, welcher Anteil an Geburten keinen Anspruch auf eine Vaterschaftsentschädigung auslöst. Klar scheint einzig: Eine Bezugsquote von 100 Prozent wird nie erreicht. Wüthrich sagt: «Wir wollen mindestens eine Quote wie beim Mutterschaftsurlaub erreichen. Ziel ist es, dass jeder Vater davon profitieren kann.»

Genauere Daten gebe es frühestens 2023. Das BSV schätzt den Anteil der Geburten ohne Anspruch zwischen fünf und 15 Prozent. Das BSV publiziert im November 2022 eine Hochrechnung zur Vaterschaftsentschädigung, definitive Werte für das Jahr 2021 sind aber erst ab März 2023 verfügbar.

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93 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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LappiTuedAugeuf!
03.10.2022 07:01registriert August 2021
Arbeitgeber, die ihren Angestellten mittels Drohung oder Mobbing den Vaterschaftsurlaub verweigern, sollten so hart bestraft werden, dass sich solche Einschüchterungsversuche nicht lohnen.
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CaptainLonestarr
03.10.2022 06:28registriert Dezember 2016
Ich kann Väter nicht verstehen wenn sie auf diese 2 Wochen verziichten. Ich habe die 2 Wochen mit meiner kleinen genossen. Aber ich arbeite seit ihrer Geburt auch nur noch 60% um mich um sie kümmern zu können.
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Scaros_2
03.10.2022 06:46registriert Juni 2015
Also unser Unternehmen hat so oder so per default 20 Wochen für die Frauen und 4 Wochen bei den Männern mit VOLLER Lohnfortzahlung. Zwar heisst es offiziell, dass man diese 4 Wochen gleich bei Geburts nehmen müsste aber auch hier ist das Unternehmen flexibel. Für die Zeiterfassung gibt es ein Code und man kann diese 4 Wochen resp. 20 Tagen auch Flexibel nutzen, zu einem späteren Zeitpunkt wo die Frau mehr unterstützung braucht oder so. ist ja auch nicht so, dass jede Frau gleich ist.

So oder so das beste - unbürokratisch und einfach den Lohn weiterzahlen.
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In den vergangenen zwei Monaten gab es vergleichsweise wenige Meldungen zu Nebenwirkungen der Covid-Impfungen bei Swissmedic. Lediglich 55 Betroffene meldeten sich nach einer Boosterimpfung mit einem neuen bivalenten Impfstoff.

Seit Beginn der Covid-Impfungen sammelt die Arzneimittelbehörde Swissmedic die Meldungen unerwünschter Nebenwirkungen, wertet diese aus und zieht nach ein paar Monaten jeweils Bilanz. Zwischen dem 1. Januar 2021 und heute sind von Ärztinnen und Ärzten, Apotheken sowie von Privatpersonen insgesamt 16'212 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen gemeldet worden. Verimpft wurden in dieser Zeit 16.7 Millionen Dosen. Bei weniger als einem Prozent der verimpften Dosen wurden also Nebenwirkungen gemeldet.

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