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K-Pop in Zürich

Auf diesem Bild: Fünf koreanische Prominente mit mehreren Millionen Followern. Plus ein Fan, plus einer, der zufällig da ist (mit Helm und Kind). Bild: watson

Fünf koreanische Megastars drehen eine Sendung in Zürich – und keiner merkt's

Fünf der grössten Popstars Südkoreas reisen gerade durch die Schweiz. Unter dem Motto «The Romance of European Vacation» drehen sie eine Reality-TV-Show, beziehungsweise tingeln sie für ein PR-Projekt für Schweiz Tourismus Südkorea durch das Land. Ein möglichst kurzer Besuch am ersten Drehtag.



Ein Mann mit halblangem schwarzem Haar, Schlangenleder-Hosen und Gitarrenkoffer in der Hand schlendert auf eine Betontreppe zu. Sie gehört zu einem Gebäude, das nach Agglo oder Raststätte oder Autogarage aussieht, es schneit (unter einem Dach), das Licht flackert, es ist Nacht. Alles sehr kitschig und sehr romantisch und sehr trashig. Eine Frau entsteigt einem roten Auto. Schmachtende Blicke hinter farbigen Sonnenbrillen und farbigen Haarsträhnen. We can take it slow.

Das sieht alles ein bisschen nach einer Persiflage aus, aber wahrscheinlich ist das heiliger Ernst, wahrscheinlich geht es um die ganz grosse Liebe und um ganz grosse Gefühle. «Lo Siento» ist das neuste YouTube-Video der koreanischen Boygroup Super Junior, es wurde in einem Monat 26 Millionen Mal angeklickt, Helene Fischers offizieller «Atemlos»-Clip ist da gar nicht mal mehr so weit weg und den gibt’s jetzt doch schon vier Jahre.

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Möglicherweise der erste koreanisch-spanische Hit: «Lo Siento» von Super Junior. Video: YouTube/SMTOWN

Super Junior sind supererfolgreiche Vertreter des K-Pop, ein Sammelbegriff für koreanischsprachige, genreübergreifende Popmusik, die mit der «koreanischen Welle» (auch: Hallyu) Anfang der 00er-Jahre zum Exportschlager Südkoreas wurde. Eines der Mitglieder von Super Junior war am Freitag vor Pfingsten in der Markthalle des Zürcher Viadukts anzutreffen – ein Dreh einer Reality-TV-Show oder viel eher ein nicht ganz sinnvolles PR-Projekt von Schweiz Tourismus Südkorea.

Propaganda Style

Der ursprüngliche Erfolg des K-Pop kam überraschend, seither wird nichts mehr dem Zufall überlassen. K-Pop-Künstler werden fast ausschliesslich von den drei grossen Talentschmieden SM Entertainment, YG und JYP vermarktet. Die nehmen Kinder unter Vertrag und bilden sie aus – nicht nur zu Künstlern, sondern quasi auch zu kulturellen Botschaftern für Südkorea. Die Anwärter durchlaufen eine Art Assessment mit Punktvergabe, trainieren Auftreten und Manieren und den Umgang mit Journalisten. Sie sollen hübsch sein und nett und umgänglich und natürlich erfolgreich. Konfuzianismus meets Kapitalismus.

Die K-Pop-Industrie wird scharf kritisiert – von roboterhaften Künstlern, fehlender Authentizität, Knebelverträgen und systematischer sexueller Ausbeutung ist die Rede. Mit allen Mitteln wird versucht, den Erfolg voranzutreiben, denn Hallyu ist ein wirtschaftlicher Segen. Gangnam Style, der Hit des Musikers PSY, auch er für eine gewisse Zeit bei YG Entertainment unter Vertrag, war dermassen erfolgreich, dass beispielsweise British Airways die Anzahl Flüge nach Seoul erhöhte. Das Kulturministerium in der südkoreanischen Hauptstadt hat unlängst eine eigene Abteilung für Popkulturindustrie aufgemacht, in China, Japan und Taiwan werden mittlerweile mit Quoten südkoreanische Produktionen zurückgedrängt.

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Das erfolgreichste K-Pop-Lied ever: «Gangnam Style», 2012. Video: YouTube/officialpsy

The Romance of European Vacation

Freitag vor dem Pfingstwochenende, 17 Uhr, die Markthalle im Zürcher Viadukt, dem Supermarkt für delikatessensozialisierte Zürcherinnen und Zürcher, ist praktisch leer. Ein unauffälliger dunkelblauer VW Caravelle, Kennzeichen AI, parkt davor, er hat die koreanischen Superstars vom Flughafen direkt in den Zürcher Kreis 5 gekarrt. Diese stehen nun beim britischen Käsestand und bereiten ihre Verkaufstheke vor – Eunhyuk, einer der Latino-Schnulzensänger von Super Junior, Sandara Park, die man auch nicht kennt hier, die aber noch viel erfolgreicher ist als Super Junior (besonders auf den Philippinen) plus drei weitere Popsänger.

