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Kerosin-Knappheit: Roland Pfister sagt, warum er eingreifen musste

Ein Mann der Firma Skytanking fuellt den Tank eines Swiss International Air Lines Flugzeugs mit dem Treibstoff Kerosin auf, aufgenommen am Donnerstag, 23. April 2026 auf dem Rollfeld am Flughafen Zuer ...
Am Flughafen Zürich fliesst bis November Kerosin aus den Pflichtlagern.Bild: keystone

Kerosin-Knappheit: Krisenchef des Bundes sagt, warum er eingreifen musste

Der Bund muss immer öfter die Pflichtlager anzapfen. Der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung spricht von einem «aussergewöhnlichen Jahr».
16.10.2026, 21:5616.10.2026, 21:56
Pascal Michel
Pascal Michel

Roland Pfister hat einen turbulenten Einstieg hinter sich. Seit der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung sein Amt vor Jahresfrist angetreten hat, musste er bereits mehrmals die Pflichtlager freigeben – für Benzin und Diesel, für Protein-Futtermittel wie Sojaschrot, und jüngst auch für Kerosin. «So viele Bezüge innert kurzer Zeit hat es noch nie gegeben», sagt er im Gespräch mit «Schweiz heute».

Einen Grund dafür sieht Pfister in den unterschiedlichen Krisen auf der Welt, die gerade ineinandergreifen: Krieg im Nahen Osten, die darauffolgenden Verwerfungen auf den Energiemärkten und schliesslich die anhaltende Trockenheit. «Unsere Versorgungssysteme stehen stark unter Druck, weil die globalen Abhängigkeiten gross sind. Dort, wo die Wirtschaft die Auswirkungen nicht mehr bewältigen kann, greifen wir ein.»

Bahnchaos und Trockenheit

So wie am Donnerstag. Da drohte am Flughafen Zürich das Flugpetrol auszugehen. In seiner Funktion kann Pfister anordnen, dass die Pflichtlager – sei es für Treibstoff, Lebensmittel oder Arzneimittel – um bis zu 20 Prozent unterschritten werden dürfen. Damit am Zürcher Flughafen weiterhin Flugzeuge abheben können, stehen nun 30 Millionen Liter aus den Reserven bereit. Das sind 6,5 Prozent der Pflichtlagermenge für Flugpetrol.

Den Ausschlag zur drohenden Mangellage haben Bahnprobleme in Deutschland gegeben. Pfister erklärt, man habe aktuell ein Logistik-, nicht ein Mengenproblem. Das Kerosin ist auf dem Weltmarkt verfügbar. Doch der Transport in die Schweiz gestaltet sich gerade schwierig. Das liegt daran, dass zwei von drei zentralen Logistikrouten für Treibstoff derzeit eingeschränkt sind.

In Deutschland fielen zuletzt ganze Güterzüge wegen Bauarbeiten aus. Hinzu kamen Störungen bei Rangierloks. «Das wäre an sich noch kein Problem», sagt Pfister. Denn Mineralöle kommen nicht nur per Bahn ins Land. Es gibt weiter eine Pipeline nach Genf, und ein wichtiger Transportweg ist der Rhein.

Nur: Wegen des Hitzesommers und der anhaltenden Trockenheit ist der Schiffsverkehr praktisch zum Erliegen gekommen. Tankschiffe bringen wegen des tiefen Wasserstands kaum mehr Treibstoff in die Schweiz. «Wenn zwei von drei Lieferwegen eingeschränkt sind, wird es eng», erklärt Pfister.

Nach Gesprächen mit Experten aus der Mineralölbranche und den Flugpetrolimporteuren erkannte die wirtschaftliche Landesversorgung diese Woche eine drohende Kerosin-Mangellage. Die Pflichtlager helfen nun bis Anfang November aus.

Dann hofft Roland Pfister auf eine Entspannung, weil die Fluggesellschaften mit dem Ende des Sommerflugplans jeweils deutlich weniger Kerosin benötigen. «Wir beobachten die Situation aber weiterhin genau.»

Roland Pfister, Delegierter fuer wirtschaftliche Landesversorgung spricht an einer Medienkonferenz ueber Hitze und Trockenheit in der Schweiz, am Mittwoch, 26. August 2026, im Medienzentrum Bundeshaus ...
Roland Pfister, Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung.Bild: keystone

Die Passagiere und die Fluggesellschaften bemerken derweil nichts davon, dass ihr Flugzeug mit Reserven fliegt. «Die Lieferanten beliefern ihre Kunden weiterhin ganz normal», sagt Pfister. Das heisst auch, die Swiss als Schweizer Airline wird am Flughafen Zürich nicht bevorzugt mit Kerosin bedient.

Premiere beim Sojaschrot

Angespannt bleibt die Versorgungslage bei Diesel und Benzin. Dort machen sich ebenfalls die Logistikprobleme bemerkbar. Zuletzt musste Roland Pfister Anfang September eine Pflichtlagerfreigabe tätigen, weil die Erdölraffinerie in Cressier NE ihren Betrieb unterbrechen musste.

Mittlerweile konnte der Bund die Hilfe wieder einstellen. Bei Benzin und Diesel reichen die Pflichtlager bei einem Totalunterbruch der Importe und bei durchschnittlicher Nachfrage für 4,5 Monate, beim Kerosin sind es 3 Monate.

Das sind allerdings nur Zielwerte. Beim Flugpetrol liegen aktuell 2,5 Monate in den Pflichtlagern. Das hat zwei Gründe. Einerseits kam ein neuer Importeur in die Schweiz, der erst seine Lager auffüllen muss. Andererseits brach der Kerosinverbrauch während der Pandemie ein. Dementsprechend sanken die Vorgaben. Weil diese über vier Jahre hinweg berechnet werden, wirkt das weiter nach.

Die Interventionen des Bundes zeigen, wie anfällig die Treibstoffversorgung im Moment auf unvorhergesehene Ereignisse reagiert. Bahnausfälle und eine Trockenperiode reichen, im Zusammenspiel mit den Verwerfungen auf den internationalen Energiemärkten, um das System aus dem Gleichgewicht zu bringen.

«Ein aussergewöhnliches Jahr»

Das wird nicht nur beim Kerosin deutlich. Kürzlich musste Roland Pfister die Pflichtlager für sogenannte Protein-Futtermittel anzapfen. Dazu gehört etwa Sojaschrot. Die Bauern haben aktuell zu wenig Futter, weil sie im Hitzesommer viel weniger Heu ernten konnten und bereits zu ihren Wintervorräten greifen mussten. Zudem kommt Sojaschrot über den Wasserweg in die Schweiz. Und dieser ist wegen der tiefen Pegelstände stark eingeschränkt. Es ist das erste Mal überhaupt, dass die Schweiz auf diese Futtermittel-Pflichtlager zurückgreifen muss.

Das gibt Roland Pfister zu denken. Der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung kennt sich mit Krisenvorsorge aus, war zuletzt bei der Migros stellvertretender Leiter des Krisenstabs. Dennoch muss er festhalten: «Das aktuelle Jahr ist in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich.»

Er ist aber überzeugt, dass das Vorsorgesystem der Schweiz, das auf dem Milizprinzip basiert, die richtigen Antworten hat. «Lange wurden die Pflichtlager belächelt, man fand sie altmodisch und ineffizient. Jetzt zeigt sich, dass es sich lohnt, in die Vorsorge zu investieren.» (schweizheute.ch)

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