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Plötzlicher Kindstod: Die Urangst aller Eltern

Bild: shutterstock

Der plötzliche Tod eines Kindes ist der schlimmste Verlust für Eltern. Peter Spuhler und seine Frau mussten diese traurige Erfahrung machen. Der plötzliche Kindstod ist in der Schweiz aber zum Glück selten geworden.

Alexandra Fitz / Aargauer Zeitung



Es ist fast 30 Jahre her. Trotzdem denkt sie jeden Tag an sie. An ihre kleine Alina, die mit zarten zwei Monaten in ihrem Bettchen eingeschlafen ist und nicht mehr aufwachte. Die Mutter fühlte sich alleine, litt an Depressionen. Die Ehe zerbrach.

Der Tod eines Kindes ist der schlimmste Verlust für Eltern. Es ist eine Tragödie, auf die sich niemand vorbereiten kann. Ein scheinbar gesundes Kind wird zum Schlafen ins Bett oder in den Kinderwagen gelegt. Sieht man das nächste Mal nach ihm, ist es tot. Eine Horror-Vorstellung für jede Mutter und jeden Vater.

Was man selbst tun kann

Die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP), um das Risiko des plötzlichen Kindstods zu reduzieren:
_ Schlafen auf dem Rücken auf einer festen Unterlage
_ Schlafen im eigenen Bett. Der sicherste Schlafort für einen Säugling ist das eigene Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern. Sinnvolle Alternative: Kinderbetten, die angedockt werden
_ rauchfreie Umgebung (bereits während der gesamten Schwangerschaft)
_ Vermeiden von Überwärmung (optimale nächtliche Raumtemperatur von 18 Grad)
_ Stillen im 1. Lebensjahr
_ Nuggi ohne Zwang

Die Elternvereinigung SIDS Schweiz, eine Vereinigung betroffener Eltern, die ihr Kind durch einen plötzlichen Kindstod verloren haben, unterstützt Eltern in ihrer Trauer. Sie bietet Selbsthilfegruppen und eine Plattform für den Austausch.

>>> swiss-paediatrics.ch
>>> sids.ch
>>> swissmom.ch
>>> www.fpk.ch

Peter Spuhler (56), Favorit für den zweiten SVP-Sitz im Bundesrat und Stadler-Rail-Chef, ist von einem solchen tragischen Unfall in der Familie betroffen. Er und seine Frau haben ihren Sohn Laurin verloren. Er wurde nur 7 Wochen alt.

Eltern kontrollieren in den ersten Wochen den Schlaf ihres Winzlings, fühlen minütlich, ob er noch atmet. Manche Kinder werden sogar verkabelt, mit Monitoren wird ihre Atmung und Herzfrequenz überwacht.

Der Unternehmer ist Vater von zwei Kindern (21 und 24) aus erster Ehe. Mit seiner zweiten Frau Daniela (38) hat er ein sechsjähriges Mädchen. Mitte September hat sie ein zweites Kind zur Welt gebracht. Letzten Freitag ist der Bub völlig unerwartet gestorben: «Wir haben Dich so voller Sehnsucht und Freude erwartet. Mit viel Liebe und grossem Stolz durften wir Dich leider nur kurz bei uns haben», schreibt das Ehepaar in einer Todesanzeige in der «NZZ». Das nahe Umfeld bestätigt den plötzlichen Kindstod als Ursache.

Selten, aber in den Köpfen der Eltern präsent

Unter dem plötzlichen Kindstod – auch Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) genannt – versteht man das plötzliche, unerwartete Versterben eines scheinbar gesunden Säuglings in den ersten 12 Monaten, ohne dass in der Autopsie und in der Vorgeschichte eine Ursache für den Tod gefunden werden konnte.

Obwohl der plötzliche Kindstod immer seltener wird und die Rate seit den 90er-Jahren rückläufig ist (1989: 100 Fälle, 1999: 35, 2009: 13, 2013: 9) gilt er aufgrund der gesunkenen Sterblichkeitsrate der Säuglinge als häufigste Todesursache bei Kindern im ersten Jahr.

Bild

quelle: bfs

Bei frischgebackenen Eltern schwingt er als Urangst mit. Zu viel hat man vom «Plötzlichen Kindstod» gehört. So kontrollieren Eltern in den ersten Wochen den Schlaf ihres Winzlings, fühlen minütlich, ob er noch atmet. Manche Kinder werden sogar verkabelt, mit Monitoren wird ihre Atmung und Herzfrequenz überwacht.

Grösstes Risiko zwischen dem 2. und 4. Monat

Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft kann der plötzliche Kindstod weder von den Eltern noch von Ärzten vorhergesehen oder erklärt werden. Man weiss, dass Jungen etwas häufiger betroffen sind als Mädchen. Zudem kommt es in den Wintermonaten häufiger zu SIDS-Fällen als im Sommer. Zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensmonat ist die Gefahr für einen plötzlichen Kindstod am grössten, mit zunehmendem Alter das Risiko kleiner.

Obwohl die genaue Ursache nach wie vor unklar ist, gibt es einige Risikofaktoren. Eine Langzeitstudie bewies, dass die Bauchlage der Babys der mit Abstand wichtigste Risikofaktor ist. Weitere Risiken: Rauchen, Frühgeburt und geringes Geburtsgewicht, sehr junge Mütter sowie Mehrlingsgeburten.

Aussenstehende können die Trauer der Familie nicht nachempfinden. Aber es gibt Menschen, die diese schreckliche Situation erleben mussten und nun anderen Eltern beistehen.

Rücken- oder Bauchlage?

Nach den 90er-Jahren ist in vielen Ländern ein Rückgang zu beobachten. Er hängt mit den revidierten Schlafempfehlungen für Kleinkinder zusammen. Bis dahin liess man Babys auf dem Bauch schlafen, weil man Angst hatte, dass sie in der Rückenlage an erbrochener Nahrung ersticken könnten.

1992 gab die American Academy of Pediatrics die Empfehlung heraus, Säuglinge in Rückenlage schlafen zu lassen. Die Häufigkeit des plötzlichen Kindstods konnte dadurch massiv verringert werden. Heute gehört die SIDS-Rate in der Schweiz im internationalen Vergleich zu den tiefsten.

Oft wird die Ehe auf die Probe gestellt

Vielleicht ist der Schock über so eine Nachricht gerade deshalb so gross. Aussenstehende können die Trauer der Familie nicht nachempfinden. Aber es gibt Menschen, die diese schreckliche Situation erleben mussten und nun anderen Eltern beistehen, wie sie mit dem abrupten Tod ihres Babys umgehen können. So wie die Elternvereinigung SIDS Schweiz.

Sie beanworten konkrete Fragen: Musste unser Kind leiden? Müssen wir nun für die anderen Kinder besondere Massnahmen treffen? Das Team hilft aber auch bei der Trauerarbeit. So raten sie Eltern etwa eine begleitende Person zu suchen und sich genügend Zeit für den Abschied des toten Kindes zu nehmen.

Thema sind auch die Geschwister. Eltern müssen ihre Bedürfnisse wahrnehmen und alles dafür tun, dass sie ihre anderen Kinder in der Trauer nicht vernachlässigen – sie brauchen gerade jetzt umso mehr Liebe und Zuwendung. Aber auch die Eltern sollen sich selbst nicht vernachlässigen. Denn die Ehe werde durch den Tod eines Kindes auf die Probe gestellt. Nicht selten zerbreche die Beziehung der Eltern.

 

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