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Andrang auf eine S-Bahn am Bahnhof Zürich-Altstetten.
Andrang auf eine S-Bahn am Bahnhof Zürich-Altstetten.Bild: KEYSTONE
Interview

Pro-Bahn-Chef zu Mobility Pricing: «Den Pendlern noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, geht auf keinen Fall!»

Wer zu Spitzenzeiten auf Strasse oder Schiene unterwegs ist, könnte künftig mehr bezahlen müssen. Der Bundesrat will mit interessierten Kantonen und Gemeinden Pilotversuche mit Mobility Pricing durchführen. Im Interview erklärt Kurt Schreiber, Präsident von Pro-Bahn Schweiz, warum das keine gute Idee ist.
30.06.2016, 13:4101.07.2016, 15:15

Der Bundesrat will Mobility Pricing testen. Was halten Sie von diesen Plänen?
Kurt Schreiber: Es wäre besser, der Bundesrat würde sich mit dringenderen Fragen des Öffentlichen Verkehrs und des Strassenverkehrs befassen als mit solchen Sandkastenspielen. Pendler müssen zu einer bestimmten Zeit am Arbeitsplatz sein. Ihnen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, als das schon heute gemacht wird, geht auf keinen Fall!

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Kurt Schreiber, Präsident Pro-Bahn.
bild: zvg

Warum nicht?
Die Pendler leisten bereits einen wichtigen Beitrag, um die Strasse zu entlasten. Zumal sie im Vergleich zum Auto eine doppelt so hohe Arbeitswegszeit in Kauf nehmen. Eine der Stärken des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz ist der freie Zugang zu jedem Zug, ohne im Voraus einen Platz reservieren zu müssen, wie das im Fernverkehr in Deutschland und Italien bereits der Fall ist. Diese Stärke wird nun leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Wo sehen Sie die Motivation des Bundesrats für diesen Schritt?
Man will die Leute erziehen. Aber Erziehungsmassnahmen sind bei der Schweizer Bevölkerung noch nie gut angekommen. Bei den Billettpreisen ist die Schmerzgrenze aus unserer Sicht bereits erreicht. Der Pendler kann sich dagegen nicht wehren, denn die Billetpreise unterstehen keiner Volksabstimmung wie die Automobilsteuer. Eine weitere Preiserhöhung kommt für uns deshalb nicht in Frage.

Welche Lösung sehen Sie für die Engpässe im öffentlichen Verkehr?
Es gibt diese Engpässe, wobei in einigen Fällen die Reisenden selbst etwas tun könnten. Auf der Strecke Zürich-Bern wird oft gejammert, man müsse stehen. Das stimmt einfach nicht. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass sowohl um acht als auch halb acht Sitzplätze vorhanden sind, wenn man denn genügend weit vorne einsteigt.

Was hältst du vom «Mobility Pricing»?

Und bei den S-Bahnen?
Bei den S-Bahnen gelangen wir in der Tat an eine gewisse Kapazitätsgrenze. Hier wären Gespräche mit den Arbeitgebern nötig mit dem Ziel, die Gleitzeiten auszudehnen. Schon eine halbe Stunde oder eine Stunde, von halb neun auf neun oder halb zehn, würde eine spürbare Erleichterung bringen. In diese Richtung aktiv zu werden wäre erfolgsversprechender als neue Zuschläge.

Bis jetzt haben wir nur von Arbeitnehmern gesprochen. Ein bedeutender Teil der Kapazitäten in den Stosszeiten wird aber von Schülern besetzt.
Das bestreite ich nicht und ich würde mir von den Schulen auch etwas mehr Flexibilität wünschen. Muss der Unterricht stur um acht beginnen? Ich hinterfrage das kritisch. Gerade in den Gymnasien könnte ich mir einen Schulbeginn auch um halb neun oder neun vorstellen. Die Stadt Bern wollte so einen Versuch starten, aber dann kam gleich Kritik, die Schüler kämen zu spät nach Hause und hätten keine Freizeit mehr. Dabei kann ein Sporttraining doch auch um halb sieben oder sieben anfangen. Hier braucht es mehr Flexibilität. Mit einem Zuschlag wird man sie nicht erreichen.

Dann soll die Politik Druck auf die Arbeitgeber und die Schulen machen?
Ja, das wäre zielführender. Ebenso der Ausbau von Perrons, damit das Maximum der S-Bahn-Züge auch in kleineren Bahnhöfen ausgenützt wird. Hier existieren noch Kapazitäten.

Haben Sie eine Vorstellung, in welcher Höhe sich die Zuschläge bewegen könnten?
Nein, ich habe auch nur das Communiqué des Bundesrats von heute Morgen gesehen. Klar ist: Einen Steuerungseffekt erreichen Sie nur ab einem gewissen Betrag. Aber wie gesagt, dagegen werden wir uns von Pro-Bahn aus wehren. Ob es jetzt einen Franken oder fünf Franken wird, es ist der falsche Weg.

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