Ein gutes Dutzend Kameraleute säumt die gläserne Eingangstür mit kleinen Geräten auf schlanken Stativen, in Turnschuhen, mit Bauchtaschen, gemusterten Shirts und Kopfhörern auf den Ohren laufen die Crew-Mitglieder aufgeregt herum. Vertreterinnen von Schweiz Tourismus Südkorea und Schweiz Tourismus stehen mit Klemmbrettern und etwas Abstand dahinter und wiederholen, dass das alles bewilligt sei, was hier passiere. Die Verkäuferin des italienischen Marktstandes schaut skeptisch zu ihrer heutigen Konkurrenz.

Dann, mit ein bisschen Verspätung, ist Drehbeginn und es passiert – nichts.

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Ein Ausschnitt aus der Staffel, die in Belgien gedreht wurde. Da gab’s immerhin spontane Performances und sowas wie Nervenzusammenbrüche und ein bisschen stürmisches Wetter. Video: YouTube/스튜디오 룰루랄라- studio lululala

Die Popstars müssten koreanische Spezialitäten verkaufen und sich mit diesem Geld ihre Reise finanzieren, sieben Tage unter dem Motto The Romance of European Vacation. Aber hier ist nicht viel zu holen, weder Romantik noch Geld. Nicht gerade verwunderlich – passt doch fast nichts schlechter zu trashigem Koreapop als das Markthallen-Publikum. Tröpfchenweise nähern sich mögliche Kunden dem südkoreanischen Verkaufsstand. Vier Meter daneben halten sich drei beschwipste Männer an der Käsetheke fest und kommentieren die Szenerie stammtischmanierlich. Warum häss da plötssslich so viel Assiate? Überall Assiate. Mir händ müessse übere wäg dene Assiate.

«YouTube halt»

Und die fünf Popstars mit Millionen Followern und Milliarden YouTube-Klicks, von denen man trotzdem immer noch nicht weiss, wer jetzt da eigentlich wer ist, und in welcher Band, tun einem fast ein bisschen leid in dieser dramatisch unspektakulären Szene, in dieser dramatisch unspektakulären Markthalle. Man vermisst irgendwelche Fans und überhaupt irgendwelche Menschen, die nicht zur Crew und nicht zu einer Tourismusorganisation gehören und nicht betrunken sind.

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Das etwas andere «Behind the Scenes». Das Teaserbild verrät den Clou: Die wahnsinnig berühmte Sandara Park (links, in einem Schweizer Zug auf Twitter), ist praktisch inkognito in Zürich unterwegs und muss Sachen machen, die normale Leute machen (rechts). Video: YouTube/What Izz Up?

Irgendwo ist dann doch eine Handvoll auszumachen, insgesamt fünf Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, sie kommen direkt von der Schule, mit riesigen Rucksäcken auf den Rücken und rasenden Herzen. In praktisch akzentfreiem, geschliffenem Englisch – «YouTube halt» – reden sie sich gut zu, sie sind nervös, «huge fans» seien sie, ja, «scho sehr speziell», dass die jetzt hier seien und dann auch noch in Zürich, im eigenen Wohnort. Beide Hände übereinander flach auf die Brust. Die K-Pop-Szene in der Schweiz sei klein, so klein, dass man sich eigentlich sogar unter den Fans kenne, sagen sie. Und wie sie drauf gekommen seien? «YouTube halt».

Selfie gegen koreanische Spezialität

Als sich einer der Stars, wahrscheinlich der Rapper Dindin, der Liebling der jungen Schweizerinnen, aus dem Kamerafeld löst und ein Eis holt, kommt Bewegung in die Gruppe. Da steht er jetzt also einfach, mit Jeansjacke und tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze. Definitiv Starpose. «How should we do this now?» fragt eines der Mädchen, und es folgt eine minutenlange Besprechung, bis das Eis aufgegessen ist und Dindin wieder am Markstand steht. Chance verpasst. Es ist aber ja, zum Glück für die Fans, ein Dreh, bei dem die Menschen mit den Stars «interagieren» sollen, wie es auf der PR-Meldung heisst, die Fünf können, sollen, müssen also schliesslich unter Anleitungen der Regisseurin zu ihren Idolen gehen. «Only one by one!».

Das ist ein ziemliches Ereignis und sehr herzig und klingt dann so: «Jetzt du!» – «oh my god» – «du muesch gar nüt mache, gah eifach, keis Problem, you can do this» – «ich weiss nöd» – «they are nice!» – «did you take a photo?» – «yes» – «selfie?». Strahlendes Nicken. Die 12 Franken für die koreanischen Spezialitäten sind verkraftbar, «sie müssen ja damit rumreisen!,», die Aussage, «if you post your pictures, don’t write that they forced you to buy something» eines Crew-Mitglieds wird irritiert weggenickt. Hauptsache es gab ein hug. 

K-Pop in Zürich

Die koreanischen Grössen des Pops essen Eis. Bild: watson

«Das isch jetzt scho sehr schön gsi», sagt eines der Mädchen draussen, vor den Türen des Viadukts – entrückter Blick, leicht erschöpft – und man ist irgendwie wahnsinnig froh um diese paar Fans. Froh, dass wenigstens irgendjemand das Ganze spannend gefunden hat.

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